Worte im Farbenrausch

Root Leeb liest bei der Vernissage in der sehr gut besuchten Stadtbibliothek aus den Werken ihres Ehemannes, Rafik Schami, die sie zu ihren Bildern inspiriert haben2009/11/20091101_leebrootvernissagelesun1_big.jpg

LAUF — Nicht mit einer Lesung, sondern mit einer Vernissage in der Stadtbücherei begannen schon gestern die 14. Laufer Literaturtage. Dort sind bis 21. November Aquarelle der Künstlerin und Autorin Root Leeb zu sehen. Ihre Werke stellen eine besondere Verbindung von Kunst und Literatur her, denn sie illustrieren literarische Texte – insbesondere die ihres Mannes, des Schriftstellers Rafik Schami, der am 10. November, in der Bertleinaula liest.

Das Wort «Korrespondenz» fällt immer wieder während der Vernissage. Denn genau das ist es, was die Ausstellung zu mehr als nur einer Ergänzung der Literaturtage macht. Root Leebs Bilder sind die sichtbar gewordenen Worte ihres Mannes, der von ihr sagt: «Nur eine kann meine Geschichten noch besser erzählen: Root Leeb mit ihren Farben.»

Dabei will die 54-Jährige mit ihrer Interpretation der Texte keineswegs das letzte Wort haben. Ihre Bilder seien ihre persönliche Sicht, sie sollen den Betrachter einladen, sich selbst ein Bild zu machen, vielleicht ein ganz anderes, vielleicht aber auch immer wieder ein Neues.

Genau das tun die rund 140 Besucher bei der Ausstellungseröffnung in der Stadtbibliothek. Sie betrachten die Bilder, diskutieren untereinander, wechseln einige Worte mit Root Leeb und lassen sich von der Künstlerin ein Autogramm – gerne auch mit persönlicher Widmung – geben.

Büchereileiterin Beate Hafer-Drescher hatte Root Leeb zu Beginn kurz vorgestellt: In Würzburg geboren studierte sie später Germanistik, Philosophie und Sozialpädagogik in München, war dann als Lehrerin und Straßenbahnfahrerin tätig. In dieser Zeit entdeckte sie ihre Liebe für die Kunst, doch das Selbstbewusstsein, dieses Fach zu studieren, habe ihr damals gefehlt. Also besuchte sie als «Schwarzhörerin» Vorlesungen an der Münchner Kunstakademie. Seit 1990 ist sie mit Rafik Schami verheiratet und lebt mit ihrer Familie bei Mainz. Sie illustriert auch Bilder anderer Künstler, wie aktuell von Italo Calvino, gestaltet CD-Cover und Buchumschläge.

Im Gespräch mit den Besuchern ist Root Leeb ebenso unkompliziert und offen, wie zuvor im Interview mit Daniel Kiss, Student an der Kunstakademie in Lauf, der ihr Interessantes über ihre Arbeit entlockt. «Ich will nicht provozieren, die Welt ist schon grausam und provokant genug», sagt Root Leeb auf die Frage, was ihre Kunst ausdrücken soll. Viel mehr wolle sie positive Akzente setzen. Etwas schaffen, «das Menschen gerne anschauen, das aber auch zum Nachdenken bewegt und auf neue Ideen bringt». Es reize sie, Texten eine neue Ebene zu geben, Geschichten in Bilder umzuwandeln, die wieder neue Geschichten entstehen lassen.

Root Leebs Werke sind farbgewaltig mit einer enormen Leuchtkraft. Am liebsten malt sie mit Aquarell auf Papier, weil ihr die Transparenz und Vielschichtigkeit gefallen. Matter wirken die kleinformatigen Gemälde auf Fermacell, einer gipsartigen Dämmplatte, die sie einmal zufällig in einem Baumarkt entdeckt hat.

Im Anschluss liest sie Ausschnitte aus drei Texten von Rafik Schami und zeigt, zu welchen Bildern sie diese inspiriert haben. «Der Joker» zeigt die Kinder, die in Rafik Schamis Kindheit in Damskus auf der Straße Fußball spielten, unterschiedlich große Vierecke, die zusammen ein buntes Mosaik ergeben. Die kleinen Vierecke am Rand, die Joker, sind Kinder, die noch zu klein sind, als dass sie in einer Mannschaft spielen dürften, aber dazu gehören sie trotzdem.

Ein anderes Bild mit dem Titel «Als Gott noch Großmutter war» illustriert die Geschichte der Großmutter, die früher immer das Licht eingeschaltet hatte, wenn der Enkel und sein Großvater im Dunkeln saßen. Als der Enkel einmal fragte, wer denn draußen das Licht einschalte, antwortete der Opa: «Gott». Da wurde dem Jungen klar, dass Gott eine Großmutter sein musste. Aus den dunklen Blautönen des Gemäldes sticht dann auch die Großmutter als gelbleuchtendes, dynamisches Dreieck hervor.

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N-Land Tina Chemnitz
Pegnitz-Zeitung