Patienten vor verschlossener Tür

Mittwochs können sich ehemalige Patienten der Praxis vor Ort Krankenakten abholen. Eine reguläre Sprechstunde allerdings findet nicht statt, nur nichtmedizinisches Personal ist zugegen. ⋌⋌Foto: Robert Poorten/stock.adobe.com2021/08/Arztpraxis-scaled.jpg

Altdorf – Die Praxis Dr. Henrike Dzikus am Oberen Markt 6 in Altdorf ist geschlossen. Wer einen Termin braucht, erfährt über den Anrufbeantworter, dass die Medizinerin erkrankt ist. In dringenden Fällen sollen sich die Patienten an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden. Wer Unterlagen aus seiner Krankenakte braucht, kann mittwochs von 8 bis 12 Uhr in die Praxis kommen, nichtärztliche Mitarbeiter sind dann vor Ort. Eine reguläre Sprechstunde findet nicht mehr statt.
Was ist passiert? Kann eine Arztpraxis so ohne weiteres schließen, ohne eine Vertretung zu benennen? Patienten brauchen regelmäßig Rezepte oder müssen Krankendaten abholen, wenn etwa eine Überweisung in ein Krankenhaus ansteht. Der Internist Dr. Markus Gasplmayer hat die Praxis seinerzeit gekauft, als Dr. Norbert Pohl und Werner Wehner in den Ruhestand gegangen sind. Er hat dann die Praxis unter dem Namen Mein-Hausarzt-MVZ mit zwei Medizinerinnen weitergeführt. Gasplmayer ist Mitglied des ärztlichen Teams von Dr. Markus Sandrock, der eine kardiologische Praxis in der Röderstraße in Altdorf betreibt.
Die aktuelle Situation bedauert der Internist und Lungenarzt ausdrücklich im Telefongespräch mit dem Boten, absolut nicht zufriedenstellend sei das Ganze. Er sieht aber kurzfristig auch keine Möglichkeit, die Praxis Oberer Markt 6 weiterzuführen. Von einer der beiden Medizinerinnen, die in der Nachfolge von Pohl und Wehner arbeiteten, habe er sich getrennt, deren Kollegin sei im Krankenstand. „Wenn Patienten sich jetzt nach anderen Ärzten umsehen, kann ich das absolut verstehen“, betont er. Und in akuten Notfällen, wenn schnell Hilfe gebraucht wird? „Dann müssen Patienten sich an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden“, erklärt Gasplmayer. Das gilt auch für alle, die Rezepte brauchen. Der Internist verweist auch auf die Möglichkeit, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter der Praxis zu hinterlassen, dann werde auf jeden Fall zurückgerufen.
Beim ärztlichen Bereitschaftsdienst melden sich Altdorfer Patienten und fragen nach, wer denn die Vertretung für die geschlossene Praxis Oberer Markt 6 übernimmt. Auskunft gibt es dazu aber bei den Bereitschaftsärzten nicht. Die Information müsse vielmehr vom Mediziner vor Ort kommen, erfahren die Rat suchenden Patienten. An welche Praxis kann man sich also wenden, wenn man Patient von Mein-Hausarzt-MVZ ist? „Es gibt keine offizielle Vertretung“, so Gasplmayer dazu.
„Es ist eine absolute Unverschämtheit, so kann man mit Patienten nicht umspringen“, empört sich Oswald Lamprecht, langjähriger Patient der Praxis. Vor drei Wochen hat er schon seinen Termin für den vergangenen Montag ausgemacht. Als er bei der Praxis ankam, stand er vor verschlossenen Türen. Während er wartete, gesellten sich noch etwa sieben weitere Patienten auf der Treppe vor der Arztpraxis am Oberen Markt dazu. Viele von ihnen sind betagt oder haben Probleme mit der Mobilität. „Ein Mann im Elektrorollstuhl war komplett verzweifelt“, berichtet der Altdorfer.
Eine junge Frau habe dann bei der Praxis Dr. Sandrock angerufen und die Auskunft bekommen, dass alle in die Praxis in der Röderstraße kommen sollen. Dort wurde Lamprecht untersucht und bei seiner Nachfrage am Tresen, wie es denn weitergehen solle, war die Antwort, dass er sich nach einer neuen Praxis umschauen müsse. „Es gab keinerlei Kommunikationspolitik, dass die Praxis überhaupt geschlossen wird“, ärgert er sich. Ein Problem ist nun, dass die Altdorfer Hausärzte hoffnungslos überfüllt sind und die Wartezeiten bis zu sechs Wochen dauern können. „Viele haben sich schon in Nachbargemeinden wie Leinburg oder Fischbach umgeschaut.“
Hinzu kommt, dass die Patienten keinen Zugang zu ihren Krankenakten haben. „Auf dem Band wurde gesagt, dass mittwochs jemand vor Ort wäre, um die Akten herauszugeben“, erklärt Lamprecht. So ist er am vergangenen Mittwoch zur Arztpraxis gegangen. Dort habe er die Krankenakte seiner Frau bekommen, seine eigene sei aber nicht auffindbar gewesen. Die Mitarbeiterin der Praxis hat sich seine Nummer notiert mit dem Versprechen zurückzurufen. „Das ist aber nicht passiert, also habe ich noch mal bei der Praxis Dr. Sandrock angerufen“, sagt er. Dort habe er gesagt bekommen, dass er sich 14 Tage gedulden müsse, weil die Krankenakten derzeit digitalisiert werden. „Die Krankenakten einer Praxis, die nicht mehr existiert, digitalisieren? Das macht doch keinen Sinn“, stellt er fest. Die Patientenversorgung sei hier gescheitert. „Das schrammt am Eid des Hippokrates vorbei.“
Die Probleme mit der geschlossenen Praxis im Zentrum von Altdorf kommen auch bei den Apotheken an, wo Patienten berichten, dass sie völlig überraschend vor verschlossener Türe standen, obwohl sie feste Termine hatten. Apotheker Ralf Schabik erinnert sich, dass nach dem Besitzerwechsel zunächst alles sehr gut funktioniert habe. Als Teil eines Praxisverbunds, so Schabiks Beobachtung, habe es dann aber auch eine neue EDV bei Mein-Hausarzt-MVZ gegeben, die Abläufe seien geändert worden und Mitarbeiter hätten aufgehört. Patienten seien regelrecht schockiert gewesen, als sie von der völlig überraschenden Praxisschließung erfuhren. Auch weil Dr. Henrike Dzikus als Nachfolgerin von Dr. Pohl „in sehr kurzer Zeit die Herzen der Patienten für sich gewonnen hat.“
Schabik lobt die Internistin in höchsten Tönen und beschreibt sie als sehr gute Medizinerin. An ihren ehemaligen Arbeitsplatz im Zentrum Altdorfs wird Dzikus allerdings nicht zurückkehren.

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