Frau eines Heilpraktikers vor Gericht

Geschäft mit falscher Hoffnung

Verpixeltes Foto einer kleinen Pappschachtel: So wurde Rerum auf der Handelsplattform Rakuten vertrieben. 529 Euro kosteten drei Milliliter des dubiosen Mittels. Mittlerweile ist es online nicht mehr erhältlich. 100 Milliliter kosteten 17 366 Euro. | Foto: Archiv Screenshot Alex Blinten2019/12/Altdorf-Rerum-scaled.jpg

NÜRNBERG/ALTDORF – Ein Ehepaar aus dem Landkreis Nürnberger Land spielte mit der Hoffnung krebskranker Menschen: Sie verkauften ein relativ wirkungsloses Nahrungsergänzungsmittel als Wundermittel gegen Krebs. Der 64-jährige Ehemann, von Beruf Heilpraktiker, wurde bereits im Mai zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt (wir berichteten). Seit gestern steht nun auch seine Ehefrau (49) in Nürnberg vor Gericht.

„Rerum“ sei ein echtes „Produktwunder“, es gebe Behandlungserfolge bei Krebs, Autismus aber auch Knieschmerzen, pries Walter P. (Name geändert) seine kleinen Glasfläschchen, die vor allem Oliven- und Sojaöl, sowie einen Auszug aus Fischknorpeln enthielten, an. Laut Zeugen, die in dem Verfahren gegen den Heilpraktiker und promovierten Volkswirt aussagten, glaubte der Mann tatsächlich an die Wirksamkeit. Wissenschaftliche Studien dazu gab es aber nicht.

Gemeinsames Unternehmen

Das Ehepaar führte das Unternehmen, das „Rerum“, „Rerum blue“ und „Chold“ vertrieb, gemeinsam. Firmensitz war zunächst Pyrbaum, später Schwarzenbruck, ab 2017 dann Altdorf. Zuletzt verlegte das Ehepaar Firmen- und Wohnsitz nach Zypern und führte von dort aus die Geschäfte.


Die 49-jährige Angeklagte war laut Staatsanwaltschaft vorwiegend für die Buchhaltung und kaufmännische Fragen zuständig, ihr Ehemann für die Vermarktung. Walter P., ein großer und eloquent auftretender Mann, bewarb im Internet, auf Kongressen, Messen und Vorträgen sein „Wundermittel“. Er und seine Frau boten die Glasfläschchen, die sie für sieben Euro einkauften, über Handelsplattformen im Internet für über 300 Euro an.

Gatte bereits zu vier Jahren Haft verurteilt

Im Frühjahr dieses Jahres stand zunächst Walter P. vor der 7. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth. Es folgte ein aufwändiger Prozess mit über einem Dutzend Verhandlungstage. Zahlreiche Zeugen und Sachverständige wurden gehört. Im Mai befand das Gericht unter Vorsitz von Richter Markus Bader, dass „Rerum“ und die anderen Produkte wegen der Heilsversprechen und der Art und Weise, wie sie präsentiert wurden, sowie wegen des enthaltenen Alkohols, als Arzneimittel einzustufen seien. Es verurteilte den Mann zu vier Jahren Gefängnis. Da Straftäter aus ihren Taten keine Gewinne schöpfen dürfen, ordnete die Strafkammer an, dass von den Firmen des Angeklagten 4,5 Millionen Euro eingezogen werden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Derzeit überprüft es der Bundesgerichtshof in Karlsruhe auf Rechtsfehler.

30 Verhandlungstage angesetzt

Die 49-jährige Ehefrau saß während des Prozesses gegen ihren Mann auf Zypern in Auslieferungshaft. Nachdem sie nach Deutschland überführt wurde, muss auch sie sich jetzt vor dem Landgericht wegen Inverkehrbringen von bedenklichen und nicht zugelassenen Arzneimitteln verantworten. Es sind insgesamt 30 Verhandlungstage bis April 2020 angesetzt. Zeugen sind erst für die Termine im neuen Jahr geladen.

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