Abschluss der kulturellen Wochen

Viel Grund zum Hoffen

Sorgten für einen engagierten und hoffnungsvollen Abschluss der interkulturellen Wochen in Altdorf: Dr. Michael Blume (links) und Dekan Jörg Breu. | Foto: Gisa Spandler2019/11/Altdorf-Breu-und-Blume.jpg

ALTDORF – Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume warnt vor dem Missbrauch der neuen Medien, analysiert Verunsicherung, hält Angst vor der Zukunft für unangebracht und fordert Bildung als Schutz vor extremen Positionen.

Mit einer lebhaft und humorvoll vorgetragenen Vision endeten die Interkulturellen Wochen am Reformationstag. Baden-Württembergs Antisemitismus-Beauftragter, der Theologe Dr. Michael Blume, beschrieb, wie er sich Deutschland im Jahr 2030 wünscht.

Rolle der Medien

Auf Einladung des Evangelischen Dekanats Altdorf, das zu den Organisatoren der Veranstaltungsreihe gehörte, war der Religionswissenschaftler gekommen und ging in seinem Referat nicht nur auf Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz ein, sondern beschäftigte sich unter anderem auch mit der Rolle der Medien, deren Missbrauch und Instrumentalisierung bei gesellschaftlichen Fehlentwicklungen. Das CDU-Mitglied, das mit einer Muslimin verheiratet ist, hatte sich zunehmend rechtspopulistischen Posts und Hass ausgesetzt gesehen und schließlich den früher häufig genutzten Sozialen Medien den Rücken gekehrt.

Zukunft gestalten

 

Er skizzierte ein Bild der heutigen Gesellschaft, die zwar Zukunft gestalten könne im Gegensatz zu historischen Überzeugungen, Geschichte wiederhole sich in Zyklen und sei nicht zu beeinflussen. Aber genau dies berge Gefahren, wenn die Entwicklung mit Hilfe von unverantwortlichen und extremen Kräften gelenkt werde. Seine Ausführungen untermauerte er immer wieder durch Beispiele aus der Bibel und Exkurse auf die historische Bedeutung des Refomationstags, nicht ohne kritische Bemerkungen auch zu Luther und seinen antisemitischen Äußerungen am Ende seines Wirkens.

Beispiel Buchdruck


Am Beispiel des Buchdrucks erklärte er, dass neue Medien immer zu einer Erschütterung geführt haben, im positiven wie im negativen Sinn. Der revolutionäre Fortschritt dieser Erfindung auf der einen Seite ging einher mit der Unterstützung der Hexenverfolgung, führte er als Beispiel an. Als weiteren Beleg für die zwiespältigen Auswirkungen der medialen Errungenschaften nannte der Buchautor selbstverständlich die neueren Medien des 20. Jahrhunderts und ihren Missbrauch für Nazi-Propaganda. Und auch heute sei man der Gefahr der einseitigen Instrumentalisierung der noch einmal weiter entwickelten Medien ausgesetzt. Wieder gebe es Strömungen, die sich trotz oder wegen der neuen Entwicklung bedroht fühlen, Verschwörungstheorien entwickeln und das Gefühl verbreiten, „es geht immer weiter abwärts“, obwohl man in Deutschland aktuell in einer nie zuvor dagewesenen Phase des Wohlstands und Friedens leben dürfe. Daher komme es mehr denn je darauf an, dieses Gute zu bewahren und wertzuschätzen. Mit Blick auf das Thema des Vortrags „Wie ich mir Deutschland 2030 wünsche“ brach er eine Lanze für mehr Bildung. Und mit Bildung geht es ihm nicht um wissenschaftliche Titel, sondern um die Bildung des Herzens.

Gutes Bewahren


In seinen abschließenden Ausführungen wurde deutlich, dass er „Gutes bewahren“ nicht allein im Erhalten von abstrakten Werten sieht, sondern dort für sinnvoll und erfolgreich hält, wo man sich aktiv um die positiven Errungenschaften der Generationen bemüht: Schutz des Klimas, unter anderem durch eine vernünftige Ernährung, eine wirtschaftliche Entwicklung, die dem Menschen dient, Freude am Leben durch das Pflegen der musischen Begabungen, das Festhalten an der kirchlichen Gemeinschaft, denn „Kirchen speichern historisches Wissen“. Dass Toleranz hier ein ganz besonderes Stichwort ist, kam auch in seinem Wunsch zum Ausdruck, „2030 mögen alle Religionen sowie Atheisten, Humanisten und andere ideelle Richtungen miteinander sprechen“. Abschließend hielt er fest: „Wir haben richtig viel Grund zum Hoffen und zum Danken.

Parallelen zur Luther-Zeit
Zuvor hatte Dekan Jörg Breu in seiner Ansprache beim Festgottesdienst, der vom Bezirksposaunenchor musikalisch umrahmt wurde, die Parallelen zwischen der Lutherzeit und der Gegenwart aufgegriffen. Die Bildungsmisere, die nach der Wittenberger Reformation im 16. Jahrhundert durch die Schließung der Klöster als Schulen entsteht, sei in Punkten vergleichbar mit der heutigen Situation, in der weder die Schulen noch das Elternhaus primär für die geistige Entwicklung der Kinder zuständig seien, sondern die neuen Medien.  Auch er sieht als einzige Lösung für den Mangel an Bildung und den Verlust von bedeutenden zivilisatorischen Errungenschaften „Herzensbildung und humanistische Bildung“.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler