Therapeutisches Feiern

„Fast zu Fürth“ überzeugt in Altdorf mit Musik abseits des Mainstreams | Foto: Susanne Voss2019/04/Altdorf-Matthias-Egersdoerfer-Fast-zu-Fuerth.jpg

Mit seiner Band „Fast zu Fürth“ beweist Matthias Egersdörfer, wie mitreißend der Grat zwischen Anarchie und Melancholie sein kann.

Es wäre zu einfach, ihn auf den Wutbürger zu reduzieren. Matthias Egersdörfer ist ein Grenzgänger zwischen den Genres. Als Kabarettist polarisiert er mit nicht zitierfähigen Verbalinjurien und Obszönitäten, als Frontmann der Formation „Fast zu Fürth“ bewegt er sich zwischen Atonalität und Sprechgesang. Dessen Subtext erschließt sich zeitversetzt, sinnentleerte Intermezzi inklusive.

Im Kulturkreis der Stadt Altdorf unter der Schirmherrschaft von Bote-Verleger Ulrich Bollmann überrascht „Fast zu Fürth“ mit einem Egers, der sich weit von seiner nörgelnden Kunstfigur entfernt. Die Zuhörer im Betsaal des Wichernhauses sehen darum über den ersten Song, der sich unterhalb der Gürtellinie bewegt, hinweg.

Gut verpackte Sozialkritik

In seinen Liedern persifliert Egersdörfer den „Kleinbürgerscheiss“ und dessen Auswüchse. Zur Kirche hat er ein gespaltenes Verhältnis: „Alles glänzt und ist wunderschön im Haus des Herrn“, sagt er. Laut und atonal ist dabei hörbar, was er tatsächlich denkt. „Ich hab‘ mich in ein Tretboot verliebt“ wird vom Nonsens zum kritischen Blick auf erstarrte Beziehungen. Egersdörfers Mitmusiker sind stark.

Robert Stefan überzeugt als Multiinstrumentalist mit herausragender Stimme und köstlich reduzierter Mimik. Stefans Können rühre daher, dass er täglich zwei oder drei Domspatzen verspeise, verkündet Egersdörfer. Und dankt der Erzdiözese für deren Züchtung. Wenn er nicht brachial überzeichnet, führt er die Missstände, die er sieht, ad absurdum. Das Publikum lacht Tränen. Den Gedanken an den bitteren Fakt des Kindesmissbrauchs konterkariert das nicht.

Auf eine Anmoderation seiner Songs verzichtet Egersdörfer, autobiografische Einblicke kommen damit unerwartet. „La mer“ wird zu „La mère“ – „Die Mutter“. Laut und beherrschend sei sie gewesen, erzählt Egersdörfer, der Vater habe zeitlebens unter ihr gelitten, das Verhältnis zum Sohn sei dagegen von stillem Verständnis geprägt gewesen. Auch wenn Außenstehende das nicht immer nachvollziehen konnten.

„Kleinbürgerscheiss“ ist für Egersdörfer mit Borniertheit vergesellschaftet. Sein „Staudenknöterich aus Ostasien“ wird damit zur Metapher für die Begrenztheit so mancher Gedankenwelt. In Altdorf sucht und findet der Nürnberger Kontakt zum Publikum. Ungewohnt sanft, ohne Angriffe und Verunglimpfungen. Am Ende vieler Zugaben tanzt er selbstvergessen. „Schee, dass Sie alle da waren“, sagt Egersdörfer zum Abschied. Seine Kunstfigur hat er da längst verlassen.

N-Land Susanne Voss
Susanne Voss