Kundgebung der Seebrücke in Altdorf

Tödliche Grenze

„Ich stehe hier, weil...“ – Teilnehmer und Organisatoren der Kundgebung erläutern die Motive für ihr Engagement. Foto: Alex Blinten2019/07/Altdorf-Seebruecke.jpg

ALTDORF. Der gebürtige Altdorfer Gerald Karl (32) ist zweiter Offizier auf dem Seenotrettungsschiff Seawatch 3, dessen Kapitänin Carola Rackete auf Lampedusa festgenommen wurde, nachdem sie entgegen den Anordnungen der Behörden den Hafen mit Flüchtlingen an Bord angelaufen hatte. Seit acht Wochen ist er auf dem Rettungsschiff im Einsatz. Er dankt allen Altdorfern, die sich in der Organisation Seebrücke engagieren.

Öffentlich wurde sein Dank auf einer Kundgebung der Bewegung auf dem Altdorfer Marktplatz.
Das Engagement der Altdorfer sei für ihn Motivation und ein deutliches Zeichen dafür, dass sich Europa nicht abwendet, schreibt Karl, dessen Brief Susanne Pannewick verlas.

„KZ-artige Zustände“

„Wir sind aufgefordert, unseren Einsatz für sichere Häfen fortzusetzen“, stellte Seebrücken-Aktivistin Anke Trautmann fest. Trautmann erinnerte daran, dass im vergangenen Jahr über 800 Altdorfer einen Appell unterschrieben haben, die Stadt zu einem sicheren Hafen zu erklären. Hintergrund ist die kontinuierlich steigende Zahl an Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Die Unterstützung der libyschen Küstenwache durch Europa und der damit verbundene Rücktransport von Geretteten auf das libysche Festland ist nach Überzeugung der Aktivisten von Seebrücke dabei keine Lösung. „Weil die Menschen dort in Lager gebracht werden“, sagt Trautmann. Dort herrschten „KZ-artige Zustände“.
„Seerecht, Völkerrecht und nicht zuletzt die Menschlichkeit werden missachtet“, klagt Carina Fiebich-Dinkel vom Unterstützerkreis für Flüchtlinge in Altdorf. Dabei würden die zivilen Seenotretter kriminalisiert, Hilfe sei aber kein Verbrechen, betonte sie unter großem Applaus der Zuhörer.
Der stellvertretende Dekan und Rascher Pfarrer Matthias Halbig machte deutlich, dass das Dekanat Altdorf die Ziele der Seebrücke uneingeschränkt unterstützt: „Wir brauchen europaweit sichere Häfen für Flüchtlinge.“ Dass die tödlichsten Außengrenzen auf der ganzen Welt ausgerechnet die europäischen Grenzen sind, ist für Halbig eine furchtbare Tatsache, die ihren Ursprung in der Einstellung der europäischen Operationen Mare Nostrum, Triton und Sophia hat. Jetzt bleiben nur noch die zivilen Seenot-
retter. Denen vorzuwerfen, sie würden als Schleuser fungieren, ist nach Halbigs Überzeugung absurd.

Verrohung der Gesellschaft

So sieht das auch SPD-Fraktionssprecher Martin Tabor, dessen Partei wie die Grünen im Stadtrat für die Annahme des Seebrücke-Appells geworben hatte, damit aber unterlegen war. Tabor sieht eine Verrohung in der Gesellschaft, es sei unerträglich, wie Stimmung gemacht werde gegen Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. „Hierzu hat die SPD eine klare Haltung“, hält er deshalb fest.
Für Margit Kiessling von den Altdorfer Grünen wäre es Teil einer Lösung des Problems, wenn sich Deutschland weiter an der Seenot-
rettung beteiligen würde. Außerdem sprach Kiessling sich dafür aus, im Stadtrat erneut zu beantragen, „dass sich Altdorf symbolisch bereit erklärt, sicherer Hafen für Flüchtlinge zu werden“.
Enttäuscht sind die Aktivisten von Bürgermeister Erich Odörfer, dessen Sekretariat, so die Darstellung der Seebrücke, auf Anfrage nach einem Grußwort habe ausrichten lassen, dass der Rathauschef am Samstag ohnehin auf dem Markt unterwegs sei. Zur Kundgebung kam Odörfer allerdings nicht.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten