PZ-Umfrage zu Pegida

„Es gibt erschreckend viele aktive ,Mitgänger‘“

Immer mehr Bürger gehen gegen Pegida auf die Straße. Am Tag vor Heiligabend waren es rund 7000 in Nürnberg. Foto: NN-Archiv2015/01/94779_pegidaburg_New_1420801264.jpg

NÜRNBERGER LAND — Ignorieren, protestieren oder auf die Demonstranten zugehen? Die Montagsdemos der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“ (Pegida) bringen seit Wochen über zehntausend Menschen nach Dresden. Wie soll man mit der Bewegung umgehen? Die Pegnitz-Zeitung hat bei heimischen Bürgern und Politikern nachgefragt.

„Das ist eine brandgefährliche Mischung aus einerseits rassistischen Haltungen, die es schon immer gegeben hat, die aber versteckt waren, und andererseits Ängsten, die aus Medienbildern gespeist werden.“ So erklärt sich die Laufer Pfarrerin der evangelischen Gemeinde, Lisa Nikol-Eryazici, den Erfolg von Pegida. „Im Osten haben viele das Gefühl, dass sie von der Wiedervereinigung abgehängt sind.“ Allerdings sei es surreal, so Nikol-Eryazici, dass gerade dort, wo besonders wenige Muslime lebten, so viele Menschen gegen eine vermeintliche Islamisiering demonstrierten.

Sie findet den Begriff „Abendland“ irreführend. „Wir waren immer eine homogene Größe“, so die Pfarrerin, bei Europa handle es sich um eine Wertegemeinschaft. „Diese möchte ich gern leben, aber mit allen, die hierher kommen.“ Die Politik müsse deutlich machen, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei.

Ekkehard Wagner, Organisator des Laufer Forums, hat für die Formulierung der „Islamisierung des Abendlands“ kein Verständnis. Bei der geringen Anzahl der Muslime im Land könne davon gar keine Rede sein. Er beklagt allerdings eine „unkontrollierte Zuwanderung“. Es kämen Menschen nach Deutschland, die keiner Hilfe bedürften, und die Bürger beschäftigten sich damit. „Die Politik war nicht bereit oder zu feige, dieses Thema anzusprechen.“

Wagner warnt davor, alle Pegida-Anhänger als rechtsradikal abzustempeln. Man müsse versuchen, die Bewegung zu spalten. „Pegida wird nicht über Nacht verschwinden.“ Das Phänomen könne Jahre bestehen, und wenn sich gewaltbereite Gegenbewegungen formierten, hält Wagner gar „bürgerkriegsähnliche Zustände“ für möglich.

Marlene Mortler, die Bundestagsabgeordnete des Nürnberger Landes, sagt, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit müsse man in einer Demokratie allen zugestehen, „ob es uns passt oder nicht.“ Mit den Anführern von Pegida dürfe man aber nicht reden, um die diese teils sehr zweifelhaften Persönlichkeiten nicht aufzuwerten.

Grundsätzlich, so die Bundestagsabgeordnete, nehme sie alle Menschen in Deutschland ernst, das sollten ihrer Meinung nach auch die Medien tun. „Unsere Aufgabe als Politiker und auch der Medien ist, uns zu fragen: ‚Warum sind die Menschen verunsichert?‘“ Die Bürger müssten das Gefühl haben, dass der Staat sich um sie kümmert. „Wir dürfen das Feld nicht den Hetzern überlassen, die Islam mit islamistichem Terrorismus gleichsetzen“, so Mortler.

Allerdings sei es auch der falsche weg, alle Demonstranten in die rechte Ecke zu stellen. Von der Bewegung fühlen sich einige Bürger angezogen: „Bei Pegida laufen auch Menschen im Geiste mit, die 300 Kilometer entfernt sind,“ glaubt Mortler.

Martina Baumann, Bürgermeisterin aus Neunkirchen und SPD-Vorsitzende im Nürnberger Land, hält die Pegida-Märsche für „sehr gefährlich und bedenklich.“ „Ich finde es erschreckend, wie viele Leute auf die Straße gehen“, sagt Baumann. Die Politikerin glaubt nicht, dass man auf den Demos mit den Pegida-Anhängern vernünftig reden kann. Über Nachbarn und Vereine müsse man dennoch auf diese Menschen zugehen. Das sei auch die Aufgabe kommunaler Politik.

Baumann überlegt, wie man die Politik glaubhaft machen könne. „Diese Leute vertrauen der Politik nicht und glauben, dass die Presse eine ‚Lügenpresse‘ ist.“ Die Pegida-Anhänger hätten das Gefühl, von beiden nicht wahrgenommen zu werden. „Es macht mir Sorge, dass viele Leute einfach mitgehen“, so Baumann, die an die Machtergreifung der Nationalsozialisten erinnert. 1933 habe es eine schweigende Mehrheit gegeben, in Dresden seien es viele tausend „aktive Mitgänger“.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer