Die Schließung unter anderem der Theater sei notwendig gewesen

SPD-Vorsitzende Saskia Esken verteidigt Lockdowns

SPD-Vorsitzende Saskia Esken (Bildmitte) traf sich in der Laufer Glückserei mit den Genossen Alexander Horlamus (links), Andrea Lipka, Direktkandidat Jan Plobner (2. von rechts) und dem freiberuflichen Musiker und Komponisten Wolfgang Völkl (rechts). | Foto: Kirchmayer2021/09/Esken-Gluckerei-kir-scaled.jpg

Lauf – Die Coronakrise kennt viele Verlierer, darunter auch Kulturschaffende. Um deren Probleme zu beleuchten, hatte der SPD-Direktkandidat im Wahlkreis, Jan Plobner, ein Gespräch mit der Parteivorsitzenden Saskia Esken organisiert. Treffpunkt war das Theater einer weiteren Genossin, die Glückserei von Andrea Lipka in Lauf. Auch der aus Altdorf stammende Musiker Wolfgang Völkl und der Deckersberger Künstler Christoph Gerling nahmen an dem Gespräch teil.


Lipka, die seit 1998 Theaterbesitzerin ist, erzählte, sie habe eine Verbeamtung auf Lebenszeit zugunsten der Kunst aufgegeben. Sie habe gewusst, wie schwer es werden könnte. „Aber dass ich ein Berufsverbot bekomme, das habe ich mir im Traum nicht vorgestellt.“

Kein Anspruch auf Hartz IV


Was sie an der Situation während der Lockdowns am meisten störte: Dass sie sich ständig rechtfertigen musste. „Ich bin viel dumm angeredet worden“, so Lipka. So hatte sie keinen Anspruch auf Hartz IV, weil ihr ein Haus gehört. „Ich saß heulend in der Wohnung und wusste nicht mehr weiter“, viele Bekannte aus der Branche seien „abgestürzt“.

2021/09/Wahlspezial_Billboard1.png


Die Kultur sei als Erstes geschlossen worden und habe erst sehr spät wieder öffnen dürfen. Dabei hätten Studien gezeigt, dass die Ansteckungsgefahr in Theatern niedriger sei als beim Einkaufen oder in Bus und Bahn, so Lipka. Sie hat ihre „Glückserei“ auch mit modernen Luftfiltern ausgestattet. Überbrückungshilfe III habe sie für das Theater bekommen, als Künstlerin selbst nicht.

Kunst als Beruf, nicht nur als Hobby


Völkl, Sohn der SPD-Kreisrätin Karin Völkl, stieß ins gleiche Horn. Er sei es als selbstständiger Musiker gewöhnt, nicht mehr als ein halbes Jahr im Voraus planen zu können. Existenznot sei ihm bekannt. Aber „dass man sich dauernd blöd anreden lassen muss“, das sei neu. Wertschätzung seitens der Politik dürfe es nicht nur für Staatstheater geben, sondern auch für freie Künstler. Deren Tätigkeit sei aber immer wieder als Hobby dargestellt worden. Völkl arbeitet als Komponist viel für Theater im Ruhrgebiet, außerdem spielt er in verschiedenen Bands.


„Es wird immer davon ausgegangen, der Normfall ist eine Festanstellung, ein Nine-to-five-Job“, sagte Völkl. Sein Wunsch sei, dass Selbstständigkeit stärker gefördert und als erstrebenswert dargestellt werde.

Esken: Betroffene wurden zu spät gefragt


Esken nahm die Kritik an. Die Politik habe zu spät das Gespräch mit Betroffenen gesucht. „Wir haben ein Interesse daran, dass unternehmerischer Geist ein Teil der Gesellschaft ist.“ Sie habe während der Krise oft gehört, dass es eine Zumutung sei, Hartz IV beantragen zu müssen. Das gelte aber für alle Menschen, die darauf angewiesen sind.


Die 60-Jährige verteidigte die Schließung der Kulturbetriebe in der Hochphase der Pandemie. Man habe alle Kontakte einschränken müssen, um eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern.


Von der Krise verschont blieb Christoph Gerling. Der 84-Jährige, der in Deckersberg lebt, ist einer der bekanntesten Künstler des Landkreises, zuletzt unter anderem durch seine Ausstellung „Kunst im Fluss“ in Hersbruck. Er sah durch die Pandemie sogar Vorteile für die Bildende Künste, denn man könne sich in sein Atelier zurückziehen und dort in Ruhe arbeiten. Dass das für die Bühne gerade nicht gelte, wandte Lipka ein. Theoretisch hätte sie die viele Zeit nutzen können, um kreativ zu sein. Doch seien die Existenzängste so groß gewesen, dass sie ihre Kreativität gehemmt hätten.


Keine Aussagen zu Koalitionen


Auch die Wahl am kommenden Sonntag war Thema bei der Veranstaltung. Zu möglichen Koalitionen hielt sich Esken zurück, die SPD habe das Ziel, „eine progressive Regierung anzuführen“. Alles andere werde man nach der Wahl besprechen. Esken, die innerhalb der SPD als links gilt, ging auch auf den Wahlkampf der Union ein, die zuletzt vor einem „Linksrutsch“ gewarnt hatte. Die „Rote-Socken-Kampagne“ sei eine Verzweiflungstat, so die Parteivorsitzende. Die Kampagne „einer verzweifelten CDU/CSU“ ziehe nicht beim Wähler.


Esken hatte sich Ende 2019 zusammen mit Norbert Walter-Borjans im Kampf um den SPD-Parteivorsitz gegen das Duo Olaf Scholz und Klara Geywitz durchgesetzt. Nun wirbt die Schwarzwälderin für Scholz – die Partei zu modernisieren sei schließlich eine „komplett andere Aufgabe, als ein Land zu führen“. Plobner fügte an, es sei ein großes Verdienst der Parteispitze, dass die SPD im Wahlkampf Geschlossenheit zeige.


Einen erneuten Lockdown wollte Esken nicht komplett ausschließen. „Wir werden natürlich alles tun, um jede Art von weiterem Lockdown zu verhindern“, so die 60-Jährige, denn dieser gehe auf Kosten von Kindern, Kultur und Gastronomie. Eine Voraussetzung dafür sei eine möglichst hohe Impfquote. Jeder solle für die Impfung werben und sich an die Maskenpflicht halten. Der Mord an einem Tankstellen-Mitarbeiter in Idar-Oberstein mache sie fassungslos: „Die Maske ist gelebte Rücksichtnahme und Solidarität mit anderen, die nicht geschützt werden können.“

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren