Attentat von Alexandria

„Ohne Scalise wäre es in einem Blutbad geendet“

Der Altdorfer Leon Eckstein (Mitte) arbeitete ein Semester im Washingtoner Büro des republikanischen Kongressabgeordneten Steve Scalise (rechts). Dort gehörte die Vorbereitung von Treffen, etwa mit dem deutschen Botschafter Dr. Peter Wittig (links), zu seinen Aufgaben. Die Nachricht von Scalise Verletzung hat ihn sehr getroffen. | Foto: privat2017/06/Altdorf-Leon-Eckstein-und-Steve-Scalise.jpg

ALTDORF/ALEXANDRIA – Bei einer Schießerei in Alexandria, einem Vorort der US-Hauptstadt Washington, D.C. sind Mitte des Monats mindestens fünf Menschen getroffen worden. Abgeordnete beider Parteien hatten auf dem Eugene Simpson Sportplatz für ein Charity Baseballspiel trainiert, als die Schüsse fielen. Lebensgefährlich verletzt wurde der republikanische Kongressabgeordnete Steve Scalise, weswegen der Vorfall in den USA hohe Wellen schlug. Der Altdorfer Leon Eckstein, Kreisvorsitzender der Jungen Union, der im Wintersemester ein Praktikum im Büro des  Kongressabgeordneten im Kapitol in Washington absolvierte, ist geschockt über den Vorfall und einige Reaktionen.

Herr Eckstein, wie haben Sie von dem Attentat erfahren?

Leon Eckstein: Über Politico und CNN. Ich habe verschiedene Apps auf meinem Handy, mit denen ich mich über das politische Geschehen in den USA informiere. Von Politico habe ich direkt danach eine Push-Nachricht bekommen. Die war ziemlich erschreckend, denn sinngemäß stand darin, Scalise sei vom Spielfeld gekrochen und habe eine Blutspur hinter sich hergezogen. Das zu lesen, war ein Schock. Ich habe umgehend alle ehemaligen Kollegen kontaktiert, weil es hieß, dass auch andere Leute angeschossen wurden. Mit einem der Mitarbeiter habe ich mich am besten verstanden, der Steve Scalises Bodyman war. Bodyman ist nicht zu verwechseln mit Bodyguard. Der Bodyman ist eher ein besonderer Assistent, der die ganze Zeit an seiner Seite ist, Termine im Auge hat, der ihm also am nächsten steht. Bei diesem Trainingsspiel war mein Freund glücklicherweise nicht dabei. Ich war erleichtert, zu hören, dass auch die anderen Kollegen in Ordnung sind.

In welcher Situation erreichte Sie die Nachricht aus den USA?

Eckstein: Ich war in meiner Wohnung in Nürnberg und wollte gerade anfangen zu lernen. Daran war dann natürlich nicht mehr zu denken. Ich musste mich erstmal setzen, habe mir den Live-Stream eines amerikanischen Senders gesucht. Zwei bis drei Stunden habe ich ferngesehen, um mehr Informationen zu bekommen.

Was haben Sie dort gesehen?

Eckstein: Es wurden Abgeordnete und Senatoren interviewt, die den Vorfall miterlebt hatten. Viele sind in Tränen ausgebrochen. Abgeordnete erzählten, wie sie sich auf den zehnjährigen Sohn ihres Kollegen Joe Barton warfen, um ihn zu schützen. Senator Rand Paul schilderte, wie er sich hinter einem Baum versteckte. Etliche Kugeln seien in den Boden eingeschlagen und hätten eine riesige Staubwolke aufgewirbelt. 50 bis 100 mal hat der Schütze gefeuert. Gesehen habe man nichts. Nur die Schüsse gehört, ohne zu wissen, aus welcher Richtung sie kommen. Man muss eigentlich von Glück reden, dass Steve Scalise da war. Da er der republikanischen Parteiführung angehört, hat er eigene Leibwächter. Die Polizei wird sicher auch einen Notruf erhalten haben, aber Scalises Personenschützer waren unmittelbar vor Ort und konnten direkt zurückschießen. Ohne sie wären die Abgeordneten dem Schützen ausgeliefert gewesen und das Attentat vermutlich in einem Blutbad geendet.

Wie geht es Steve Scalise jetzt?

Eckstein: Es gab in der Presse verschiedene Nachrichten zu seinem Zustand. Mittlerweile weiß man: Als er ins Krankenhaus eingeliefert wurde, schwebte er in Lebensgefahr. Eine Kugel hat seinen Körper nicht durchschossen, sondern ist in seiner Hüfte in zig Teile zersprungen. Die Splitter verletzten mehrere Organe. Die größte Gefahr waren innere Blutungen. Mittlerweile haben die Ärzte ihn mehrmals operiert und sind optimistisch, dass er wieder ganz gesund wird, wie meine ehemaligen Kollegen mir berichteten. Er wurde von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt. Es besteht allerdings noch immer die Gefahr, dass Teile der Kugel, die nicht komplett entfernt werden konnten, sich entzünden.

Was haben Sie in Ihrem Praktikum gemacht und wie nah sind Sie Herrn Scalise gekommen?

Eckstein: Ich war im Büro des Abgeordneten direkt im Kapitol. Von dort leitete er die parlamentarischen Geschäfte. Meine Aufgaben reichten von Recherche zur Vorbereitung von Besuchen, zum Beispiel dem des deutschen Botschafters, über Führungen für Besucher des Kapitols bis hin zur Mitarbeit bei der Organisation von Partys und Essen, die Scalise regelmäßig für Abgeordnete oder Sponsoren veranstaltete. Wenn er nicht in seinem Wahlkreis Louisiana, in New Orleans, war, habe ich ihn täglich im Washingtoner Büro gesehen. Er ist dort allerdings ziemlich beschäftigt und im Kreise seiner engsten Mitarbeiter meist nur an mir vorbei geeilt. Zugänglicher war er bei besagten Partys. Bei denen war er immer gut aufgelegt und erzählte Witze oder spielte Waschbrett, ein Instrument, das typisch für seine Heimat Louisiana ist.

Wären Sie als Praktikant auf dem Sportplatz dabei gewesen, wenn Sie jetzt noch in Washington wären?

Eckstein: Beim Spiel ja, bei dem Training wahrscheinlich nicht. Von meinem Vorgänger, der vor mir ein Praktikum bei Scalise absolvierte, hängt ein Foto im Kapitol: Dort sitzt er schlafend auf den Rängen des Stadions, ein „Go Scalise“-Schild im Arm. Er hatte die Aufgabe, Plätze zu reservieren. Zum Spiel wäre ich durchaus dort gewesen. Während des Trainings wäre ich aber eher im Büro gewesen.

Einige Berichterstatter versuchten das Attentat bereits kurz nachdem es geschehen war, politisch zu interpretieren. Der Schütze soll Bernie-Sanders-Anhänger gewesen sein. Was halten Sie von diesen Reaktionen?
 
Eckstein: Ich finde es schlimm, wenn ein Unglück direkt auf eine politische Ebene gezogen wird und Menschen versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Eine Journalistin kommentierte, man müsse sich bloß ansehen, was für eine Politik Scalise mache und zählte alles auf, was ihr an ihm nicht passt. Das ist doch schrecklich. Rührend waren dagegen die Reaktionen nach dem Baseballspiel, das tags darauf stattfand. In vielen Kommentaren sprachen Menschen ihre Anteilnahme aus. Das Team von Scalise postete ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie sie alle im Stadion stehen und ihre „Go Scalise“- Schilder hochhalten. Eine schöne Geste war auch, dass die Demokraten, die das Spiel gewannen, den Pokal den Republikanern übergaben, mit der Bitte ihn an Steve Scalise weiterzureichen, damit er ihn sich in sein Büro stellen kann.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung