Mittelschüler stemmen Theater

Stellas neue Reise

Einige der Schüler, die sich für das besondere Projekt engagieren. Rechts im roten Gewand die Darstellerin der Stella.2019/10/Altdorf-Plakat-Stella.jpg

ALTDORF/NÜRNBERG – Schüler der Nürnberger Löhe-Schule führen eine selbst überarbeitete Theater-Fassung von Ursula Muhrs „Stellas Reise“ auf. Das Stück wird am 13. und 14. November in einem multi-kulturellen Konzept präsentiert.

2016 kam das Jugendbuch von Ursula Muhr, „Stellas Reise“, auf den Markt. Auch wenn sich die Altdorfer Autorin schon mit etlichen Literatur-Genres für Kinder, Jugendliche und Erwachsene beschäftigt hat, nimmt dieses Werk eine besondere Stellung ein. Es mixt Fantasy, Krimi und authentische historische Fakten, und fesselt den Leser auf jeder einzelnen Seite. Nun haben sich Schüler den Plot vorgenommen und mit viel Herzblut in eine Bühnenfassung umgeschrieben. Mitte November wird das Stück im Rahmen eines (multi)kulturellen Themenabends an zwei Tagen aufgeführt.

Geschichte über Zivilcourage

Der Zweite Weltkrieg wird in dem Buch auf zwei Handlungsebenen ins Blickfeld gerückt. Hauptpersonen sind zwei Mädchen namens Stella, die zu verschiedenen Zeiten leben und sich beide mit den Greueltaten des Nazi-Regimes auseinandersetzen müssen. Auf raffinierte Weise hat Muhr in ihrer Buch-Fassung die Jetztzeit mit der Kriegsepoche verknüpft und eine warmherzige Geschichte über Zivilcourage geschrieben.

Stella aus der Gegenwart purzelt mittels eines besonderen Zaubers in die Vergangenheit und findet sich im Körper des jüdischen Mädchens Stella Anfang des Kriegs wieder. Dort erlebt sie aufregende Szenen, geht zurück in ihre heile Welt und kann doch die Erlebnisse als jüdische Stella nicht vergessen.

Ursula Muhr ist begeistert von dem, was die Schüler aus ihrem Buch gemacht haben. Foto: Gisa Spandler2019/10/Altdorf-Uschi-Muhr.jpg

Als sie verstanden hat, wie sie sich in die Vergangenheit beamen kann, tut sie das immer wieder und stellt fest, dass jene junge Jüdin von ihrer Urgroßmutter Karolina unter Einsatz ihres eigenen Lebens geschützt und versteckt wird. Über der ganzen Geschichte schweben die Themen Unterdrückung von Minderheiten, Flucht, Heimat-Verlust, Angst vor dem Alleinsein, Sehnsucht nach der Familie, Sorge um die Zukunft. Themen von allerhöchster Aktualität im Hier und Jetzt.

Dies dachte sich auch Anne Aichinger, die am Mittelschulzweig der Wilhelm-Löhe-Schule in Nürnberg unterrichtet und das Buch in die Finger bekam. Sie leitet auch die AG Schreiben der Jahrgangsstufen 6 bis 10 und musste sich immer wieder fragen lassen, ob man denn nicht einmal einen Kurzfilm produzieren könnte. Ein Kurzfilm wird „Stellas Reise“ nun nicht, aber eben ein Theaterstück, für und von Jugendlichen bearbeitet, in einer Koproduktion mit anderen jungen Kulturschaffenden.

Im vergangenen Schuljahr brüteten die Schülerinnen (Jungs haben sich nicht beteiligt) der verschiedenen Altersstufen über einer aufführbaren Fassung des Plots. Die Ebene der Gegenwart fiel schließlich dem Rotstift zum Opfer. Schnell entstand auch der Wunsch, die Aufführung in einen größeren konzeptionellen Zusammenhang zu stellen. Mit dem Themenspektrum im Hintergrund schien es den jungen Theatermachern passend, die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit einzubeziehen.

Aufführung am 13. und 14. November

Das Projekt heißt nun „Um zu begreifen, dass wir eins sind“. 35 Mittelschüler der Löheschule sind an der Programmgestaltung der beiden Abende, Mittwoch, 13., und Donnerstag, 14. November, 19 Uhr, in der Aula beteiligt. So wird es zwischen den Spielszenen Lesungen von Gedichten junger Geflüchteter geben und es wird eine musikalische Umrahmung stattfinden und weitere Beiträge aus den Bereichen Kunst, Literatur und Film geben.

Schon während der Vorbereitung auf die Theaterabende haben sich die Schüler mit dem Thema „Flucht“ auseinandergesetzt und überlegt, wie sie sich nachhaltig und handlungsorientiert mit der Thematik beschäftigen könnten. So entstand der Gedanke, jungen Geflüchteten Nachhilfe in Deutsch, Mathematik und Englisch zu geben. Projektpartner ist das Integrationszentrum „First Steps“ der Johanniter.

Parallel dazu wollen Lehramtsstudierende sich im Rahmen ihres Studiums besser auf ihre künftigen Schüler mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund vorbereiten und deshalb dem Nachhilfeprojekt als Coaches zur Seite stehen. Es kam zu dem Projekt „Lernbuddies – MittelschülerInnen, Studierende und junge Geflüchtete lernen gemeinsam miteiannder und voneinander“.

„Berührend und herzzerreißend“

So entsteht aus dem anspruchsvollen Kinderbuch ein beachtliches Netz aus engagierten sozial und kulturell interessierten jungen Leuten. Besonders freut sich natürlich Ursula Muhr darüber.

Bei einem Probenbesuch war sie überrascht über die Intensität, mit der sich die jungen Menschen auf die Bühnen-Arbeit einließen. Und sie stellte fest, dass schon die Jüngsten sich sorgten, sie würden die Autorin verletzen, wenn sie ganze Passagen aus dem ursprünglichen Buch-Skript herausnähmen.

Berührt hat sie auch „der große Ernst der Künstler, wie sie mit dem Stoff umgehen und auch dass sie keine Scheu vor der Emotionalität des Themas haben“. „Herzzerreißend“ fand sie das Spiel der etwa zwölfjährigen Stella-Darstellerin, die zwar keinen Text hat, aber mit unerwarteter Professionalität und Ausdrucksstärke die junge Protagonistin verkörpert.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler