DHT: „Das Wirtshaus im Spessart“

Sommerliche Lehrstunde im historischen Innenhof

Der Räuberhauptmann (links) zwingt „Gräfin“ Sophie, den Erpresserbrief an ihren Mann zu unterschreiben. Die Schauspieler zeigten nicht nur in dieser Szene Können und große Spiellust. | Foto: Cichon2017/06/Premiere-Wirtshaus-im-Spessart-DHT-Szene-Hauptbuhne-ci.jpg

DEHNBERG — Was es bedeutet, eine schwerwiegende Lebensentscheidung treffen zu müssen, erfährt Geselle Felix Perner in der DHT-Eigenproduktion „Wirtshaus im Spessart“. Bei sommerlich heißen Temperaturen glückte die Premiere des bekannten Stückes im Außenbereich des Dehnberger Hof Theaters.

Gewitter waren für den Premierenabend vorhergesagt. Stattdessen umwehte ein angenehm warmer Sommerwind die Zuschauer im Hof des Theaters. Eine Atmosphäre, wie man sich ein Sommertheater vorstellt. Auf Regengüsse ist man im DHT dennoch vorbereitet. „Dann wird einfach drinnen weitergespielt“, so Brigitte Schürmann, die Dramaturgin des Stücks.

Regisseur Marcus Everding bestand darauf, das alle Protagonisten in den Dialekten sprechen, wie sie früher gesprochen wurden. Die Schauspieler meistern das fabelhaft. Um Verständnisproblemen vorzubeugen, gibt es auch für die Zuschauer erst einmal eine Lehrstunde in Rotwelsch, der Geheimsprache der Räuber. Deshalb stehen Behälter mit Glückskeksen auf den Tischen. Auf den kleinen Zetteln im Gebäck stehen Begriffe, die dann erklärt werden. Manches kommt einem bekannt vor: So findet sich „palm machen“ als „auf die Palme bringen“ noch heute im Sprachgebrauch wieder.

Und kurz darauf kriegen es der Geselle Felix Perner und sein Begleiter, der Student Philip Schönweg, im titelgebenden Wirtshaus schon mit Räubern zu tun. Auf Geheiß des Räuberhauptmanns wird dann auch noch die Gräfin Sophie von Sandau entführt. Damit steht der Geselle Perner vor der Entscheidung seines Lebens. Soll er helfen oder die Chance zur Flucht nutzen? Er entscheidet sich selbstlos, mit der Gräfin die Kleider zu tauschen und tritt so an deren Stelle, damit diese entkommen kann.

Mit der gleichnamigen und sehr populären Filmkomödie aus dem Jahr 1958 hat das Stück nicht viel gemeinsam, dafür aber mit der Novelle von Wilhelm Hauff aus dem 19. Jahrhundert, stellt einer der Premierengäste nach der Vorstellung fest.

Das war von Regisseur Everding auch so beabsichtigt (die PZ berichtete). Es gibt zwar heitere Momente, aber nur lustig soll seine Theaterfassung des „Wirtshauses im Spessart“ nicht sein. Spannend, unterhaltend aber auch kritisch soll das Stück das Verhalten der Menschen in den Blick nehmen. Welchen Stellenwert hat ein anderes Leben? Wie viel bin ich bereit, selbst für andere zu geben?

Handel um einen Hinterhalt: Graf August mit Gräfin Sophie und Student Philip im Salon des Grafen. | Foto: Cichon2017/06/Premiere-Wirtshaus-im-Spessart-DHT-kleine-Buhne-ci.jpg

Dieses Konzept geht voll auf: Der Humor scheint in der Inszenierung des DHT nur nonchalant und subtil nebenbei durch. Mal durch Situationskomik oder einen kessen Spruch der Wirtin Martha. Vielmehr ist das Stück abwechslungsreich umgesetzt. Ob auf einer der beiden Bühnen oder inmitten der Zuschauer gespielt wird, immer wieder wechselt der Ort des Geschehens, der Blickwinkel und auch die Sitzposition der Premierengäste. So gelingt es auch, die Sicht der Protagonisten einzunehmen: Im einen Moment irren Perner und Schönweg durch die Zuschauerreihen auf der Suche nach dem Weg aus dem Wald. Kurz darauf empfängt  sie die mit den Räubern unter einer Decke steckende Wirtin Martha unwirsch im Wirtshaus auf der Hauptbühne. Und dann findet man sich plötzlich bei der unglücklichen Gräfin im heimischen Salon wieder.

Die Handlung fügt sich perfekt in die Kulisse des historischen Hofes des Dehnberger Hof Theaters ein. Durch das nostalgische Ambiente im Innenhof fühlt man sich als Zuschauer direkt in die damalige Zeit hineinversetzt. Das kam beim Premierenpublikum gut an, das die Schauspieler mit anhaltendem Applaus bedachte .

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