Wut über die Absage von TenneT

„Jetzt erst recht!“

„Jetzt erst recht“ war der Tenor bei der Info-Veranstaltung in Altdorf. Großer Gesprächsbedarf schon vor der Veranstaltung: In der Mitte Altdorfs zweiter Bürgermeister Ernst Bergmann im Gespräch mit Hubert Galozy, Zweiter von rechts Moderator Matthias Grobleben, rechts Jürgen Rupprecht. | Foto: Spieß2016/02/db-altdorfstromtrasseninfo.jpg

ALTDORF – Aufgrund des zweijährigen Bestehens der hiesigen Bürgerinitiativen gegen Gleichstromleitungen hatte die BI Leinburg den Übertragungsnetzbetreiber TenneT zu einer Infoveranstaltung zum Thema Netzausbau nach Altdorf eingeladen, doch vier Tage vorher hatte der Netzbetreiber kurzfristig abgesagt (wir berichteten). Die Veranstaltung wurde trotzdem gemeinsam mit den Bürgerinitiativen aus Hormersdorf/Schnaittach, Altdorf/Burgthann, Postbauer-Heng sowie der angrenzenden Oberpfalz durchgeführt.

Die BIs hatten TenneT deutlich machen wollen, dass sie sich weiter gegen überdimensionierten Netzausbau zum Zweck des internationalen Handels mit Atom- und Kohle-Strohm wehren werden. Denn für eine dezentrale Energiewende und die Versorgungssicherheit in Bayern brauche es diese Trassen nicht, so der einhellige Tenor der BIs. Und mehr als 200 interessierte Bürgerinnen und Bürger, etliche mussten stehen, zeigten bei der Veranstaltung, dass sie diese Meinung teilten. Und man war sich einig: Die kurzfristige Absage des Netzbetreibers schweiße die BIs noch enger zusammen. Mit von der Partie waren auch Joachim Lang, 1. Bürgermeister von Leinburg, Helmut Himmler, 1. Bürgermeister der Gemeinde Berg, die 2. Bürgermeister von Altdorf, Ernst Bergmann (1. Bürgermeister Erich Odörfer ist derzeit im Urlaub), und Winkelhaid, Günter Stiegler, ebenso etliche Stadträte. Landrat Armin Kroder hatte sich entschuldigen lassen, ebenso MdL Norbert Dünkel.

Hubert Galozy von der BI Leinburg, Initiator der Veranstaltung, zeigte sich tief enttäuscht von TenneT, denn von Anfang an hatten die BIs versucht, gemeinsam mit dem Netzbetreiber Lösungen zu finden. Der hatte zwar das Landratsamt und die betroffenen Bürgermeister im Dezember 2015 informiert, zog sich jetzt aber mit folgender schriftlichen Begründung aus der Affäre: „Da es noch keine konkreten Planungen gibt, können wir zu keinem der drei Projekte die Informationen liefern, die sich die Bürger erhoffen … Darüber hinaus werden wir in den nächsten Monaten breit über den Stand zu den drei Netzausbauprojekten informieren und werden aktiv das Gespräch mit Bürgerinitiativen und Gemeinden suchen, um ihre Erwartungen an den weiteren Prozess einzubeziehen.“

Eine etwaige irreführende Formulierung auf dem Veranstaltungsplakat, die TenneT kritisiert hatte („TenneT informiert“) und die Annahme, es handle sich um einen Austausch im kleinen Kreis, sah Galozy als klägliche Ausrede, denn der Netzbetreiber wusste von Anfang an, dass man als Veranstaltungsort einen Saal gewählt hatte, der über 150 Menschen Platz bietet. Galozy zeigte dann ein Filminterview mit TenneT-Chef Lex Hartman, in dem dieser mehr Rendite einforderte und genau darin lägen, so die BI-Meinung, die wahren Gründe für die gigantischen Ausbaupläne: fest zugesicherte 9,05 Prozent – und nicht die vorgetäuschte Stromknappheit.

Verschiedene Projekte

Im Anschluss machte Jürgen Rupprecht, BI Postbauer-Heng, klar, dass die zur Diskussion stehenden Trassenverläufe in der Nähe von Halle beginnen und nicht etwa an der Nordsee. Es gehe also in keinem Fall um Windenergie aus dem Norden für den Süden Deutschlands, sondern um Kohlestrom aus dem Osten und damit um von der europäischen Energieunion geplante europäische Handels-Verknüpfungen.

Zum einen, so Rupprecht, gehe es bei den Ausbauplänen weiterhin um die Gleichstromleitung Süd-Ost, dafür gilt inzwischen Erdkabelvorrang, zusätzlich im Gespräch sind aber auch die Aufrüstungen von zwei Wechselstromleitungen auf 380kV: Die P44 mod betrifft u.a. die Ortschaften Eckental, Schnaittach, Neunkirchen, Leinburg, Altdorf-Ludersheim. Die P53 führt unmittelbar durch Gemeindegebiete nahe an Wohnhäusern von Wendelstein, Schwarzenbruck Rummelsberg, Winkelhaid, Altdorf/Ludersheim, an Schwarzenbach und Westhaid vorbei nach Ezelsdorf und Postbauer-Heng. Zur Umrüstung müssten neue Masten gebaut werden, deren Höhe entspräche in etwa denen von HGÜ-Megatrassen, also bis zu 80 Meter, je nach Lage.

Notwendig seien diese Aufrüstungen, so die Netzbetreiber, da die HGÜ-Leitungen im Falle eines Ausfalls dadurch entsprechend gesichert und kompensiert werden sollen.

Diese Aufrüstung und „Ausfallsicherung“ sei aber nicht nötig, erklärte Galozy zornig, wenn man die HGÜ-Trassen, die ja eigentlich nicht gebraucht würden, nämlich erst gar nicht baue.

Gesundheitsrisiken

Georg Stumpf (BI Leinburg) warnte eindringlich vor Gesundheitsgefahren durch die starken Magnetfelder, denn in Bayern gebe es zwar eine gesetzliche Regelung, die Strommasten schütze, aber kein Gesetz für den unbedingt nötigen Mindestabstand der Masten zur Wohnbebauung – die Menschen würden also nicht geschützt.

Sehr aufschlussreich in dieser Hinsicht war der Filmbeitrag zu einem öffentlichen Fachgespräch, in dem Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, bestätigte, dass ein erhöhtes Leukämie-Risiko durch Strahlenbelastung thematisiert werden muss.

Solidarität lernen

Eine Meldung aus dem Publikum brachte den Vorschlag „Bürgerentscheid“, den der kompetent leitende Moderator Matthias Grobleben (BI Altdorf) als wenig zielführend beantwortete, da das „St.-Florians-Prinzip“ auch in diesem Fall greifen würde und eine große Mehrheit der Bevölkerung ja nicht direkt betroffen sei.

Das leidige Dauerthema „Windräder kontra Naturschutz“ kam auch zur Sprache, wurde aber von Moderator und Publikum nicht als Kernthema des Abends beurteilt.

Trassengegner Johann Waldmann brachte es anschließend noch einmal auf den Punkt: „Wir brauchen diese Trassen nicht, ein geringerer Leitungsausbau würde reichen.“

Abschließend kam noch ein Wort-Beitrag aus dem Publikum, der enttäuscht feststellte: Das Vertrauen der Bürger in die Politik werde verspielt. Und Ralph Kubala von der BI Altdorf forderte, die politisch Verantwortlichen sollten sich stärker engagieren.

Dies griff der 1. Bürgermeister von Berg, Helmut Himmler, auf und unterstützte die BIs darin, weiterhin engagiert und vehement aufzutreten, „denn damit kann die politische Klasse nicht umgehen“. Sein Appell: „Bleiben Sie geschlossen, lassen Sie sich nicht separieren oder gegeneinander ausspielen.“ Denn der HGÜ-Trassenverlauf sei deshalb verschoben worden, weil in der Region der Widerstand zu groß war. Er sehe vor allem auch die Aufgabe, „wieder Solidarität zu lernen“ und stellte die aktuelle Lobbyisten-Politik an den Pranger.

Diesen Schlussworten stimmte Altdorfs 2. Bürgermeister Ernst Bergmann spontan zu.

Übrigens: Staatsministerin Ilse Aigner hat alle Teilnehmer des Energiedialogs, nach einem Jahr Funkstille, am 29.2.2016 in das Bayerische Staatsministerium nach München eingeladen. Der Bürgerdialog Stromnetz wird mit Peter Ahmels dort vertreten sein und als Vertreter der BIs aus Mittelfranken wird Hubert Galozy daran teilnehmen. Es gibt also doch etwas zu besprechen.

Erich W. Spieß

N-Land Der Bote
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