Feuchter hilft seit Jahren ehrenamtlich bei der Tafel

Die Geschichte des Gerhard Hampl

Gerhard Hampl zeigt im Kühlraum die Wurstverschnitte, die die Metzgereien nicht mehr verkaufen. Gäbe es die Tafel nicht, würden viel mehr Lebensmittel weggeworfen. Foto: Degenhardt2014/10/feucht_hampl_gerhard.jpg

FEUCHT – Am 23. November vor 15 Jahren wurde die Nürnberger Land Tafel gegründet. Aus diesem Grund hat der Bote mit dem Vorsitzenden Gerhard Hampl gesprochen über ein gerechtes Verteilungssystem und eine egoistische Gesellschaft.

Gerhard Hampl trägt dunkelblaue Jeans, ein graubraunes Sakko über einem weißen Hemd. Auf seiner Nase sitzt eine moderne Brille mit großen Gläsern, die sein Gesicht zu einem Politikergesicht macht. Er erzählt gerne, am liebsten Erfolgsgeschichten. Die vom Aufbau der Nürnberger Land Tafel ist so eine Erfolgsgeschichte. Vor 15 Jahren wurde sie gegründet, 2002 übernahm Hampl die Leitung. Alles fing in einer Garage in Altdorf an, jetzt gibt es zehn Ausgabestellen im Landkreis. Seit zehn Jahren ist der Sitz der Tafel in Feucht. Seit Mai ist Hampl Vorsitzender. „Ich wollte mich eigentlich nicht bei der Tafel engagieren“, sagt der 70-Jährige. Seine Frau hat ihn überredet mitzuhelfen. Als Fahrer ist er eingestiegen und hat alle zwei Wochen Lebensmittel in Geschäften abgeholt.

Die Situation mancher Bedürftiger nimmt ihn arg mit, sagt Hampl. Er habe viel in Kirchen gesprochen, um ältere Leute zu erreichen, denn „die essen lieber trocken Brot, um sich nicht in die Schlange der Tafel zu stellen“. Auch er selbst würde sich für Lebensmittel anstellen, wenn er finanzielle Probleme hätte. Gerhard Hampl war ein Flüchtling, er stammt aus dem Böhmerwald. Er hat einen anderen Bezug zu Lebensmitteln, weil diese früher knapp waren. Ihm hat die Mitarbeit bei der Tafel gut getan, sagt er. Weil er Nahrungsmittel noch mehr schätzen gelernt hat. Bei ihm Zuhause wird nie etwas weggeworfen. „Ich gehöre zu der Generation, in der aufgegessen wird, auch wenn sich der Magen verrenkt“, sagt er. Das ist auch der Grund für sein Engagement. „Es ist weniger der Aspekt der Bedürftigkeit, sondern der, dass Lebensmittel zentnerweise weggeworfen werden, die 30 Minuten vorher noch verkauft wurden.“

Ständig konfrontiert mit der Armut der Bedürftigen findet er, dass wir in einer ungerechten Gesellschaft leben, in der die Kluft zwischen Arm und Reich zu groß ist. Die Gehälter von Fußballern und Vorständen seien ein Unding. „Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie Carsten Maschmeyer mit Drückerkolonnen zu seinem Geld gekommen ist“, sagt der Feuchter. Eine gerechte Gesellschaft bedeutet für Gerhard Hampl, die obere Spitze finanziell ab- und die untere aufzubauen. Hampl macht auch die Umstellung von der DM auf den Euro dafür verantwortlich, dass so viele Leute in Geldnot sind. Er selbst engagiert sich ehrenamtlich bei der Tafel, arbeitet dort etwa 20 Stunden pro Woche, früher waren es noch mehr. Vor seiner Rente hat er Häuser und Wohnungen gebaut.

Doch er sieht sich weder als Weltverbesserer noch als jemand, der die Welt ein Stück gerechter macht. „Ich bin ein kleines Licht und helfe nur sozial Schwachen“, sagt er. Um Anerkennung gehe es ihm nicht. Er leiste „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Hampl läuft vom Besprechungszimmer in die Lagerhalle der Nürnberger Land Tafel im Lohweg 75. Dort stapeln sich Paletten mit Waschmitteln und Kaffee. Dazwischen schleppt Nanette (Name geändert) grüne Kisten hin und her. Das „Hilfe-zur-Selbsthilfe“-Prinzip wendet Gerhard Hampl auch bei ihr an. „Lachen Sie mal mit den Zähnen“, sagt er zu ihr. Die etwa 30-jährige Nanette lacht und zeigt dabei ihren zahnlosen Unterkiefer.

Dann dreht er sich um und geht zurück ins Büro. „Ich hab zu ihr gesagt: Sie müssen zuerst die Zähne machen lassen“, 2301,88 Euro würde es kosten, das Gebiss richten zu lassen. Nanette ist arbeitslos und hilft im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes bei der Tafel mit. Sie könnte das Geld nie aufbringen. Gerhard Hampl hat einen Härtefall-Antrag bei der Krankenkasse gestellt. Wird solch ein Antrag bewilligt, zahlt die Kasse doppelt. Abgelehnt. Er hat noch einen Antrag gestellt und einen Spender aus Lauf aufgetrieben, der für die 500 Euro aufkommt, die noch zu zahlen sind, falls der Antrag genehmigt wird. „Wenn das OK kommt, hat dieses Schicksal die Chance auf ein neues Gesicht und den Wiedereinstieg ins Berufsleben.“ Noch so eine Erfolgsgeschichte.

Nicht immer läuft alles so rund. Bei seiner ehrenamtlichen Arbeit fällt ihm immer wieder auf, wie egoistisch sich mancher verhält. Er trifft oft auf Menschen, die nichts von der Arbeit der Tafel halten. Erst vor kurzem hat er einen Bekannten angesprochen, ob er mithelfen möchte. Der hat Nein gesagt. „Es gibt auch manche Gemeinderäte in Feucht, die dafür kein Herz haben“, sagt er. Hampl selbst ist seit 39 Jahren Mitglied der CSU, betätigt sich aber nicht politisch. „Ich bin nicht so schwarz, dass ich im Kohlenkeller einen Schatten werfe.“

900 Tafeln in Deutschland

Ohne Gerhard Hampl würde die Nürnberger Land Tafel heute nicht da stehen, wo sie steht. Er hat den größten Verbund Deutschlands gegründet, in dem 62 Tafeln organisiert sind. Das ermöglicht es, von den Herstellern und Supermärkten größere Mengen an Waren abzunehmen. Von den 900 Tafeln in Deutschland hat er 600 in Verbünden organisiert. Sechs Jahre lang war er Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutsche Tafel. 280 Ehrenamtliche engagieren sich bei der Tafel Nürnberger Land, von der etwa 750 Bedarfsgemeinschaften abhängig sind. „Wenn ich davon nur fünf zu einem besseren Leben verhelfe, freut es mich schon.“ Und wenn die Sache mit Nanette durchgeht, dann freut er sich über Feedback, sagt er. Vielleicht ist das für ihn ein Synonym für Anerkennung.

N-Land Luisa Degenhardt
Luisa Degenhardt