Der neue alte „Postmeister“

Der Gastraum der zukünftigen „Osteria“ ist noch die reinste Baustelle. Kaum vorstellbar, dass hier in ein paar Wochen Pizza, Pasta & Co. serviert werden sollen2010/09/Postmeister2_1283958389.jpg

GRÜNSBERG – Man nehme ein wenig handwerkliches Geschick, fachliche Kenntnisse und viel Kalkputz, Holz und Naturmaterial und mische alles mit einer gehörigen Portion Eigeninitiative und Enthusiasmus. Heraus kommt ein Projekt, bei dessen Größenordnung viele von vornherein kapitulieren würden. Für den Schlossstandort Grünsberg und vor allem für den altehrwürdigen „Gasthof zum Postmeister“ ist es ein wahrer Glücksfall.

Denn Thomas und Angelika Kiesel haben es sich zur Aufgabe gemacht, das jahrhundertealte Gebäude komplett zu renovieren und zu seiner ursprünglichen Funktion als Gaststätte zurückzuführen. Der Bau, der direkt gegenüber von Schloss Grünsberg liegt, ist schon viele hundert Jahre alt und entsprechend baufällig.

Den Entschluss zu diesem Mammutprojekt haben die beiden Burgthanner vor allem aus zwei Gründen gefasst: Thomas Kiesel, der selbst eine kleine Garten- und Landschaftsbaufirma betreibt und aus Sanierungsaufträgen in der Umgebung schon gewisse Fachkenntnisse auf dem Gebiet erworben hat, trug sich bei dem Anblick des vor sich hin modernden Fachwerkhauses schon länger mit dem Gedanken, die Renovierung zu übernehmen. Allerdings hatten weder er noch seine Frau Ambitionen, eine Wirtschaft zu führen.

Der Zufall ergab es, dass den Betreibern des italienischen Restaurants „La Grappa“ in Burgthann, dem Stammitaliener des Ehepaares, die Pacht gekündigt wurde.

Also suchten diese dringend neue Räumlichkeiten. Um den Wirtsleuten eine Möglichkeit zu geben, ihren Betrieb wieder aufzunehmen, fiel die Entscheidung bei den Kiesels nach einigen Besichtigungen und Besprechungen mit der Denkmalpflege relativ schnell. Anfang Juli 2010 hatte der „Postmeister“ offiziell den Besitzer gewechselt.

Seitdem wird mehrmals pro Woche im und ums Haus gewerkelt und gehämmert, verputzt und gemauert. Installateure, Maurer und viele freiwillige Helfer sorgen nun schon seit knapp zwei Monaten dafür, dass das Aussehen des Gebäudes sich ständig verändert. Am Anfang war der Außenbereich dran, dann folgte die Entrümpelung, alter Putz und Vertäfelungen mussten entfernt, neue Mauern hochgezogen werden.

Die Denkmalschutzbehörde steht glücklicherweise beratend zur Seite und lässt den tatkräftigen Handwerkern ansonsten freie Hand, was die Arbeitsvorgänge betrifft. Es sollen zwar so viele der ursprünglichen Bestandteile wie möglich erhalten werden, aber das ist auch das Anliegen der neuen Besitzer. Nicht umsonst haben sie das Haus gekauft, es ist in ihren Augen einfach zu schade, um seinen Charme verfallen zu lassen.

Die teilweise etwa 400 Jahre alten Elemente wie Wandvertäfelungen und sogar ein alter Kachelofen sollen also unbedingt bestehen bleiben.

Dass dazu besonderer Arbeitsaufwand und auch ein wenig Kreativität und langer Atem vonnöten sind, kann sich jeder denken. Geschützte Teile müssen herausgenommen und vorsichtig restauriert werden, um dann eventuell zusammen mit neuen Elementen wieder an den alten Platz montiert zu werden. Das alles erfordert natürlich eine gewisse Sachkenntnis, doch die traut Thomas Kiesel sich zu. „Ich verstehe was von meiner Arbeit, und unsere Handwerker tun das auch“, ist er sich sicher. Bis jetzt sind auch noch keine unerwarteten Schwierigkeiten aufgetreten. Und bis auf einen Statiker und spezielles Arbeitsgerät von befreundeten Firmen sind keine „Profis“ am Werk. Selber machen lautet die Devise.

Dass das Ganze neben viel Arbeit vor allem auch Geld kostet, hätte den Einsatz der Kieslers fast verhindert. Die Banken geben nämlich keine Darlehen für denkmalgeschützte Objekte, weswegen die Privatleute vollkommen auf sich allein und die Unterstützung von Verwandten oder Bekannten angewiesen waren.

Doch bis jetzt stimmen die Finanzen, so dass alle Beteiligten optimistisch sind, bis Mitte September schon die Gastwirtschaft eröffnen zu können.

Bis die Sanierung auch im oberen Stockwerk dem Ende entgegen geht, werden wohl noch einige Sommer ins Land gehen. Fünf Jahre haben sich die beiden Initiatoren als vorläufigen Rahmen gesetzt, dann wird man weitersehen.

Der nächste Knackpunkt ist erst einmal die Anhebung der Decke im Ballsaal. Die Wand, die den übrigens auf das Jahr 1566 datierten Raum im Obergeschoss begrenzt, hat sich über die Jahre hinweg geneigt und hängt jetzt gefährlich nach außen.

Die Decke hat sich dabei mit abgesenkt, was es jetzt zu beheben gilt. Mit Hydraulikgestänge soll das ganze Gebilde wieder nach oben geschoben und dann stabilisiert werden. „Das wird spannend“, prophezeit Angelika Kiesel und sieht dabei eher zuversichtlich als besorgt aus.

Einige Vorteile hat die Sache mit dem Denkmalschutz trotz aller sich ergebenden Schwierigkeiten. „Viele der Materialen, die wir verwenden müssen, sind einfach billiger als die üblichen Stoffe“, freut sich Angelika Kießling, die auch sonst begeistert von dieser Art des Arbeitens ist. „Es ist einfach schön, mit natürlichem Material zu arbeiten. Dann weiß man später auch mal, dass hier nichts Giftiges an den Wänden ist, wenn man hereinkommt.“ Leinöl, Kalkputz & Co. haben also durchaus ihre Vorzüge.

Was da im alten „Postmeister“ zurzeit passiert, ist auch vielen Außenstehenden nicht verborgen geblieben. „Manche kommen sogar schon reinmarschiert und wollen Getränke bestellen“, wissen die Besitzer zu berichten.

Das sei aber auch kein Wunder, wo doch gleich die Burg nebenan steht, zu der immer noch viele Besucher strömen. „Wenn dann nach einer Führung mal jemand einen Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen möchte, gibt es ja kaum eine Möglichkeit“, sagt Thomas Kiesel. Für Kundschaft wäre also wohl gesorgt.

Das neue Lokal, das dann wahrscheinlich in „Osteria zum Postmeister“ umbenannt werden wird, soll zwei Gasträume haben. Vom alten Mobiliar ist dort dann wahrscheinlich nichts mehr zu sehen. Stühle und Bänke mit gedrechselten Lehnen versprühen eben nicht gerade mediterranes Flair. Der sonstige Eindruck des Fachwerkhauses mit seinen historischen Bauteilen bleibt aber wohl erhalten, so dass man auf einen spannenden Stilmix hoffen kann.

Über die Geschichte des altehrwürdigen Gebäudes ist dem Ehepaar übrigens kaum etwas bekannt. Trotz der Nähe zur Burg tauchen in deren Geschichte keinerlei Informationen zur Entstehung und Entwicklung des Gasthofes auf.

Wer diesbezüglich weiterhelfen kann, ist bei den Kiesels gerne gesehen. „Wir freuen uns über jeden Hinweis“, ermuntern die beiden.

Wer sich über den Fortschritt der Bauangelegenheit und die einzelnen Arbeitsschritte informieren möchte, kann dies im Internet unter www.kiesel.ws tun.

Im September soll es dann schon ein erstes offizielles Fest geben: zum „Tag des offenen Denkmals“ am 12. September sollen die Renovierungsarbeiten soweit fortgeschritten sein, dass erste Besichtigungen und vielleicht auch Bewirtung möglich sind. „Man wird sehen“, sagen die beiden nur, und blicken dabei zuversichtlich auf den Staub und Dreck um sie herum.

N-Land Julia Ruhnau
Julia Ruhnau