Laufer Literaturtage: Nina George

Zwischen Leben und Sterben

Nina George las nicht nur aus ihrem „Traumbuch“, sondern erzählte auch von schweren Situationen in ihrem eigenen Leben. | Foto: Cichon2016/11/Nina-George-Literaturtage-2016-Lauf-1.jpg

LAUF – „Das Traumbuch“: Das ist der Titel von Nina Georges Werk, aus dem die Autorin bei den Laufer Literaturtagen liest. Kraftvoll und authentisch trägt sie die Befindlichkeiten der drei Hauptcharaktere zwischen Leben und Sterben und Liebe und Freundschaft vor.

Bereits vor der Tür muss George das erste Autogramm geben und lässt sich bereitwillig mit einem Fan fotografieren. Auf der Bühne überzeugt sie mit ihrer Vielseitigkeit: Wenn sie liest, lebt sie ihr Buch. Jede einzelne der bildgewaltig geschriebenen Emotionen nimmt man ihr ab. Dann ist sie wieder ganz Entertainerin, die mit viel Humor, aber auch schonungslos ehrlich, über die Parallelen des „Traumbuches“ zu ihrem eigenen Leben erzählt.

Nach dem Welterfolg ihres Romans „Das Lavendelzimmer“, der bislang in 35 Sprachen übersetzt wurde, geriet sie in eine Sinnkrise. Das vom Verlag geforderte Nachfolgebuch wollte sich nicht so recht zu Papier bringen lassen. Außerdem kriselte es in Georges Ehe. Gründe genug für die gebürtige Bielefelderin, sich mit ihrem Mann eine Auszeit in der Bretagne zu nehmen, um wieder zu sich zu finden.

Eine kleine Entscheidung veränderte dort nicht nur ihr Leben, sondern lieferte auch die Idee zu ihrem neuen Buch: Krabben anstatt überbackenem Käse. Das suchte sie sich im Restaurant aus. Die Lebensmittelvergiftung gab es gratis dazu.

Auf der Fahrt ins Krankenhaus war sie sicher, sie würde sterben. „Es fühlte sich an wie ein Hinabgleiten. Als würde sich die Welt auflösen. Dann habe ich mit meinem toten Vater gesprochen“, schildert die 43-Jährige.

Genauso beschreibt die Autorin im „Traumbuch“ die Empfindungen des Kriegsreporters Henri, der nach einem Unfall ins Koma gefallen ist. „Er träumt nicht nur, sondern wandert durch die Realitäten“, erzählt George. Auch die anderen Hauptakteure – Sam und Eddie – haben stark autobiographische Züge. Sam, Henris Sohn, ist Synästhetiker wie sie selbst. Zahlen sieht er als Farben. Außerdem empfindet er Emotionen viel intensiver als andere Menschen.

Eddie, Henris Ex-Partnerin, ist in seiner Patientenverfügung als Notfallkontakt vermerkt und steht nun vor der Entscheidung, ob sie die lebenserhaltenden Geräte abstellen lassen soll. Außerdem beschäftigt Eddie der abrupte Tod ihres Vaters. Ein weiterer autobiographischer Moment: Auch George hat der Tod ihres Vaters schwer getroffen. Mit den Worten „Mein bester Freund war tot. Meine Kindheit war tot. Niemand liebt mich mehr“, beschreibt sie nicht nur Eddies Gefühle.

Auf einer seiner Wanderungen durch die Realitäten erinnert sich Henri daran, wie er Eddie einst in einer alten zum Tanzclub umfunktionierten Halle kennenlernte. Als George diese Passage vorliest, erklingt plötzlich Tangomusik. Die Autorin springt auf. Untermalt von ein paar eleganten Tanzschritten, trägt sie Henris tiefe Gefühle vor, die er empfand, als er Eddie beim Tanzen zusah. Das geschieht mit einer solchen Intensität, dass es einem den Eindruck vermittelt, als wäre man in der Szenerie dabei.

Am Ende gibt es überschwänglichen Beifall. Während George Autogramme gibt und Widmungen schreibt, bildet sich eine lange Schlange am Bücherstand. Neben dem „Traumbuch“ wechseln auch der Bestseller „Lavendelzimmer“ und weitere Titel der Schriftstellerin rasch den Besitzer.

N-Land Anne Cichon
Anne Cichon