Weltpremiere im Hof der alten Uni

Sensibel und mit enormem Gespür für den richtigen Ton: Max Mutzke bei der Präsentation der CD, die im Herbst erscheint2012/07/mutzke1_New_1341490801.jpg

ALTDORF – Wolfgang Haffner wird es verzeihen: Dieses Konzert wird nicht als Haffner-Ereignis in die Annalen der Altdorfer Kulturszene eingehen, sondern als großartiges Event des Sängers Max Mutzke, mit dem der Altdorfer seit langem befreundet ist und der – auch wenn er es nicht mehr gern hört – vor acht Jahren mit seinem Eurovision-Song-Contest-Lied „Can’t wait until tonight” einen nicht unerheblichen Bekanntheitsgrad in der Republik erzielte. Mutzke begeisterte die Zuhörer im randvollen Hof der ehemaligen Universität von Anfang an mit einem vielseitigen Repertoire, lockerer Moderation, dem hautnahen Kontakt zum Publikum und 100-prozentigem, nein150-prozentigem Einsatz. Denn nicht nur seine Stimme ist im Lauf der Jahre gereift, auch die Bühnenpräsenz und der künstlerische Anspruch des Sängers haben sich weiterentwickelt.

Der Lions Club Altdorf hatte die naheliegende Idee, „den Wolfgang” für ein Benefiz-Konzert in den Wichernhaushof zu laden, der gerade aus Anlass der Wallenstein-Festspiele wie alle drei Jahre mit einer großen Zuschauertribüne und einer Bühne ausgestattet ist. Natürlich sagte der zu und versprach auch, den Sänger Max Mutzke mitzubringen, der vor sechs Jahren schon einmal an dieser Stelle als Überraschungsgast aufgetreten war. Ein Überraschungsgast war er dieses Mal eigentlich nicht – er wurde vielfach angekündigt –, überraschend im wahrsten Sinn des Wortes war aber die Qualität des Konzerts, das der Schwarzwälder vor berauschender Kulisse ablieferte. Als eine „Schnapsidee” im wahrsten Sinn des Wortes bezeichnete Wolfgang Haffner den Plan, gemeinsam eine Jazzplatte zu machen, die eigene Kompositionen, aber auch Standards beinhalten und – was sich allerdings erst sehr kurzfristig ergab – auch einige der leicht unterschätztenMusiker-Größen der Szene als Gäste in die Produktionen mit einbinden sollte. Die Scheibe wurde produziert, in nur zwei Tagen aufgenommen und wird im Herbst erscheinen. Altdorf hatte also das Glück, eine Weltpremiere zu erleben, als die Songs der Platte präsentiert wurden, und genauso kam das Konzert rüber.

Die Begeisterung, die sowohl bei den Musikern als auch auf der Tribüne sehr schnell zu spüren war, lässt sich zum Beispiel daran festmachen, dass schon nach dem Gänsehaut-Standard „Ain’t no sunshine”, der als Opener diente, die Zuhörer johlen, pfeifen und enthusiastisch applaudieren und sich bereits nach dem dritten Lied, dem deutschsprachigen Song „Du und ich”, als Background-Chor betätigen, was sich auch der Künstler so früh nicht erhofft hatte.

Texte mit Niveau

Überhaupt, die deutschen Songs. Zu denen kann man stehen, wie man will, Max Mutzke macht sie auch für die kritischsten Musikfreunde erträglich und nicht nur das: Er beweist, dass es sich nicht selten lohnt, bei den Texten, die sich nicht ausschließlich um Beziehungsdramen drehen, hinzuhören, und er steckt dabei alle Grafen, Bendzkos und Ich & Ichs locker in die Tasche. Musikmachen ist für ihn offensichtlich nicht nur ein Vergnügen, ein Job oder Zeitvertreib, sondern ein natürliches Bedürfnis. Je mehr er singt desto mehr geht er aus sich heraus, desto weniger bleibt er in Sängerposen verhaftet. Er lässt sich ganz auf seinen musikalischen Instinkt ein, sein ganzer Körper swingt, groovt, strahlt aus, dass der Rhythmus ihn komplett besetzt hat.

Der allein nützte ihm natürlich wenig, wenn er nicht die Musiker an seiner Seite hätte, die ihn live in Altdorf auf professionelle und sensible Weise unterstützen. Allen voran natürlich Wolfgang Haffner, souveräner Begleiter an den Drums mit Gespür für entscheidende musikalische Momente, in denen er sich zwar selbstbewusst in Szene setzt, aber nie in den Vordergrund spielt. Das Gleiche gilt für die Kollegen am Bass, Christian Diener, und an Piano und Trompete, Sebastian Studnitzky, die den Bandleader, Schlagzeuger, Komponisten, Arrangeur und Produzenten Wolfgang Haffner schon seit Jahren bei seiner Arbeit zur Seite stehen. Auch sie sind nicht nur technisch perfekt, sondern zeigen das Einfühlungsvermögen, ohne das solche runde Präsentationen nicht möglich sind.

Die vier Künstler sind aber nicht nur Musiker der obersten Liga, sondern als Profis wissen sie auch, wie man ein erstklassiges Konzert gleichzeitig als ein erstklassiges Unterhaltungserlebnis performt. Wenn man versehentlich den falschen Text zur Instrumentalbegleitung anstimmt, münzt man das auf einen Gag um. Wenn das Publikum sich nur allzu willig und schnell mit einspannen lässt, gesteht man: „Scheiße, besser wird’s jetzt nicht mehr.” Der flapsige und etwas schüchterne junge Soul-Sänger von vor ein paar Jahren hat nicht nur eine reifere Stimme, sondern auch an Selbstbewusstsein gewonnen, er ist nicht nur schlagfertig, sondern hat auch Anliegen, die er durch seine Musik transportiert. So zum Beispiel, wenn er durch eine emotionale Interpretation von Marvin Gayes „What’s going on?” Diskriminierung der unterschiedlichsten Art an den Pranger stellt oder den Titelsong seiner neuen CD „Durch Einander” in einer unter die Haut gehenden Komposition allen psychisch Kranken widmet, da er in seiner unmittelbaren Umgebung mehrfach mit der schrecklichen Krankheit Depression konfrontiert wurde.

Vielseitigkeit ist Trumpf

Vielseitigkeit ist aber für alle Musiker Trumpf. Der Basser darf ein beeindruckendes Solo präsentieren, der Keyboarder brilliert als Trompeter, Haffner zeigt seine Wandlungsfähigkeit mit ungebrochenem Charisma am Drumset, nutzt seinen Heimvorteil, nutzt ihn aber nicht aus. Und Mutzke scattet, spielt mit dem Publikum, führt es auf freundliche, wohlwollende Weise vor, etwa in dem Song „Schwarz auf Weiß”, und wenn man meint, er hat nur seinen Spaß, dann macht er noch mal ein ganz anderes Fass auf, präsentiert Standards, wie man sie noch nie gehört hat, z. B. „Me and Mrs Jones” oder „Creep “von Radiohead. Der junge Mann, der bei seiner Moderation manchmal kiekst wie Philipp Lahm nach dem Spiel, kann mit seiner Stimme offensichtlich alles machen, wenn er nur so famose Begleitmusiker zur Seite hat wie an diesem Abend. Und wenn seine Fans ihm noch ein paar Jährchen geben, dann macht er uns den Al Jarreau. Das Potenzial ein ebenso Großer zu werden, wie sein kongenialer Altdorfer Freund an den Drums, ist vorhanden.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler