Bahnlärm und kein Ende

Gegen die Wand

Viele Anwohner wirken nach Jahren vom Bahn-Lärm regelrecht demoralisiert. | Foto: Geist2018/02/Feucht-Bahnlaerm-Laermschutz-Mauer-1.1..jpg

NÜRNBERGER LAND – Sie rattern, quietschen, surren und dröhnen: Vor allem Güterzüge machen Anwohnern zu schaffen. Im Verbreitungsgebiet des Boten wohnen und schlafen zahlreiche Menschen in direkter Gleisbettnähe – ohne Lärmschutzwand. Die Züge fegen geradezu durch ihre Vorgärten. Daran dürfte auch der neue Lärmaktionsplan des Eisenbahn-Bundesamts wenig ändern.

Aus dem südlichen Landkreis beteiligten sich im vergangenen Sommer allein 67 Feuchter und 184 Burgthanner Bürger an Teil A des Lärmaktionsplans. Die Ergebnisse stellte das Eisenbahn-Bundesamt kürzlich vor.

Die Statistik gibt unter anderem Auskunft über bestehende und geplante Lärmschutzmaßnahmen sowie die Zahl betroffener Bürger. Demnach sind in Feucht 70 Personen einer Lärmbelastung von mehr als 75 Dezibel ausgesetzt, im Gemeindegebiet Burgthann sogar 100. Zum Vergleich: Einen Rasenmäher taxieren Akustiker mit etwa 70, einen Presslufthammer mit circa 80 Dezibel. Auf Schallschutzwände hoffen sollten die Anwohner dennoch nicht.

Teil A des Lärmaktionsplans schreibt von 2,2 Kilometern Wand in Feucht und zwei Kilometern in Burgthann. Weitere sind weder in Bau noch in Planung noch laufen irgendwo schalltechnische Untersuchungen.

Wand nur in Eigeninitiative

Feuchts Bürgermeister Konrad Rupprecht (CSU) ist schon froh, dass sich überhaupt ein grün-weißer Korridor durch seinen Ort zieht. „Die erste Planung der Bahn war fragmentartig und nur zwei Meter hoch, das hätte große Nachteile bedeutet“, sagt Rupprecht und erinnert sich an zähe wie intensive Verhandlungen, um den Status quo zu erzielen.

Einer Verlängerung der Wand stünden auch rechtliche Gründe in Form eines Bebauungsplans entgegen. Statt Bund und Bahn könnten lediglich die Eigentümer der anliegenden Grundstücke und Häuser tätig werden. Oder die Kommune. Doch das schließt Rupprecht aus und verweist auf die Lärmbelastung durch Verkehrsachsen wie B8 oder Nürnberger Straße, deren Anwohner ebenfalls leidgeprüft sind.

Da möchte die Gemeinde nicht mit zweierlei Maß messen. Die Marktgemeinde rief ihre Bürger kürzlich per Pressemitteilung zur Beteiligung am Lärmaktionsplan auf. „Man muss immer wieder auf sich aufmerksam machen“, sagt Rupprecht, „vielleicht höhlt steter Tropfen ja doch den Stein“.

Gleis 3 für mehr Lärmschutz?

Burgthanns Bürgermeister Heinz Meyer (CSU) betrachtet den Lärmaktionsplan ganz pragmatisch. „Am Lärmschutz wird sich dadurch nichts ändern. Der kommt erst, wenn das dritte Gleis gebaut wird, weil dann die gesetzliche Regelung greift und nicht mehr der Bestandsschutz.“ Beteiligen werde sich die Kommune am Lärmaktionsplan zwar trotzdem. Nur seinen Bürgern suggerieren, dass sie durch ein Kreuzchen an der richtigen Stelle eine Lärmschutzwand bekämen, das möchte er tunlichst vermeiden.

Noch bis Mittwoch, 7. März, können sich Bürger per Post oder im Internet unter www.laermaktionsplanung-schiene.de an Teil B des Verfahrens beteiligen.

Nach der Befragung im Sommer 2017 geht es diesmal jedoch nicht um Bahnlärm, sondern um das Prozedere des Aktionsplans. Unter anderem möchten die Verantwortlichen wissen, ob sich die Bürger ausreichend über den Plan informiert fühlen oder wie sie den Ablauf bewerten. Und zu guter Letzt stellt das Eisenbahn-Bundesamt die Frage: „Wie wichtig finden Sie das Erscheinungsbild von Lärmschutzmaßnahmen entlang der Strecke?“ Nicht nur in Feucht und Burgthann dürfte das vielen Menschen ziemlich egal sein – Menschen wie Alexandra Braun, Walter Kunz und Reinhard Döring. (siehe unten)

„Das Ganze gleicht einer Beschäftigungstherapie“

Alexandra Braun (r.) und Ursula Noichl leben am Mühlbachweg. | Foto: Geist2018/02/Burgthann-Bahnlaerm-Laermschutz-Braun.jpg

Alexandra Braun, 58 Jahre, aus Burgthann: „Ich bin heute früh Gassi gegangen, bin noch nicht einmal beim dritten Haus angelangt und schon sind drei Güterzüge an mir vorbei gefahren. Die Strecke hier ist wirklich sehr stark frequentiert. Die S-Bahn stört nicht so, die ist ja vergleichsweise leise. Aber die Güterzüge sind lang und extrem schnell. Und das innerhalb der Ortschaft. Ihr Lärm stört und nervt jeden hier. Man braucht sich im Garten auf der Vorderseite des Hauses nicht auf die Wiese setzen. Und selbst wenn man drinnen ist und alle Fenster geschlossen hat, dann vibriert und wackelt es. Im ersten Stock habe ich sogar schon Risse in der Wand. Ich finde, das ist schon heftig. Auch auf der Terrasse, wo wir im Sommer gerne kochen, muss man Gespräche immer wieder unterbrechen. Das ist einfach unangenehm! Und gesund ist der Lärm sicher auch nicht.

Inzwischen sind 17 Jahre vergangen, seit mein Mann begonnen hat, sich zu engagieren. Und nichts ist passiert. Ich werde mich zwar wieder am Lärmaktionsplan beteiligen, aber von Haus zu Haus gehen und Unterschriften sammeln, das muss dieses Mal jemand anderes machen. Das Ganze gleicht doch einer Beschäftigungstherapie. Und es macht mürbe. Die Ideallösung wäre für alle Anwohner natürlich eine Schallschutzwand. Aber ob das in diesem Jahrhundert noch was wird? Die Bahn sagt, sie geht es nichts an. Und der Bürgermeister findet den Lärm zwar auch unzumutbar, aber er kommt auch nicht weiter. Vom Lärm einmal abgesehen, ist der jetzige Zustand natürlich auch gefährlich. Hier leben Familien mit Kindern, da sollte es doch völlig normal sein, die Gleise abzusichern.“

mm/chg

„Da hilft auch kein Schallschutzglas“

Karola und Reinhard Döring auf ihrer Terrasse an der Ludwig-Thoma-Straße.2018/02/Feucht-Bahnlaerm-Laermschutz-Doering.jpg

Reinhard Döring, 68 Jahre, aus Feucht: „Wenn man draußen sitzt und ein Güterzug kommt, mit 44 Waggons, da braucht man sich nicht unterhalten. Oder im Sommer mit offener Terrassentür die Sportschau schauen – das kann man vergessen! Manchmal kommen zehn bis zwölf Güterzüge in der Stunde, da macht Fernsehen keinen Spaß. Am stärksten ist der Güterzugverkehr aber in der Nacht. Unser Schlafzimmer zeigt zu den Gleisen hin, mittlerweile habe ich schon Einschlafstörungen. Und dann knallen mitten in der Nacht Güterzüge mit einem Pegel durch, bei dem man spürt, wie schlecht die Bereifung ist. Früher haben wir ein paar Häuser weiter gewohnt. Da war es noch schlimmer: Wenn der Zug in Ochenbruck losgefahren ist, hat man das hier schon gehört. Der Lärm ist angeschwollen, dann kam der Schlag und dann hörte man ihn ausklingen. Und selbst wenn wir hier alle Fenster geschlossen halten, glaubt man bei einem lauten Zug, die Fenster stünden offen und man spürt die Vibration. Da hilft auch kein Schallschutzglas. Als die Lärmschutzmauer in Feucht gebaut wurde, hat man kurz vor unserem Wohngebiet aufgehört. Die Bahn meinte, dass unsere Häuser mit ausreichend Schallschutz gebaut wurden. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich spüre nichts davon. Ideal wäre eine Schallschutzwand und wenn die Bahn ihre Radkästen einhausen würde.

Sie nutzt die Strecke als Verdienstmöglichkeit, also soll sie uns Bürger auch vor dem Lärm schützen. Aber solange der Gesetzgeber nicht einschreitet, wird da nichts passieren. Nochmal umziehen wollen wir jedenfalls nicht. In Feucht hat man eben die Autobahn, eine laute Straße oder die Bahn vor der Tür.“

mm/chg

„Verantwortung liegt ganz klar bei der Bahn“

Walter Kunz steht nur wenige Schritte vor seinem Gartenzaun am Jägersteig.2018/02/Ezelsdorf-Bahnlaerm-Laermschutz-Kunz.jpg

Walter Kunz, 70 Jahre, aus Steinbach: „Am schlimmsten fällt der Bahnlärm auf, wenn man draußen ist. Trifft man einen Nachbar und die Bahn fährt vorbei, muss man das Gespräch unterbrechen. Es ist unmöglich, sich da noch zu verständigen. Wenn wir Gäste haben, sagen sie immer: Was ist denn bei euch los, wie viele Züge kommen denn da vorbei? Der Verkehr hat in den vergangenen Jahren definitiv zugenommen. Früher, wenn ich zum Bahnhof runtergegangen bin und einen Zug gehört habe, dann wusste ich: Okay, ich schaff es zu meiner Bahn. Heute fahren zwei Züge durch, bis ich am Bahnhof angekommen bin.

Wann immer sich die Möglichkeit bietet, sich bei der Bahn zu melden und sich einzubringen, dann reagiere ich darauf. Beim Lärmaktionsplan beteilige ich mich auch jedes Mal. Vor vielen Jahren war sogar eine Schallschutzmauer vorgesehen, unten am Bahnweg. Doch der Hang darüber ist instabil. Ihn zu befestigen und eine Schallschutzmauer zu bauen, das ist den Verantwortlichen scheinbar zu teuer. Die Bahn hat uns vor Jahren schon Schallschutzfenster angeboten, aber wir hätten zehn Prozent der Kosten übernehmen müssen und das Angebot hat nur für die Bereiche des Hauses gegolten, in denen die Lärmwerte messbar überschritten werden. Außerdem hätten die Fenster nicht zu meinen anderen gepasst. Dann hab ich es bleiben lassen.

Die Ideallösung ist für mich nach wie vor eine Schallschutzmauer. Die Verantwortung liegt meiner Meinung nach ganz klar bei der Bahn. Ich glaube aber nicht, dass sich da etwas ändert. Meine einzige Hoffnung ist, dass sich die Bahn bemüßigt fühlt, etwas zu tun, wenn das dritte Gleis kommt.“

mm/chg

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