Afrikanerin auf Zeit

Zum thematischen Teil des Frauentages der Rummelsberger Brüderschaft – 25 Jahre Tansania – begrüßte Brüdersenior Diakon Martin Neukamm die Frauen in der Turnhalle. Foto: Krätzer/RA2010/10/frauentagthemabegruessung_New_1286197921.jpg

RUMMELSBERG – Über ein Vierteljahrhundert engagieren sich Rummelsberger Diakone und ihre Frauen in Tansania, leisten hier, im Norden der Meru-Diösese, Hilfe zur Selbsthilfe. Ganz im Zeichen Afrikas und Tansanias stand anlässlich dieser „Silberhochzeit“ der Frauentag der Rummelsberger Brüderschaft.

Das Jahrestreffen der Ehefrauen der Rummelsberger Diakone beginnt traditionell mit der Andacht und Einstimmung auf das Thema am Freitag. Den abschließenden Festgottesdienst am Sonntag gestaltete Brüdersenior Diakon Martin Neukamm zusammen mit dem Posaunenchor unter Leitung von Diakon Lothar Deeg sowie Dr. Thomas Greif an der Orgel.

Unter den Teilnehmerinnen waren diesmal auch Frauen aus Afrika: Die Tansanierin Sofia Moshi, stellvertretende Leiterin des Usa River Rehabilitations Centers (URRC) mit ihrer Tochter Kanaeli, sowie Diakonin Gabriele Lehrke-Neidhardt. Sie und ihr Mann, Diakon Günter Neidhardt, leiten zurzeit die Einrichtung Ushirika wa Diakonia Faraja in der Nähe von Sanya Juu (Tansania). Hier erhalten Kinder mit Körperbehinderung eine Schulausbildung, und gleichzeitig ist es mit der Ausbildung junger Männer zu Diakonen eine Art tansanisches Rummelsberg.

Viel wurde in diesen Jahren erreicht, viel bleibt zu tun. Quasi aus dem Nichts und dank der Weitsicht des damaligen Rummelsberger Rektors, Dr. Karl Heinz Neukamm, und des tansanischen Bischofs Dr. Erasto N. Kweka entstanden Schritt für Schritt Einrichtungen. Sie geben heute jungen Menschen mit Körperbehinderung eine Ausbildung und damit eine selbstbestimmte Zukunft.

Tansania aktuell: Mit einem Einblick in die Probleme dieses, zu den ärmsten Ländern der Welt zählenden Staates und ihrer Arbeit eröffnete Sofia Moshi das Thema des Frauentages. Die Hälfte der Bevölkerung unter 14 Jahren, Einkommen von zwei Euro pro Tag, über 100 verschiedene Sprachen und ethnische Gruppen, Aids, Aidswaisen, Malaria, Korruption, alleinerziehende Mütter, keine Kranken-, Alters- oder Sozialversicherungen – das sind nur einige der Herausforderungen, unter denen die Menschen dort leben.

Behinderte Kinder galten (und gelten manchmal auch heute noch) in den Dörfern als Strafe Gottes, berichtete Moshi. Hier aufzuklären (Dorfarbeit), die Kinder behandeln und ihnen Zugang zu Schule, Ausbildung und Beruf zu ermöglichen, das sind die Ziele des URRC und Farajas. Auch von der Hilfe des Feuerkinderteams berichtete sie, die jährlich eben diese Kinder und Jugendlichen medizinisch im Nkoaranga-Krankenhaus betreuen und auch die Einrichtungen unterstützen.

Viele Brüder und ihre Frauen arbeiteten und lebten in diesen 25 Jahren in Tansania. Wie ging es den Frauen, die ihre Männer dorthin begleiteten? Wie gelingt es, sich auf Jahre in der Fremde ein Zuhause aufzubauen und mit welchen Schwierigkeiten hatten sie und haben die Menschen dort zu kämpfen?

Über ihre Erfahrungen, ihre Liebe zum Gastland, dessen Schönheit und seinen Schattenseiten berichteten die fünf „Gast-Tansanierinnen auf Zeit“, Lisa Schröder, Rita Lang, Karin Kopp, Jennifer Wollner und Lehrke-Neidhardt. Seit 1985 lebten sie nacheinander in ihrem Gastland, teilen sich viele Erfahrungen. Von großer Herzlichkeit, Aufgenommen-Sein, Zufriedenheit sprachen die Frauen, von Freundschaften, die bis heute tragen, einem wunderschönen, weiten Land, aber auch von Verständigungsproblemen, Einsamkeit und kulturellen Unterschieden.

Erst als Mutter, am besten eines Sohnes, sei man eine Respektsperson, erinnerte sich Rita Lang, deren beide Kinder in Tansania geboren wurden. Als immer trennend empfand Lisa Schröder die Hautfarbe und auch der sehr „großzügige“ Umgang mit Zeit, Wahrheit und Verantwortung mit den vielen Verzögerungen und Lügen

bereitete ihr lange Zeit Schwierigkeiten.

Auch die Wut über Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit, die Ohnmacht, wenn Frauen einfach verheiratet werden, die schleichende Korruption, die überall ins tägliche Leben hineinspielt und die intensive Nähe – einerseits tröstlich und ein Glück, andererseits aber ohne Distanz und Rücksicht auf private Zeiten – forderten die Europäerinnen gewaltig.

Unter dem Motto „erfahren – erleben – erspüren“ schlossen sich später die unterschiedlichsten Gruppenangebote zum Thema Afrika an. Und auch die Musik durfte nicht fehlen: Am Abend erklangen afrikanische Trommeln, geschlagen und dazu gesungen von den vier Frauen der „muso djembe fola“ (Frauen, die trommeln) aus der Gegend um Neumarkt.

Wie ein mehrjähriger Auslandsaufenthalt verändert, können wohl nur Menschen mit ähnlichen Erfahrungen nachvollziehen. Das christlich-diakonischen Engagement gegen Armut, Unwissenheit und Krankheit ist ureigenste Aufgabe der Kirche, wenn man seine Mitmenschen als Gottes Ebenbild sieht oder wie es der frühere Staatspräsident Tansanias Julius Nyerer formulierte: „Wir sagen, dass Gott den Menschen nach seinem Bild erschuf. Ich aber weigere mich, mir vorzustellen, dass Gott arm ist oder ungebildet, dass er abergläubisch ist oder ängstlich, unterdrückt oder elend.“ Dorothée Krätzer/RDM

Weitere Informationen im Internet unter anderem unter www.rehabilitation-center-tanzania.org, http://karibu-in-faraja.blogspot.com und www.feuerkinder.de.

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