Matthias Egersdörfer und Jürgen Roth präsentierten ihre „Reise durch Franken“

Tiefe satirische Einblicke in die fränkische Seele

Ein Satiriker und ein Kabarettist auf der Suche nach der fränkischen Seele: Jürgen Roth (l. ) und Matthias Egersdörfer. Foto: Voss2014/05/egersdoerfer_New_1401283501.jpg

ALTDORF – Er sei das erste Mal in einem Betsaal und dies erfreulicherweise noch vor dem eigenen Ableben. Der Kabarettist Matthias Egersdörfer war mit dem Journalisten und Satiriker Jürgen Roth nach Altdorf gekommen, um im Rahmen des Kulturkreises unter der Schirmherrschaft der Buchhandlung Lilliput aus dem gemeinsamen Buch „Reise durch Franken“ und dessen Auskoppelung „Vater in See“ zu lesen. Bürgermeister Erich Odörfer dankte in seiner Begrüßung dem Hausherren Andreas Kasperowitsch für die Gastfreundschaft des Wichernhauses.

Drei Wochen lang sind Egersdörfer und Roth durch Franken gereist und haben dabei mehr als 20 Interviews geführt. Dabei begegneten sie nicht nur der unergründlichen fränkische Seele, urfränkischen Traditionen, einer Vielfalt von Dialekten und schönen wie weniger schönen Gegenden. Für den gebürtigen Laufer Egersdörfer und den Halbfranken Roth war es ein Weg zurück in die eigene Vergangenheit. Entstanden ist so ein „Reiseroman“ in Form eines Briefwechsels zwischen Egersdörfer und Roth. Immer wieder fließen Zitate von Wilhelm Wackenroder und Ludwig Tieck, die um 1700 die Fränkische Schweiz bereisten, in das Buch ein.

So neu ist die Idee des Briefwechsels nicht, wunderbar loriotesk aber, wie formvollendet „Herr Dr. Roth“ und „Herr Egersdörfer“ zu Anfang miteinander kommunizieren. Schade, dass sie dann irgendwann doch zum Du übergehen. Der gelesene Dialog lebt vom pointierten Vortrag der Autoren, die über lange Passagen Interviews im besten und sehr amüsanten Wortsinn für sich selbst sprechen lassen. Das Buch beginnt mit einem Brief von Egersdörfer. Wer ihn nur als „Grantler“ kennt, ist verblüfft angesichts der aufrichtigen Emotionalität und Blumigkeit seiner Worte. „Einen schäumenden Sud aus den umfassenden Erlebnissen dieser Reise“ wolle er gemeinsam mit Jürgen Roth verfassen, schreibt er da. Der wiederum beginnt, ihn fröhlich zu foppen, gehöre Egersdörfer doch als Franke naturgemäß zu den „größten Stoikern der nördlichen Hemisphäre“.

Alle Interviews seien authentisch und ungekürzt, betont Jürgen Roth. In Pühlheim begegneten sie so dem Künstler Rainer Zitta. „Der Zitta hat einfach losgeredet.“, fasst Matthias Egersdörfer zusammen. Mehr als acht Stunden. Deren Ergebnis: Die Buchauskoppelung „Vater in See“. Zitta sei der Mann, der „Dinge beseele, die andere achtlos beiseite legen.“ Das Publikum erlebt die verbale Urgewalt eines Mannes, der alles thematisiert. Ganz und gar alles, von selbst verliehenen Pokalen über die Reproduktionsfähigkeit der Amöbe bis hin zum Freudschen „Über-Ich“ und Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Das Tempo ist atemberaubend und wird bei der Lesung brillant von Egersdörfer transportiert. Zittas ungebremste Dynamik lässt leider zu wenig Raum, um das Gehörte zu reflektieren.

„Klein-Istanbul“

Der Journalist Roth führt am nächsten Punkt der Reise ein Interview mit einer Bewohnerin des oberfränkischen Naila, despektierlich verbrämt als „Klein-Istanbul nahe Hof“. Sehr dezent und interessiert sind seine Fragen, ganz natürlich zeichnet darum die Interviewte das Bild einer Region, deren Bewohner Halt in der Beschaulichkeit und Überschaubarkeit ihrer Heimat finden.

Von einer „Nachtfahrt auf dem samtschwarzen Main“ erzählt danach Matthias Egersdörfer. Alkoholgeschwängert hätten sich seine „Gedanken merklich aus ihren Verankerungen gelöst“. Rührend sein Schlusssatz: „Meine Augen werden feucht. Das wird Flusswasser sein, was da drückt.“ Dann sagt er nichts mehr. Und damit sehr viel. Vielleicht will „der Franke“ ja doch, dass jemand zu ihm vordringt. Eine Menge Seele hat er ohne Zweifel und wunderschöne Traditionen. Dann redet er eben nicht so viel. Basst scho.

Susanne Voss

N-Land Der Bote
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