Weihnachtszeit und Jahreswechsel 1918/1919

„Lichtscheues Gesindel“ und renitente Bürgermeister

Einsatz im Ersten Weltkrieg: Ein Meldehund überspringt einen Schützengraben. Hiesige Bürgermeister hatten dafür zu sorgen, dass Hundebesitzer ihre Tiere dem Heer zur Verfügung stellten. Foto: SZ Foto2018/12/Altdorf-Meldehund.jpg

ALTDORF/BURGTHANN/FEUCHT – Weihnachtszeit und Jahreswechsel vor 100 Jahren: Wie war das damals im Nürnberger Land? Ein Blick in das Archiv des Boten gibt Aufschluss über die damalige Situation, über die Not der Menschen, den Mangel und über zahlreiche Konflikte.

Im November 1918 war der Krieg verloren, der Frieden aber noch lange nicht gewonnen. Überall in Deutschland litten die Menschen Hunger. Lebensmittel waren rationiert. In den Städten und Dörfern ging die Angst um. Die Versorgung der Bevölkerung in Altdorf wie in Feucht versuchten Arbeiter- und Bauernräte zu organisieren. Überall auf dem Land bildeten sich Bürgerwehren, die bewaffnet auf Streife gingen.

Der Bote hieß damals „Der Bote von Altdorf und Umgebung“. Täglich berichtete die Tageszeitung über den Mangel in ganz Deutschland und über die Probleme vor Ort. Die Landwirte mussten melden, wie viele Schweine und Rinder sie im Stall und auf den Weiden hatten. Schlachten durften sie nur, wenn sie dazu eine Erlaubnis hatten, das Fleisch wurde kontrolliert verkauft. Milch ging an die Altdorfer Molkerei, mit der sich der Arbeiter- und Bauernrat anlegte, weil der Rat den Verantwortlichen in der Molkerei Unregelmäßigkeiten bei An- und Verkauf von Milch und Butter vorwarf.

Der 1914er Abschlussjahrgang des Altdorfer Lehrerseminars: Für die meisten jungen Männer ging es aus Altdorf direkt in die Kasernen.2018/12/Altdorf-Lehrerseminar.jpg

Gegründet wurde der Altdorfer Arbeiter- und Bauernrat am 16. November auf einer Volksversammlung, wie der Bote von Altdorf und Umgebung damals schrieb, im Gasthaus zum Löwen. Bürgermeister und Verwaltung der Stadt hatten, so setzte das die Gründungsversammlung fest, ab sofort den Anordnungen des Rats Folge zu leisten.

In erster Linie ging es den im Rat vertretenen Bürgern um die Organisation der Versorgung. Die Bürger brauchten Lebensmittel, die mussten gerecht verteilt werden und dafür mussten Marken ausgegeben werden. Außerdem brauchten die Leute dringend Holz und Kohlen zum Heizen.

Gerüchte machen die Runde

„Die sanitären Verhältnisse in Altdorf schreien dringend nach Abhilfe“, berichtete der Bote am 17. November 1918. Auch hier musste der neue Arbeiter- und Bauernrat einschreiten. Dabei ist viel von Revolution und Erneuerung die Rede. Gerüchte machen die Runde, von Enteignungen und Geldentwertung und von „lichtscheuem Gesindel“, wie der Bote berichtete. Kurzum: Es brodelte im Land, in einem Land, das sich ja offiziell noch im Krieg befand. In Frankreich war im November nur ein Waffenstillstand unterzeichnet worden. Ein Friedensvertrag stand noch aus.

Unsicherheit prägt das Leben der Menschen. Viele haben nicht genug zu essen. Als dann erzählt wird, dass in der Molkerei in der Bahnhofstraße von den dort Verantwortlichen tausende Eier gebunkert werden, bricht sich der Unmut Bahn. Die Vorsitzenden der Molkereigenossenschaft sehen sich gezwungen, mit einer großen Anzeige gegen das Gerücht vorzugehen. Ein unzufriedener ehemaliger Mitarbeiter stecke dahinter, sagen die Leiter der Molkerei.

Das Bild zeigt den Altdorfer Marktplatz einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg, das dritte Haus von rechts ist der Goldene Löwe, in dem am 16. November 1918 der Arbeiter- und Bauernrat gegründet wurde.2018/12/Altdorf-Goldener-Loewe.jpg

Weil Energie knapp ist, verbietet der Arbeiter- und Bauernrat die Beleuchtung von Schaufenstern, Auslagen und Schaukästen. In der Innenstadt wird es abends dunkel, weil elektrische Lampen und Gaslampen nicht mehr eingeschaltet werden dürfen. Versammlungssäle, Konzertsäle und Kinos werden nicht mehr beheizt. In der Schule wird morgens erst dann unterrichtet, wenn kein künstliches Licht mehr gebraucht wird. Und abends um 22 Uhr ist Polizeistunde.

Zu Weihnachten 1918 beschäftigt die Altdorfer, dass viele Schweinehalter trotz des Lebensmittelmangels im ganzen Land Kartoffeln und Getreide an ihre Tiere verfüttern. Das will der Arbeiter- und Bauernrat unterbinden. Kontrollen sollen Abhilfe schaffen.

155.598 bayerische Soldaten sind gefallen

Einen Tag vor dem Heiligen Abend wird die Zahl der gefallenen Soldaten aus Bayern bekannt: 155.598 Männer der bayerischen Armee sind in den vergangenen vier Jahren auf den Schlachtfeldern umgekommen. In den kommenden Jahren werden wie in Altdorf überall in den umliegenden Orten Kriegerdenkmäler errichtet, die an die Gefallenen erinnern.

Im Nürnberger Land gärt es weiter. Das Laufer Wochenblatt berichtet im November und Dezember 1918 von demonstrierenden Fabrikarbeitern in Lauf, Röthenbach und Hersbruck. Die Arbeiter verlangen besseren Lohn und kürzere Arbeitszeiten und fordern eine Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse.

Genügend zu essen hatten nur noch die Selbstversorger draußen auf dem Land, die sich aber durch Kontrollen der Arbeiter- und Bauernräte ständig drangsaliert sahen. Die Räte rechtfertigten die Kontrollen mit ihrer Verpflichtung, zusammen mit den Bezirksämtern und dem Kommunalverband die Versorgung der Menschen aufrecht zu erhalten.

Der damalige Winkelhaider Bürgermeister Perl hatte sich wegen der Kontrollen mit dem Arbeiter- und Bauernrat angelegt und den Verantwortlichen so deftig seine Meinung gesagt, dass die ganze Angelegenheit am Heiligen Abend 1918 bei der Vollversammlung der fränkischen Arbeiter- und Soldatenräte in Nürnberg zur Sprache kam. Renitent sei der Winkelhaider Bürgermeister, heißt es in einer Mitteilung des Altdorfer Rats im Boten vom 31. Dezember 1918. Der Ratsvorsitzende werde sich an das Kommando des 3. Armeekorps wenden, „um den Bürgermeister Perl seine unflätige Ausdrucksweise einzustreichen“ (sic!) heißt es in der Mitteilung.

Militärpferde landen beim Metzger

Weil die Versorgung der Bevölkerung mit Milch und Butter immer noch nicht funktioniert, geht der Arbeiter- und Bauernrat die Molkerei nun frontal an. Von Betrug ist die Rede. Der Streit wird weiter öffentlich ausgetragen – mit Pressemitteilungen und Anzeigen im Boten. Das geht bis ins neue Jahre hinein.Im Boten erscheinen derweil wöchentlich Anzeigen über Pferdeversteigerungen in Nürnberg. Jeweils 150 bis 200 Tiere werden auf dem Exerzierplatz in der Georgstraße angeboten, Militärpferde, für die jetzt kein Bedarf mehr besteht. Viele Tiere landen anschließend beim Pferdemetzger.

In Burgthann registriert man das durcheinander im Land mit einer Mischung aus Faszination und Furcht. Kaiser Wilhelm II., lesen die Leute im Boten, hat auf den Thron verzichtet und ist ins Exil nach Holland gegangen. Wer hat jetzt die Macht im Land? Die Burgthanner stellen kurzerhand eine Bürgerwehr auf, 16 Karabiner schaffen sie an samt der zugehörigen Munition. Dann organisieren sie einen Heimkehrertag, über Wochen bereiten sie das große Fest für die aus dem Krieg zurückgekehrten Soldaten vor. Am 1. Februar 1919 findet es statt.

Weil es in der Gegend zu nächtlichen Überfällen und Viehdiebstählen gekommen ist, gründen auch die Mimberger eine Bürgerwehr. Acht Männer unterstehen dem Ortsführer Andreas Schmidt, sie werden mit Gewehren ausgerüstet. Ebenso wie 23 Dorfbewohner in Grub, die mit Gewehren und Munition ausgerüstet und dem kriegserfahrenen Unteroffizier Johann Schlerf unterstellt werden.

Denkmäler für die Gefallenen

Die Ezelsdorfer beschließen nach dem Krieg, die Nürnberger Bildhauer Weiß und Scherr mit der Errichtung eines Kriegerdenkmals an der Kreuzung Dorfstraße/Postbauerstraße zu beauftragen. Am 17. September 1922 wird das Denkmal eingeweiht.

Auch die Oberferriedener errichten ein Denkmal für ihre gefallenen Soldaten. Hier im Ort ist der Blutzoll besonders hoch: 23 Männer kehrten nicht mehr aus dem Krieg zurück. Die Rother Bildhauer Hench und Popp werden mit der Herstellung des Oberferriedener Kriegerdenkmals beauftragt, das dann wie in Ezelsdorf im September 1922 eingeweiht wird.

Der verstorbene Burgthanner Bürgermeister Hans Wedel, Autor der Chronik Burgthanns und der zugehörigen Ortsteile, fand im Nachlass des Schwarzenbacher Bürgermeisters Thäter ein Schreiben aus dem Jahr 1916, in dem die Bezirksregierung dazu auffordert, Hunde für den Fronteinsatz abzugeben. „Bei den ungeheuren Kämpfen an der Westfront haben die Hunde durch stärkstes Trommelfeuer die Meldungen von der vordersten Front in die rückwärtigen Kommandostellungen gebracht“, heißt es in dem Brief. „Um das Leben unserer Soldaten, die sonst als Meldegänger eingesetzt werden müssten, zu schützen, werden weitere Meldehunde ausgebildet. Alle Besitzer von Schäferhunden, Dobermännern und Rottweilern werden aufgefordert, ihre Tiere dem Vaterland kostenlos zur Verfügung zu stellen.“

Wo sind die Hunde?

Zwei Jahre später, nach dem Waffenstillstand von Compiegne, kamen mit den Soldaten auch die Meldehunde zurück in die Heimat. Der Bote berichtet in seiner Ausgabe vom 7. Dezember 1918, dass dabei offenbar nicht alles so reibungslos vonstatten ging, wie von manchen Hundehaltern erhofft, die auf die Rückkehr ihrer Vierbeiner warteten.

Die Abteilung Kriegshunde beim Heer ist aber von den vielen Anfragen von Hundehaltern heillos überfordert. Deshalb bittet die Nachrichtenmittel-Prüfungskommission des Heeres im Boten darum, keine Anfragen mehr zu stellen. Es gebe Transportschwierigkeiten, deshalb könne dieser oder jener Hund nicht oder erst später zurück gebracht werden. Viele Hundehalter haben dem Militär ihre Vierbeiner auch zur freien Verfügung überlassen. Diese Tiere gehen nun in den Besitz des Militärs über, berichtet der Bote.

Wer sich ein Bild machen will über die Situation in Feucht im November und Dezember 1918 findet in den damaligen Ausgaben des Boten kaum Nachrichten aus der Marktgemeinde, weil Schwerpunkt der lokalen Berichterstattung damals Altdorf war. Die Gegebenheiten in Feucht hat der Arbeitskreis Feuchter Chronik skizziert. Dessen Mitglieder sichteten die Beschlussbücher des Gemeinderats und haben zusammen mit dem verstorbenen Historiker Martin Schieber das Material für das Buch „Feucht. Ein Streifzug durch die Geschichte“ aufbereitet.

In Feucht herrschte Mangel

Wie in Altdorf agiert seit November 1918 auch in Feucht neben dem Gemeinderat ein Arbeiter- und Bauernrat, der sich um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln kümmert. Bis in den August 1919 behalten die Feuchter den Arbeiter- und Bauernrat bei, dann tritt dieser „in öffentlicher Volksversammlung zurück“, wie es in den historischen Beschlussbüchern des Gemeinderats heißt.

Die Lage unmittelbar nach dem Waffenstillstand vom November 1918 war in Feucht sehr schwierig. Über 90 Männer waren an den Fronten gefallen. Im Ort herrschte der Mangel, es gab nicht genug zu essen, und die Leute hatten keine Arbeit. Die Gemeinde ging damals auf örtliche Firmen mit der Bitte zu, doch Arbeitslose aus Feucht einzustellen und dafür auswärtige Arbeitnehmer zu entlassen.

Die Straßen konnten nicht mehr repariert werden, weil die Kommune kein Geld mehr hatte. Dieser Geldnot fielen dann die Eichen am Schwarzwasser, auf dem Gebiet der heutigen Firma Excella, zum Opfer. Die Gemeinde ließ die alten Bäume dort fällen und verkaufte das Holz.

Im Nürnberger Land setzten die Menschen zum Jahreswechsel 1918/19 ihre Hoffnungen auf die Nationalversammlung, die die Deutschen (erstmals auch die Frauen) am 19. Januar 1919 wählten. In Weimar sollte diese Versammlung die erste demokratische Verfassung beschließen.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten