Schießsport

Ein Schützenverein in Frauenhand

Doris Eckstein leitet den Schützenverein Rieden-Pühlheim seit gut drei Jahren. | Foto: Christian Geist2019/02/Unterrieden-Schuetzen-Eckstein-Waffe-3.jpg

UNTERRIEDEN – Schützenvereine galten lange Zeit als echte Männerdomäne. Der Schützenverein Rieden-Pühlheim ist nun aber in Frauenhand. Seit gut drei Jahren leitet Doris Eckstein die Geschicke des Vereins. Neben ihr bekleiden gleich drei weitere Frauen wichtige Vorstandsposten.

Im Schützenhaus am Tonanger läuft gerade das Montagstraining. Ein älterer Herr und eine junge Frau üben am Luftgewehr. Ein- bis zweimal die Minute durchdringt das Peitschen einer Kugel den Raum. Ansonsten Stille. Konzentration. Im Aufenthaltsraum nebenan sitzt Doris Eckstein allein an einem langgezogenen Tisch, an dem leicht zwei Schützenteams Platz finden. Sie sortiert einen Stapel Schießscheiben, jene beigefarbenen Pappstreifen mit zehn schwarzen Fadenkreuzen. In der Ecke steht ein massiver Metallspind. An den Wänden hängen Schützenscheiben vergangener Tage. Große Scheiben aus Holz, geschnitzt und bemalt mit Motiven aus Feld und Flur. Sie künden von Meisterschaften vergangener Tage. Auf silbernen Plaketten sind die Vereinsmeister und Schützenkönige verewigt. Auch Doris Ecksteins Name ist dort zu finden. Schützenkönig war sie im Jahr 2000, den Vereinstitel hat sie derzeit inne. Zur wichtigsten Schützin des Vereins aber macht sie etwas anderes. Seit gut drei Jahren führt sie den Verein als Vorsitzende.

„Wollte das nicht unbedingt“

„Ich wollte das nicht unbedingt werden. Ich habe mich dafür hergegeben, weil sich kein anderer gemeldet hat“, sagt Eckstein mit einem Lachen, das den Worten ihre Schärfe nimmt. Ecksteins Vater stand 30 Jahre an der Spitze des Vereins, das Elternhaus steht direkt neben dem Schützenheim. Mit zwölf griff sie das erste Mal zur Waffe. Seit 36 Jahren hat sie das Gewehr nicht mehr bei Seite gelegt, nicht mal während ihrer beiden Schwangerschaften. Dabei bezeichnet sie sich selbst als schreckhaft. „Ich hasse es zum Beispiel, wenn jemand an Silvester mit einer Pistole schießt.“ Ihr Gewehr aber betrachtet sie nicht als Waffe, sondern als Sportgerät. Das Training ist ihre Auszeit vom Alltag. 45 Minuten Konzentration, 40 Schuss. Was nicht an den Schießstand gehört, blendet sie aus, sperrt sie aus. „Die besten Schützen sind oft Frauen“, sagt sie. Mit der zweiten Mannschaft bestreitet sie immer freitags ihre Wettkämpfe. Neben dem Sport nimmt das Gesellige an diesen Abenden eine wichtige Rolle ein. Die Gegner kommen aus der näheren Umgebung. Man kennt und schätzt sich. Kehrt nach dem Schießen gemeinsam ein. Wie sich das unter Schützen gehört.

Gewählt wird, wer antritt

„Vor der ersten Wahl habe ich zu meinem Mann gesagt, dass ich wahrscheinlich als zweiter Vorstand heimkomme. Mindestens.“ Wer sich aufstellen lässt, der wird gewählt. Das wusste Eckstein. Mit Claudia Rauch als Stellvertreterin stimmte sie schließlich zu und trat 2016 ihre erste Amtszeit an. „Ich mache das nicht, weil ich nichts mit meiner Freizeit anzufangen weiß. Aber wir sind schon rechte Vereinsmeier in der Familie“, meint Eckstein. Ihr Mann Harald ist stellvertretender Vorsitzender beim FSV Weißenbrunn, Sohn Max gehört dort ebenfalls dem Vorstand an.

Vorsitzende, stellvertretende Vorsitzende, Schatzmeisterin, Schriftführerin. Doris Eckstein, Julia Eckstein, Nina Eckl, Claudia Rauch. Im neu gewählten Vorstand des Schützenvereins sind die wichtigsten Posten in weiblicher Hand. Den Herren bleiben unter anderem die sportliche Leitung und die Kassenprüfung. Damit sind die weiblichen Mitglieder im Vorstand nicht mal überproportional vertreten. Knapp 140 Mitglieder zählt der 1955 gegründete Verein. Auf rund 30 Prozent taxiert Eckstein den Anteil der Frauen, „bei den aktiven Schützen steht es sogar 50-50“. Und das sei heute nicht mehr ungewöhnlich. Selbst bei Tagungen auf Gauebene säßen heute bis zu 20 Prozent Frauen. Zu Zeiten ihres Vaters wäre das noch undenkbar gewesen.
Eckstein spürt die Rückendeckung ihres Vereins. Kritische Stimmen? Dumme Sprüche? Fehlanzeige. „Auch wenn die Männer nicht im Vorstand sind, gibt es einen Kreis von fünf, sechs Leuten, die ich anrufen kann, wenn irgendetwas ist. Und die kommen dann auch – da muss ich keine fünfmal anrufen“, sagt Eckstein, „da schreib ich eine Whatsapp und dann passiert das am nächsten Tag“. Einen Verein dieser Größenordnung zu führen, bezeichnet die 47-Jährige als machbar – neben dem Möbelgeschäft, das sie mit ihrem Mann in Weißenbrunn betreibt.

Digitale Technik hält Einzug: Die beigen Pappstreifen gehören bald der Geschichte an. | Foto: Christian Geist2019/02/Unterrieden-Schuetzen-Eckstein-Waffe-2.jpg

Digitaler Schießstand

Dass sie anders an die Aufgabe herangeht als ihre männlichen Vorgänger, glaubt sie schon. Allerdings nicht wegen ihres Geschlechts. Ihres Wissens nach ist sie die erste Vorsitzende des Vereins, die auch selbst schießt und an Wettkämpfen teilnimmt. Während das letzte große Projekt ihrer Vorgänger die Renovierung des Aufenthaltsraums war, legt sie den Fokus auf etwas anderes. Ein moderner Schießstand soll her. Wer heute einen Schuss abfeuert und sein Ergebnis sehen will, drückt einen Knopf. Dann fahren die Zielscheiben auf einer Seilbahn dem Schützen entgegen und anschließend wieder in Position. 30 000 Euro investiert der Verein nun in digitale Technik. Zwar wird dann immer noch mit Kugeln geschossen, allerdings auf eine Art Bildschirm. Eine Software meldet den Treffer in Echtzeit an Tablet oder Laptop. Unter Traditionalisten ist dieser Schritt nicht unumstritten. Eckstein hatte auch in ihrem Verein mit Gegenwind gerechnet. Entsprechend penibel habe sie sich auf die Jahresversammlung vorbereitet. Dort sei die Entscheidung dann keine große Sache gewesen. „Wir hätten uns dem auch verschließen können“, meint Eckstein, während sie in einem Stapel Schießscheiben blättert „aber dann dürfen wir in 20 Jahren vielleicht nicht mehr an Wettkämpfen teilnehmen“. Schon im Herbst soll der neue Schießstand fertig sein. Die beigen Pappstreifen gehören dann der Vergangenheit an.

Wer Interesse am Schießsport hat, kann sich bei Doris Eckstein unter Telefon 0157/37459545 oder per E-Mail an [email protected] melden. Mit dem vereinseigenen Lichtpunktgewehr dürfen auch Kinder unter zwölf Jahren an den Schießstand.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren
N-Land Christian Geist
Christian Geist