Das Ende der Eisenbahnfreunde

Endstation

Seine Sammlung an Modelleisenbahnen hat Horst-Udo Ponath nahezu aufgelöst. Diese Bing-Lokomotive jedoch hat sein Großvater Josef in den späten 20er Jahren selbst gebaut. Ehefrau Bärbel ist ebenfalls fasziniert: allerdings mehr von der Begeisterung ihres Mannes als von den Zügen selbst. | Foto: Christian Geist2020/04/Rasch-Eisenbahnfreunde-Altdorf-Ponath-scaled.jpg

RASCH – Die Altdorfer Eisenbahnfreunde haben sich aufgelöst. Horst-Udo Ponath hat den Verein über 30 Jahre geführt und mit seinen Reisen einen Beitrag zur Verbindung von Ost- und Westdeutschland geleistet.

Nachkriegszeit in Nürnberg. Horst-Udo Ponath ist gerade mal drei Jahre alt, als er an der Hand seiner Großmutter durch den Hauptbahnhof spaziert. Sie beobachten Züge, die mit Schutt beladen werden. Da hebt ein Bahnmitarbeiter den kleinen Horst auf den Führerstand einer Dampflok. „Da war es um mich geschehen“, sagt der 74-Jährige heute, auf dem Balkon seines Hauses in Rasch.

Als Teenager treibt er sich an den Stellwerken und Gleisen zwischen Langwasser und Dutzendteich herum – immer auf der Suche nach neuen Standorten, von denen er vorbeidonnernde Züge fotografiert. Keine bestimmten Modelle. Alles, was ihm vor die Linse kommt. Und solange der Film reicht. Zum Beruf macht er seine Leidenschaft nicht. Ponath studiert Jura, wird Rechtsanwalt, mit eigener Kanzlei in Altdorf. 1982 kauft er ein Haus in Rasch, drei Jahre später gründet er mit sechs weiteren Bahnliebhabern die Altdorfer Eisenbahnfreunde.

Verein kauft zwei Donnerbüchsen

Der Verein wächst rasch, zählt zu besten Zeiten fast 50 Mitglieder, ist bei allen Feiern der Stadt präsent, organisiert selbstständig das Altdorfer Bahnhofsfest. Um Kindern und Jugendlichen etwas zu bieten, kauft der Verein Ende der 80er Jahre zwei ausrangierte Waggons, so genannte Donnerbüchsen, und stellt sie am Bahnhof ab.

Der eine wird zum Vereinslokal ausgebaut, im anderen soll der Eisenbahner-Nachwuchs eine eigene Modelleisenbahn bauen. Doch dazu kommt es nicht, weil die Bahn 1992 abrupt die Pacht für den Stellplatz erhöht. Der Verein verkauft die Waggons, richtet kein Bahnhofsfest mehr aus und verlegt sich auf das Organisieren von Reisen: von A wie Annaberg bis Z wie Zittau. Mit dem Bus geht es zumeist in die ehemalige DDR, wo eine Dampflok die Altdorfer Reisegruppen über die Schmalspurgleise schleppt.

„Wir sind das Beispiel für die Verbindung von Ost und West“

Warum so viele Ausflüge in die neuen Bundesländer führen, hängt mit Ponaths zweiter Ehefrau Bärbel zusammen. Sie stammt aus Dessau, ist ebenfalls Juristin und lernt ihren heutigen Ehemann in dessen Kanzlei kennen. „Ich bin ne Ostfrau, er ist Westdeutscher. Wir sind das Beispiel für die Verbindung von Ost und West“, sagt die 72-Jährige, „den ganzen Osten haben die Leute kennen gelernt. Orte, an die sie ohne Horst nie hingekommen wären“.

Zu besten Zeiten – Anfang der 90er Jahre – machen sich 300 Menschen in eigens gecharterten Zügen der Eisenbahnfreunde von Altdorf aus auf die Reise. Doch der Verein verändert sich, das Durchschnittsalter steigt und steigt. 2018 unternehmen noch einmal 28 Bahnliebhaber eine Reise nach Koblenz. Ein Jahr später plant Ponath eine Zweitagestour nach Duisburg und Bochum: mit einem Besuch des Musicals Starlight Express als Höhepunkt.

Starlight Express auf dem Abstellgleis

Ponath hat bereits alles organisiert, da macht ein Ehepaar einen Rückzieher. Statt elf hat Ponath nur noch neun Eisenbahnfreunde auf seiner Liste. Für einen Rabatt bei den Zugtickets hätten aber mindestens zehn Personen die Reise antreten müssen. Ponath sagt die Tour ab. Er ist enttäuscht und verärgert. Freilich hat er, der gesundheitlich auch einstecken hat müssen, Verständnis, wenn jemand eine Reise aus nachvollziehbaren Gründen absagt. Doch besagtes Paar habe ihm nicht geglaubt, dass er die Zugtickets für 54,20 Euro organisiert hatte. „Da war ich verärgert. Verärgert, dass manche die Grenzen der Höflichkeit nicht mehr kennen.“

Und nun, nach der Jahresversammlung Anfang März, steht fest. Es wird keine weitere Fahrt mehr geben. Auf Ponaths Vorschlag hin lösen die Eisenbahnfreunde ihren Verein nach 35 Jahren auf. Der 74-Jährige ist das letzte noch lebende Gründungsmitglied. „Wir sind die jüngsten gewesen, der Verein ist überaltert“, sagen seine Frau und er unisono. „Am Ende haben alle gesagt: Es ist gut.“

Ganz in Frieden aber gingen die Freunde nicht auseinander. „Der Vorstand hat einstimmig vorgeschlagen, das Restvermögen von rund 5000 Euro der Fränkischen Museumseisenbahn zu spenden“, erzählt Ponath. Dazu aber war eine Mehrheit der 24 Anwesenden nicht bereit. Nun erhält jeder seinen Teil ausbezahlt. „So ein Vereinsschluss ist kein schöner“, meint Ponath mit einem Kopfschütteln, „aber wir kommen nicht drum herum“.

Ein einfacher Stammtisch war ihm zu wenig

Ohne die Fahrten fehlte dem Vorsitzenden etwas Essenzielles. Einen einfachen Stammtisch leiten, das war ihm zu wenig. „Er hat gefragt: Sind wir ein Eisenbahnverein oder ein Ratschverein?“, erzählt Ehefrau Bärbel. „Wir haben so viele schöne Erinnerungen. Wir schauen mit Güte darauf zurück. Jetzt ist es gut“, sagt sie dann, macht eine kurze Pause und wiederholt ihre Worte. „Es ist gut.“

Neben den Erinnerungen bleiben dem Ehepaar ein ganzer Schrank voll DVDs. Denn Horst-Udo Ponath hielt nicht nur die Ausflüge mit dem Verein mit der Kamera fest. Zahlreiche Urlaube verbrachten die Ponaths damit, Züge auf bestimmten Strecken abzupassen und auf Band zu bannen. Ponath legte ferner eine Dampflokführerprüfung ab und besorgte sich bei Reisen durch Österreich häufig eine Führerstandsgenehmigung. Von dort filmte er das Geschehen und bedankte sich beim Lokführer anschließend mit einer DVD.

Und bei einer seiner Reisen rettet er einigen Menschen vermutlich sogar das Leben. Der Zug ist unterwegs durch Niederösterreich. 160 Stundenkilometer schnell. Kurz vor Neunkirchen, wo kein Halt eingeplant ist. „Plötzlich sehe ich, dass das Signal auf Rot springt“, berichtet Ponath, „das konnte der Lokführer gar nicht sehen, weil die Sonne so blöd auf das Fenster gestanden war“. Ponath ruft es dem Zugführer zu. Der fragt kurz nach. Glaubt ihm. Legt eine Vollbremsung ein. „In Neunkirchen steht keine 20 Meter vor uns ein Zug auf unserem Gleis.“

„Die Bahn ist seine Geliebte“

Mit seiner Lizenz sammelt Ponath auch selbst Kilometer am Steuer. 27 000 insgesamt, die meisten davon in Österreich und Italien. „Die Bahn ist seine Geliebte“, sagt Ehefrau Bärbel über ihren Horst. Als sie sich kennen lernen, fährt eine Z-Spur-Modelleisenbahn (Maßstab 1:220) durch sein Büro. „Ich habe mich gefragt, was das für ein Mann ist? Der interessiert sich ja nur für Eisenbahnen.“ Wenn ihre Verwandten auf Dienstreise durch die alten Bundesländer geschickt werden, rufen sie in Altdorf bei Horst-Udo an. Er sagt ihnen am Telefon durch, wo sie wann umsteigen müssen, um ans Ziel zu gelangen. „Der hat die ganzen Fahrpläne im Kopf. Man müsste ihn mal zu einem Fernsehquiz schicken“, sagt Bärbel Ponath fasziniert angesichts seines Gedächtnisses.

Seit ein paar Jahren immerhin macht er Abstriche bei seiner Geliebten. Die Lehmann-Bahn auf der Garage, die zweistöckige Bing-Anlage im Erdgeschoss, zahlreiche Signal- und Warnleuchten im Treppenhaus: alles verkauft. Der Wartungsaufwand wurde zu groß, die Arbeit, kniend unter der Platte zu anstrengend. Von 60 Zügen und mehr als 75 Weichen ist nur wenig geblieben. Sein ganzer Stolz ist eine Lok der Nürnberger Spielzeugfirma Bing.

Bis zur Schließung 1932 arbeitete sein Großvater Josef Ponath dort als Werkmeister. „Diese Lok hat er noch mit eigenen Händen gebaut“, sagt Horst-Udo Ponath und wiegt das Modell vorsichtig in seinen Händen. Irgendwann wird er es seiner Tochter vererben. Doch bis es so weit ist, wird er mit seiner Frau noch einige Zugreisen unternehmen. Denn für das Ehepaar war die Auflösung des Vereins noch nicht die Endhaltestelle.

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