Altdorfer Einrichtung hat wechselvolle Geschichte

Ausstellung informiert über 90 Jahre Wichernhaus

Rektor Breitenbach eröffnete die Ausstellung. Foto: Blinten2015/10/Ausstellung-Wichernhaus.jpg

ALTDORF – Mit einer hervorragend gegliederten Ausstellung informieren die Rummelsberger über Geschichte und Aufgaben des Wichernhauses, das in diesem Jahr 90-jähriges Jubiläum feiert. Rektor Dr. Günther Breitenbach hat die Schau zusammen mit Wichernhaus-Leiter Volker Deeg im Beetsaal eröffnet und dazu zahlreiche Gäste begrüßt, darunter Landrat Armin Kroder und Angelika Feisthammel, die Behinderten-Beauftragte des Landkreises, sowie Vertreter der Kommunalpolitik und der Kirchen und weitere Repräsentanten des öffentlichen Lebens.

125 Jahre ist die Rummelsberger Diakonie heuer alt, vor 90 Jahren richtete sie in Altdorf das Wichernhaus als „Krüppelanstalt“ ein – gegen den heftigen Widerstand der Altdorfer, die sich damals mit einer Petition an München wandten, und dringend darum baten doch auf „die beabsichtigte Schaffung einer Blödenanstalt in unserem Städtchen“ zu verzichten.

Es kam anders: Im Oktober 1925 wurde das Haus seiner Bestimmung übergeben und heißt seit damals Wichernhaus.

Den Anstoß für die Einrichtung einer Wohnstätte für Behinderte gab damals der Rummelsberger Diakon Johannes Baumann. Zurückgekehrt aus einem Missionskrankenhaus in China hatte Baumann die leer stehenden Räume des ehemaligen Lehrerseminars in der Alten Universität besucht und seinem Rektor vorgeschlagen, hier Arbeit mit Körperbehinderten zu machen.

Bedrohung für Behinderte

Rektor Breitenbach ging in seiner Rückschau auch auf die schwierigen Jahre während der Nazi-Zeit ein, als die Rummelsberger zwar zunächst mit großer Sympathie die sogenannte Machtergreifung Hitlers feierten, dann aber sehr schnell feststellten, dass sich da eine große Gefahr für die ihrem Schutz unterstehenden behinderten Menschen zusammen braute. Der damalige Rummelsberger Rektor Karl Nicol stellte sich den Machthabern entgegen und verhinderte die Bemühungen der Nazis, die Rummelsberger Anstalten aufzuheben.

Das Wichernhaus ist prägend für Altdorf, stellte Rektor Breitenbach abschließend fest. „Und das ist etwas ganz wunderbares, das prägt den Geist dieser Stadt.“ Für Breitenbach findet die Prägung ihren schönsten Ausdruck in der Skulptur am Markt, dem „Bunten Völkchen“: „Hier wurde diesem Geist ein Denkmal gesetzt.“

Daran konnte Landrat Kroder anknüpfen: Altdorf ist Inklusionsstadt und gehe so selbstverständlich mit seinen vielen behinderten Mitbürgern um, wie kaum eine andere Kommune sonst. „Der Landkreis ist stolz auf das Wichernhaus“, sagte Kroder.

Stolz auf die Einrichtung ist natürlich auch die Stadt, für die 2. Bürgermeister Ernst Bergmann die Grüße überbrachte. Dass man völlig entspannt mit Menschen mit Behinderungen in der Stadt umgeht, liegt nach seiner Überzeugung auch daran, dass in Altdorf die Kinder mit der Situation aufwachsen und wissen, wie man einem körperbehinderten Menschen begegnet, wie und wann man Platz macht oder kurz hilft.

Als Vorsitzender des Wallensteinvereins dankte Bergmann auch für die Jahrzehntelange gute Kooperation mit dem Wichernhaus während der Festspielzeit.

Spiegel der Sozialgeschichte

Erläuterungen zur Ausstellung gab schließlich Volker Deeg. Die Schau schlägt einen Bogen von den Anfängen als Krüppelanstalt bis zur heutigen modernen Wohnstätte und Schule für Behinderte. An den Längswänden des Betsaals ist die Geschichte in einem Zeitstrahl gerafft. Dabei haben die Rummelsberger bewusst auf Namen verzichtet. Zum einen war der zu bewältigende Stoff so umfangreich, dass man die Historie auf das Wesentliche kürzen musste, zum anderen habe man keinen „Personenkult“ gewollt, so Deeg, der am Ende darauf hinwies, dass die Geschichte des Wichernhauses auch ein Spiegel der Sozial- und Kulturgeschichte Deutschlands ist – von der Hilfe für Kriegsversehrte nach dem 1. Weltkrieg über die menschenverachtende Ideologie der Nazis, für die behinderte Menschen kein Lebensrecht mehr besaßen, bis zur Festlegung des Rechts der Behinderten auf Bildung und Hilfe, das in den 60er Jahren in Gesetzesform gegossen wurde.

Die musikalische Umrahmung der Ausstellungseröffnung übernahm das Ensemble Rubato, allesamt Musiker, die als Mitarbeiter im Wichernhaus tätig sind bzw. einmal tätig waren.

Besucher können noch bis zum 15. November täglich von 8 bis 16 Uhr die Ausstellung im Betsaal besuchen und sich informieren, wie eine große Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in wechselvoller Geschichte das Leben in Altdorf mitprägt.

 

 

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten