Ezelsdorfer Stiftung erhält Inklusionspreis

Sicher schwimmen trotz Handicap

Zusammen mit ihrer Schwimmlehrerin Beate Haut (links) hat Lena Welsch so viel Spaß im Wasser, dass sie sich nun selber als Inklusionsschwimmlehrerin ausbilden lassen will. | Foto: privat2018/12/Ezelsdorf-Gallitz-Stiftung1.jpg

EZELSDORF/NÜRNBERG – Der 2017 gegründeten Bewegung „Deutschland schwimmt“ wachsen langsam Flügel, um nicht zu sagen Schwimmflügel. Nachdem der Stiftung im September diesen Jahres der Inklusionspreis des Bezirks Mittelfranken verliehen wurde, nimmt ihr Bekanntheitsgrad stetig zu und immer mehr Unterstützer machen sich für die gute Sache stark – ideell, aber auch finanziell. Zweck des Zusammenschlusses ist die Idee von Stiftungsgründer und Schwimmlehrer Alexander Gallitz, 100 speziell ausgebildete Schwimmlehrer zu rekrutieren, die jungen Menschen mit Behinderung das Schwimmen beibringen – ein ambitioniertes Projekt, das natürlich kostet.

Zwei Workshops gab es bisher im Langwasserbad in Nürnberg, bei denen es darum ging, möglichst viele motivierte Menschen für die Schwimmlehrerausbildung zu gewinnen. Informationen von Personen, die entweder mit gehandicappten jungen Leuten arbeiten oder selber Einschränkungen haben, standen dabei im theoretischen Teil im Vordergrund, im Anschluss wurden praktische Übungen im Wasser durchgeführt.

Mindestens die Hälfte aller Workshop-Teilnehmer im Langwassserbad möchten nun als qualifizierte Schwimmpädagogen bei Deutschland schwimmt einsteigen. | Foto: privat2018/12/Ezeldorf-Gallitz-Stiftung2.jpg

Während der erste Workshop im April noch eher den Charakter eines Brainstormings hatte, wurden beim zweiten Ende November, der mit Unterstützung des Landkreises Nürnberger Land im Rahmen des Projekts „Unterstützung Bürgerengagement“ stattfand, ganz gezielt Themen und Fragestellungen angegangen, die bei der Realisierung des im doppelten Sinn sportlichen Projekts im Mittelpunkt stehen.

Spezielle Brillen und Bleiwesten

Eine große Hilfe dabei war die Sozial-Pädagogin Nassim Geiß von der Lebenshilfe, die in einem sehr ausführlichen Referat verschiedene Krankheitsbilder vorstellte. Kompetenter Umgang mit den unterschiedlichsten Handicaps ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit mit den jungen Leuten im Wasser. „Ich habe dabei sehr viel gelernt“, bekennt selbst Gallitz als Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbands.

Um sich in die Schützlinge hineindenken zu können, setzten sich die Lehrer spezielle Brillen auf, um etwa Blindheit zu simulieren, sie trugen Bleiwesten oder ließen sich einen Arm fixieren, damit sie die Sinnes- und Bewegungseinschränkungen der gehandicappten Schwimmschüler besser nachvollziehen konnten.

Gallitz freut sich darüber, dass immerhin 14 Interessierte den Weg ins Langwasserbad gefunden haben, darunter drei Damen eines Behindertensportvereins, von denen nun eine selber eine Ausbildung zum Inklusions-Schwimmlehrer machen möchte, ebenso wie die junge Lena Welsch, die sich im Rahmen des Schwimmtrainings so für den Sport begeisterte, dass sie sich selber engagieren und anderen helfen möchte. Insgesamt die Hälfte aller 14 Kurs-Teilnehmer zeigte Ambitionen, hier einzusteigen.

Artem Selin als Galionsfigur

Für besondere Öffentlichkeitswirksamkeit sorgen auch diverse Sportbotschafter, die nicht nur als Galionsfiguren für die Ziele der Stiftung werben, sondern auch durch ihre persönlichen Erfolge zeigen, was – manchmal trotz Handicap – erreichbar ist. An erster Stelle steht hier Artem Selin, der kürzlich mit 16 Jahren jüngster Deutscher Meister aller Zeiten über 50 Meter Freistil geworden ist und für Nübad-Flipper, Nürnberg, startet.

Botschafter für Deutschland schwimmt: der 16-jährige Artem Selim (Mitte), der kürzlich über 50 Meter Freistil einen neuen deutschen Altersrekord aufstellte. | Foto: privat2018/12/Ezelsdorf-50-f-siegerehrung.jpg

Auch Marie Brockhaus vom Stützpunkt Heidelberg erzielte einen beachtlichen vierten Platz über 200 Meter Schmetterling und einen achten über 200 Meter Rücken. Auch sie engagiert sich für Deutschland schwimmt ebenso wie Lokalmatador und Gallitz-Sohn Paul Reither oder die blinde Erfolgsschwimmerin Elena Krawzow.

Für 2019 steht zunächst die Weiterentwicklung des Konzepts auf dem Programm, bei dem nach wie vor an erster Stelle steht, in Kooperation mit dem Deutschen Schwimmlehrerverband möglichst vielen Schwimmlehrern zur benötigten Zusatzqualifikation zu verhelfen. 40 Stunden Ausbildung sind dafür vorgesehen, 600 bis 800 Euro kostet ein Ausbildungsmodul, Gallitz will diese Fortbildung allen Interessierten für maximal 250 Euro ermöglichen, denn „schließlich wollen wir ja auch ganz junge Leute für unser Projekt gewinnen“.

TV-Team hat sich angemeldet

Damit die Finanzen kein Hindernis darstellen, ist man auf Zuwendungen angewiesen, weiß Gallitz und freut sich, dass immer wieder ordentliche Beträge auf dem Konto der Stiftung zu verbuchen sind. Nach der Auszeichnung mit dem Inklusionspreis des Bezirks, der 5000 Euro einbrachte, gingen viele Türen auf: So wurde man zum Beispiel bei der Vergabe der Datev-Weihnachtsspende mit einem namhaften Betrag bedacht. Und auch die Medienwelt interessiert sich immer häufiger für das Vorhaben: ZDF Logo hat sich bereits angemeldet und möchte ein Feature drehen.

Dass der qualifizierte Schwimmunterricht für Kinder mit Behinderung auch tatsächlich Erfolge zeigt, kann Gallitz selber bestätigen. Er hat bereits drei Schwimmlehrer ausgebildet, die schon unterrichten, und selber hat er sechs Kinder mit Einschränkungen der Lebenshilfe Schönberg im Alter von vier bis zehn Jahren unter seine Fittiche genommen, die mittlerweile alle schwimmen können. Aktuell ist man bereits dabei, das Seepferdchen in Angriff zu nehmen. Da sollte das nächste große Ziel, Deutschlands erstes 24-Stunden-Inklusions-Schwimmen im Sommer, eigentlich realisierbar sein.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler