Die Altdorfer Wespen überraschen mit mutigem Stück

Solange die Affen parieren

Vom Strich zur NS-Frauenschaft: Sophie (Anja Reinhardt, links) ist überzeugte Nationalsozialistin. Freundin Frieda (Nikola Hinney) ist eher skeptisch. | Foto: Magdalena Mock2019/03/Altdorf-Wespen-Affenparade-1.jpg

ALTDORF – Wer sich auf einen witzigen Wohlfühlabend eingestellt hatte, durfte erst einmal schlucken. Nichts da mit Schenkelklopfern. Die Wespen treten in der Uraufführung des Stückes Affenparade von Helmut Rosendorfer bissig und politisch auf. In Eleonore Schöns starker Inszenierung zeigt die Altdorfer Schauspieltruppe, dass Theater mehr kann und soll, als das Publikum unterhalten. Satirisch überspitzt reizt das Stück zum Parallelen ziehen – zwischen dem Aufstieg des Nationalsozialismus und dem immer salonfähiger scheinenden Alltagsrassismus der heutigen Zeit.

Schon die Optik des Plakats weist den Zuschauer darauf hin, dass es diesmal bei den Wespen nicht locker-leicht zugeht: Zackig-strenge Frakturschrift kündigt 33 Dialoge zur Zeitgeschichte an. Rosendorfer zeigt, wie die braune Gesinnung der Nationalsozialisten sich schleichend in den Köpfen der Bevölkerung festsetzt.

Hauptsache den Wauzis gehts gut: Die Herren Dirrigl (Herbert Beck, links) und Kammermaier (Udo Gerstacker, rechts) werden aus Opportunismus zu rechten Mitläufern. Fotos: Magdalena Mock2019/03/DSC0392-1.jpg

Mittelstand als Mitläufer

Als idealtypische Mittelständler treten die Herren Dirrigl und Kammermeier (überzeugend borniert: Herbert Beck und Udo Gerstacker) auf. Sie begegnen sich täglich beim Spazierengehen mit ihren Rauhaardackeln.

Neben Bauzerls Verdauungsproblemen und Wamperls Appetit, kommt beiläufig zur Sprache, dass den „jüdischen Schreiberling Eisner“ seine gerechte Strafe ereilt habe. In solche und andere Kommentare à la „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kanalisieren sie ihre Unzufriedenheit. Sie sind überzeugt: Eine starke Hand muss kommen und Besitz sowie alt hergebrachte Werte gegen die Liederlichkeit der neuen Zeit verteidigen.

Mit verhaltenem Interesse verfolgen sie und andere Durchschnittsbürger Hitlers Karriere vom mittellosen Kunstmaler zum Führer des Dritten Reiches. Sie werden zu Mitläufern, treten in die Partei ein. Ihre Rechtfertigung: „Man muss ja mit der Zeit gehen.“ Das Programm der Nationalsozialisten verstehen die wenigsten.

Wolfgang Werthner als Obersturmführer.2019/03/DSC0426a.jpg

Inhalt ist nicht so wichtig

Die Zeitgenossen unterschätzen sowohl die NSDAP als auch „den scharfen Hund“ Hitler, den sie wieder an die Leine zu nehmen gedenken, sobald er die dreckige Arbeit erledigt hat. Der Prostituierten Sophie (Anja Reinhardt) genügt es, dass der werdende Führer „sehr schön und sehr laut“ spricht. Inhalt ist nicht so wichtig.

Später wird sie ihre Freundin Frieda (Nikola Hinney) als eiskalte Reichsamtsleiterin verraten und deren Mann als Kanonenfutter an die Front schicken – weil er es gewagt hat, Kritik am System zu üben. In knappen prägnanten Dialogen zeigen die Wespen das alltägliche und erschreckend normal daherkommende Gesicht des Nationalsozialismus.

Herr Blumenthal (Wolfgang Völkl, links) erklärt seinem Freund Peschmowitz (Herbert Kreuz, rechts), dass sie als Juden keine Deutschen mehr sein können.2019/03/Altdorf-Wespen-Affenparade-2.jpg

Das verblödete Volk

Der einzige, der die politischen Entwicklungen richtig einzuschätzen weiß, ist der intellektuelle Zyniker Blumenthal (sparsam und feinsinnig: Wolfgang Völkl). Eindringlich versucht er seinen jüdischen Mitbürger Herrn Peschmowitz (berührend: Herbert Kreuz) vor der sich anbahnenden Gefahr zu warnen. Peschmowitz tut seine Bedenken als Schwarzmalerei ab. Ein ganzes deutsches Volk könne doch nicht auf einmal verblöden.

„Die Guten würden doch aufstehen wie ein Mann“, entgegnet er seinem Freund hoffnungsvoll. Die Geschichte zerschlägt seine Naivität und belehrt ihn grausam eines Besseren. Als er und Blumenthal sich nach dem Krieg in New York begegnen, lebt außer einer einzelnen Schwester niemand mehr aus ihrer beider Familien.

Als sie den Führer sah, fing sie vor Begeisterung an zu weinen: Julia Alexander als Frau Prielhofer.2019/03/DSC0453-1.jpg

Klar arbeitet Schön als Regisseurin heraus, dass sich der Antisemitismus der Ottonormalverbraucher nie gegen einen bestimmten Menschen richtet. Die Familie Davidson: die zuverlässigsten Mieter. Der jüdische Nachbar: ein äußerst angenehmer Mensch. Sie alle werden ermordet. Nach dem Krieg will niemand etwas gewusst haben.

Grün im Gesicht kommen Dirrigl und Kammermeier aus einem Aufklärungsfilm über den Holocaust. Sie zeigen keine Reue, fühlen sich ungerecht behandelt. Schuld waren doch die anderen. Diese Nazis. Ihre Hakenkreuz-Nadeln haben die beiden stillschweigend abgelegt.

Er betet, dass Adolf Hitler in den Himmel kommt – und zwar bald: Ernst Bergmann als Pfarrer in der NS-Zeit. Sein Besuch (Karin Völkl) traut ihren Ohren nicht.2019/03/DSC0460.jpg

Irgendwann ist es zu spät

Rhythmisch führt Wolfgang Völkls Musik durch das Stück, drängt die Handlung voran, bindet mit militärischen Trommeln zwischen den Szenenwechseln die einzelnen Sequenzen zu einer stimmigen Komposition.

Mit der mutigen Auswahl dieses Stückes beweisen die Wespen Rückgrat in einer politisch unstabiler werdenden Zeit. Subtil schwingt mit: Gewisse rechts orientierte Parteien sind derzeit mit fast doppelt so vielen Sitzen im Bayerischen Landtag vertreten wie die NSDAP 1928. So lange die Affen parieren, geht alles schleichend seinen Gang. Bis es irgendwann zu spät ist.

N-Land Magdalena Gray
Magdalena Gray