Klaus Lage im Brauhaus Altdorf

Es macht immer noch Zoom

Liedermacher, Songpoet und Nonkonformist: Klaus Lage begeistert im Brauhaus Altdorf. | Foto: Voss2019/02/Altdorf-Klaus-Lage.jpg

ALTDORF – Wenn der Kohlenpott ein Gesicht hätte, wäre es seins: Klaus Lage, Schimanski des Deutschrock und seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Gegenentwurf eines One-Hit-Wonders. Im ausverkauften Brauhaus kam das Publikum in den Genuss eines der beiden Off-Date-Konzerte seiner „Ich bin viele“-Solotour. Eine berührende musikalische Zeitreise mit Einblicken in das Leben eines Nonkonformisten, der unbestritten „so’n richtig kluger, intellektueller Wacher“ ist, auch wenn er das so niemals sagen würde.

Von seinem Geburtsort Soltau in der Lüneburger Heide verschlägt es Klaus Lage erst ins Ruhrgebiet nach Essen, schließlich nach Düsseldorf und danach zurück nach Soltau, wo er „seine Restjugend verballert“. Mit 20 geht Lage nach Berlin, die Initialzündung für seinen Werdegang als Liedermacher.

Er ist ein Getriebener, der sich im Berlin der 70er Jahre „sozialpädagogisch betätigt“ und den es doch immer wieder in die Folk Clubs der geteilten Stadt zieht. Das Leben und das ganze Drumherum reflektiert er mit der Sensibilität des Künstlers und spiegelt es in seiner Musik wider. „Wieder zuhaus“ beschreibt seine Gefühle bei der gelegentlichen Rückkehr in die alte Heimat: „Ich spür‘ die Blicke hinter den Gardinen, die ham‘ mir nicht verziehen.“

Politik und Konsumwahn

Klaus Lage trifft den Zeitgeist, wenn er über Politik („Was, wenn Gott ein Berber wär‘?“), omnipräsenten Jugend- und Konsumwahn und die beamtendeutsche Liebe zu exzessiver Reglementierung nachdenkt: „Bruno, Beamter, BAT 4…“ Konventionen nimmt er zur Kenntnis, mehr nicht: „Ich habe meine eigene Meinung, weiß, wo ich herkomm‘ und wer ich bin.“

Der Song „Komm, halt mich fest“ zeigt ein gesundes Maß an Selbstreflexion, den Wunsch nach Versöhnung mit der Partnerin, die er für die Musik vernachlässigt habe. Der Titel „Alle ham’s geschafft – außer mir“, Lages erste Single aus dem Jahr 1978, ist der selbstironische Blick des damals knapp 30-Jährigen auf seinen Werdegang als Musiker. Entmutigt hat ihn auf seinem Weg gar nichts.

Mitte der 70er Jahre schreibt Lage die Cover-Version von Arlo Guthries „Coming into Los Angeles“: „Das allererste Mal in Berlin.“ Im Brauhaus zeichnet er das Bild einer Stadt vor der Wiedervereinigung und amüsiert köstlich mit seiner Beschreibung der Grenzkontrollen sächsischer Polizeibeamter. Bei Hansa Records („so’n Wurmfortsatz von Ariola“) fühlt sich Lage irgendwann zu sehr als „Lustig- und Durstigmacher“ und geht nach Köln. Der Rest ist Geschichte: „Faust auf Faust“, „Mit meinen Augen“, Monopoli…“

„Habt ihr noch Lust, das Lied zu singen?“ fragt Lage, als das Konzert schon fast vorbei ist. Das Altdorfer Publikum hat unbedingte Lust und singt mit Hingabe und Nostalgie „1000 und 1 Nacht“ mit; „Herz und Kopf im Overkill“ und die 80er Jahre sind auf einmal ganz nah. „Ich bin viele“ überzeugt mit Authentizität und einem mitreißenden Klaus Lage an der Akustischen. Ein Abend zum Mitdenken-, -lachen und –singen. Tausend Mal berührt.

N-Land Susanne Voss
Susanne Voss