Projekt Schülercoach auf Erfolgskurs

Lebensbegleiter für Teenies in Not

„Wie kann ich dir helfen?“, für den Schülercoach ist es nicht immer einfach, das Vertrauen seines Schützlings zu erlangen. Doch wenn, kann daraus eine jahrelange Freundschaft entstehen, die Coach und Schüler im Leben weiterbringt. Die auf dem Foto dargestellten Personen haben nichts mit den Personen im Text zu tun. Symbolfoto: Fotolia2014/02/Mann_und_Junge.jpg

FEUCHT — Seit über sechs Jahren gibt es das Projekt „Schülercoach“ bereits in der Zeidlergemeinde. Eine Erfolgsgeschichte.

18 ist er mittlerweile. Hat einen Ausbildungsplatz zum Elektriker. Als seinen Traumberuf würde er das bezeichnen, sagt Matthias, der seinen vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Ohne seinen Schülercoach Karl-Heinz Weigelt hätte er das nicht geschafft, da ist sich der junge Mann sicher. Seit 2009 kennt er den Rentner, der sich in seiner Freizeit ehrenamtlich engagiert. Selbst wenn Matthias seit fast zwei Jahren kein Schüler mehr ist, trifft er sich noch immer gern mit seinem Coach.

Denn Schülercoach zu sein, das ist mehr als Nachhilfe. Ehrenamtliche begleiten ein Kind mindestens vier Jahre lang, bis es zum jungen Erwachsenen gereift ist. Sie unterstützen die Charakterbildung, bauen die Stärken aus und schwächen die Schwächen.

Das ist viel Arbeit. Schließlich übernimmt der Coach jahrelang die Verantwortung für einen jungen Menschen. „Da ist man moralisch gebunden“, sagt Weigelt. Er weiß, wovon er spricht. Vier Kinder hat er schon gecoacht. Doch nicht immer ist das gutgegangen. Ein Junge sagte die Treffen wieder ab, weil er stattdessen das Fußballtraining vorzog. In einem anderen Fall war das Elternhaus desolat, die Eltern sahen Weigelt aus Bedrohung und wollten die Hilfe nicht annehmen. Doch mit Matthias, da hat es geklappt. Auch wenn es nicht immer einfach war. Matthias′ Mutter ist alleinerziehend. Matthias wurde erst mit sieben Jahren eingeschult, kam in die Förderschule nach Altdorf. Nach zwei Jahren schaffte er es auf die reguläre Grundschule. Dass er es so weit bringt, das hätte damals wohl kaum jemand geahnt. „Es hat mächtig Spaß gemacht, seine rasante Entwicklung zu beobachten“, sagt sein Coach rückblickend.

Weigelt und Matthias brauchten einen langen Atem. Es dauerte seine Zeit, bis der Junge Vertrauen zu dem Älteren fasste. Weigelt wollte ausloten, was Matthias interessiert und ihn selbst den Takt bestimmen lasse. Manchmal trafen sie sich einmal in der Woche, manchmal nur einmal im Monat, dafür dann mehrere Stunden. „Wir haben Dinge gemacht, die ich sonst nicht getan hätte“, berichtet Matthias. Die zwei haben elektrische Kreise gebaut, gelötet, sind in den Wald gefahren, um Bäume zu fotografieren.

Auf das Meisterwerk der beiden sind sie besonders stolz. Weigelt entdeckte schnell, dass Matthias handwerklich begabt ist und gern mit Holz arbeitet. Die Zwei fertigten ein Regal an. Matthias zeichnete die Skizzen, überlegte sich, wie sie das Regal zusammenbauen könnten, wie viel Holz und Schrauben sie dafür bräuchten. Noch heute steht das Möbelstück in seinem Zimmer.

Die Initiative teilt in den Schulen Fragebogen aus, um festzustellen, welche Kinder die Unterstützung eines Schülercoachs nötig haben. Eine Antwort ist dabei, die alle Kinder ankreuzen: Ich will, dass einer Zeit für mich hat. Da sei es egal, aus welchem Elternhaus die Kinder kommen, ob die Familie finanziell schlecht oder gut dasteht.

Keine Zeit für Kinder

„Wir stellen fest, dass in unserer Gesellschaft Kinder zu kurz kommen“, sagt Weigelt. Er will sich deshalb denen widmen, die selbst keine Lobby haben. Und damit auch etwas von dem zurückgeben, was ihm Gutes widerfahren ist, erzählt der kinderlose Rentner. Nicht ganz selbstlos: Schließlich erhofft sich der Mann, der einst Antriebstechnik für Züge, Schiffe und Kraftwerke entwickelte, dass die Jugendlichen einen Job finden, um den Sozialstaat – und damit seine Rente – am Leben zu erhalten. „Wir bräuchten keine Fachkräfte aus dem Ausland, wenn wir unsere Kinder richtig unterstützen würden“, ist sich Weigelt sicher.

Deshalb haben er und Matthias nicht nur Ausflüge unternommen und geschreinert, sondern sich auch aktiv um Praktikums- und Ausbildungsstellen bemüht. Gemeinsam suchten sie alle Betriebe im Landkreis heraus, die für Matthias geeignet sein könnten. Sie verfassten Bewerbungen und legten eine Mappe an – mit Erfolg.

14 Ehrenamtliche greifen an der Mittelschule Feucht Schülern ab der sechsten Klasse unter die Arme, darunter auch die zweite Bürgermeisterin Katharina von Kleinsorgen. In ganz Mittelfranken hat sich die Initiative bereits einen Namen gemacht. Erfinder Peter Held wurde für seine Idee gar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch es fehlt an Helfern. Schließlich handelt es sich hier um eine besondere Form des Ehrenamts: Der Coach verpflichtet sich über Jahre hinweg, einen anderen Menschen auf seinem Weg zu begleiten. Keine leichte Aufgabe. Doch Weigelt ist zuversichtlich, dass die Stiftung weitere Menschen findet, die sich dieser Herausforderung stellen.

Matthias ist seinen Weg gegangen, mit der Unterstützung seines Schülercoachs. Nachdem er nun einen Ausbildungsplatz hat, will er sich einen weiteren Traum erfüllen: Einen Audi A3.

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