Impfpriorisierung fällt weg

„Astra“ für alle, aber zunächst nur Reste

Künftig dürfen Hausärzte in Bayern auch außerhalb der Priorisierung Patienten mit dem Mittel von Astrazeneca impfen. Man will damit verhindern, dass Impfdosen ungenutzt bleiben, begründet das Gesundheitsministerium die Entscheidung. | Foto: Jedlitschka2021/04/dosen-neunkirchen-jedlitschka-astra-zeneca-impfstoff.jpg

Nürnberger Land – Der Freistaat hat die Priorisierung für den Impfstoff von Astrazeneca aufgehoben – er ist damit auch im Nürnberger Land theoretisch sofort für alle ab 16 Jahren verfügbar.

Die Krux: Das Vakzin wird nur noch an Hausarztpraxen geliefert, doch diese erhalten kommende Woche über den normalen Versorgungsweg – die Apotheken – keine einzige Dosis. Allerdings hat das Impfzentrum noch rund 1450 Dosen übrig, die nun an etwa 20 Arztpraxen gehen.

Das Impfzentrum verwendet für Erstimpfungen kein Astrazeneca mehr, nur für Zweitimpfungen. Es wird nicht mehr mit dem As­trazeneca-Impfstoff Vaxzevria versorgt.


Bayern hatte vor einer Woche beschlossen, dass Vaxzevria als Erstimpfung nur noch in Arztpraxen verimpft wird. Iris Bitzigeio, Sprecherin des Landrats­amts, vermutet als Hintergrund, dass viele Ältere den Impfstoff abgelehnt hatten.

„So rasch als möglich verimpfen“


Das gilt offenbar auch in Arztpraxen, denn so begründet das Bayerische Gesundheitsministerium die Aufhebung der Priorisierung auf Nachfrage der PZ: „Rückmeldungen der Ärzte haben ergeben, dass bei Astrazeneca vielfach nicht ausreichend über 60-Jährige Termine vereinbart haben. Vor diesem Hintergrund war es erforderlich, eine zeitnahe Verwendung durch eine Aufhebung der Priorisierung sicherzustellen und den Arztpraxen damit die Möglichkeit zu geben, den Impfstoff flexibel und so rasch als möglich zu verimpfen.“ Anders gesagt: Bevor man die Impfdosen liegen lässt, macht man den Weg frei für Jüngere.

Rund 145 Fläschchen mit dem Impfstoff werden am Montag vom Impfzentrum direkt an Arztpraxen abgegeben, wie die Behörde informiert. Jedes Fläschchen enthält zehn Impfdosen. Etwa 20 Praxen im Landkreis haben nach einer Anfrage durch den Versorgungsarzt des Landkreises, Dr. Martin Seitz, Interesse gezeigt und erhalten nun diese Fläschchen.


„Dabei handelt es sich um Restbestände, konkret um Rückgaben aus den Kliniken, Dosen von nicht wahrgenommenen Terminen und Dosen, die für Zweitimpfungen vorgehalten worden waren, aber dabei nicht verwendet wurden“, wie das Landrats­amt informiert.


Freie Wahl bei Zweitimpfung


Wer seine erste Impfung mit Vaxzevria erhalten hat und unter 60 Jahre alt ist, kann künftig beim zweiten Termin wählen, ob er erneut den Impfstoff oder das Produkt von Biontech möchte.


Die Nachricht hat in Praxen für einen größeren Andrang gesorgt. So klagt die Ärztin Lisa Noack, die mit Matthias Leniger in Lauf eine Gemeinschafts­praxis betreibt, man sei aufgrund der vielen Anfragen kaum mehr handlungsfähig. Die Praxis sei bereits seit Wochen „telefonisch lahmgelegt“, nun seien gestern auch etliche Anfragen wegen Vaxzevria hinzugekommen, darunter rund 50 E-Mails allein am Vormittag. „Die Leute denken, sie sind jetzt dran, aber ich kann keinen Impfstoff herzaubern“, so Noack.


So dürfte die Aufhebung der Priorisierung für Vaxzevria zunächst keine besonderen Auswirkungen auf die Haus­ärzte haben. Noack betont: Die Praxis erstellt weiterhin Prioritätslisten, die sich nicht nur, aber auch nach dem Alter der Patienten richten. „Das Hauptproblem ist, dass trotzdem nicht mehr Impfstoff vorhanden ist“, sagt Noack über die Aufhebung der Priorisierung.

Bis zu jeder Fünfte lehnt Astrazeneca ab


Nach ihrer Erfahrung entscheiden sich zwischen zehn und 20 Prozent der Bürger gegen den Impfstoff von As­trazeneca. Dabei hätten gerade die über 60-Jährigen keinen Grund, ihn abzulehnen. Wer das dennoch tut, „fliegt bei uns erst einmal aus der Liste“, sagt Noack. Das führt zu Unmut bei den Patienten. Aber Noack verteidigt den Kurs. „Ich kann nicht ständig auf Befindlichkeiten Rücksicht nehmen“, sagt die Ärztin.


„Der Nutzen übersteigt das Risiko“, betont Noack, und das gelte für fast alle Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto zu gewinnen, sei deutlich höher als schwere Nebenwirkungen einer Impfung. Übergewicht und die Einnahme der Antibabypille seien dabei kein Faktor, fügt sie hinzu.


Einzig jenen Frauen unter 30, die nur ein geringes Risiko hätten, sich mit Corona zu infizieren, würde sie Vaxzevria nicht empfehlen. „Bei einer 25-jährigen Krankenschwester wäre es schon wieder sinnvoll“, sie sei schließlich mit vielen Patienten in Kontakt. Auch Noack hat ihre erste Impfung Ende Februar mit dem britisch-schwedischen Impfstoff erhalten.


Die Diskussion um Vaxzevria führe sie mit über 60-Jährigen in der Praxis täglich. „Ich bin doch Risikopatient“, argumentieren die Menschen. „Genau, Sie sind Risikopatient für eine Corona-Infektion“, erwidert Noack dann. „Wir reden uns seit Wochen den Mund fusselig“, sagt sie. Gerade weil sie vom Nutzen des Impfstoffs überzeugt ist, sieht sie die Aufhebung der Priorisierung kritisch. Damit schiebe man As­trazeneca „in die Ramschecke“.


Kerngesunde müssen warten


Auch die Schwaiger Praxis Dr. Andreas Krach, Dr. Jörg Paetzke und Adriana Lostun wird seit Wochen von Impf-Anfragen überrannt, wie Dr. Krach sagt. Allerdings habe sich der Ansturm seit Mittwochnachmittag nicht dramatisch erhöht. Krach sieht die Aufhebung der Impfpriorisierung positiv, verweist aber auch darauf, dass man eigene Priorisierungslisten habe. Junge, kerngesunde Patienten sollten sich also keine Hoffnungen auf einen baldigen Anruf aus der Praxis machen.


Wie seine Kollegin aus Lauf äußert sich Krach kritisch über ältere Patienten, die den Impfstoff ablehnen. Seit Pandemiebeginn hätten sich jüngere Menschen in ihrem Leben eingeschränkt, um ältere zu schützen. Über 60-Jährige, die den Impfstoff ablehnen, verhielten sich unsolidarisch.


Er zitiert eine Studie der Universität Cambridge, die die Risiken einer Infektion mit den möglichen Nebenwirkungen einer Impfung vergleicht. Demnach überwiegt bei allen über 30 Jahren selbst bei sehr niedrigen Infektionszahlen der Nutzen einer Impf­ung. Bei Menschen unter 30 kommt es darauf an, wie hoch die Inzidenz ist.

„Ein guter Impfstoff“


„Das ist sicherlich ein guter Impfstoff“, sagt Krach, der auch damit geimpft wurde. Er hat sich selbst einige Tage nach der ersten Spritze auf Antikörper untersucht und festgestellt, dass sie vorhanden sind – damit gilt man vor schweren Verläufen als geschützt.


Die zweite Spritze steht noch aus. Den Abstand von zwölf Wochen von der ersten Impfung mit Vax­zevria bis zur zweiten hält der Arzt für ideal, schließlich baue sich der Schutz bereits nach der ersten Dosis auf, die zweite Impfung bringe für die Eindämmung der Pandemie relativ wenig.


Im Röthenbacher Impfzentrum werden kommende Woche weniger Menschen geimpft als machbar. Bis zu 650 Impfungen sind es normalerweise pro Tag, kommende Woche dürften täglich maximal 500 durchgeführt werden – eine Lieferung von Biontech verzögert sich.

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