Walter Lassauer liest aus seinem Familienroman

Schicksal der kleinen Leute

Walter Lassauer hatte viel zu erzählen und las abwechselnd mit seiner Frau Ingrid aus seinem Roman „Annas Schwester“. | Foto: Ute Scharrer2016/09/Lassauer.jpeg

HOHENSTEIN – „Bauernromantik“ gibt es wohl nur für den Unkundigen. Walter Lassauers Recherche für seine Familiensaga „Annas Schwester“ förderte eher die unbarmherzige Härte des Lebens auf dem Lande vor 1900 zuTage. Mit Empathie, Temperament und breit gefächertem Detailwissen brachte er dies seinen Zuhörern im Langhaus der Burg Hohenstein zu Gehör – und spendet die Einnahmen anschließend.

Bürgermeister Klaus Albrecht, der mit seiner Frau bei der Lesung im Schmuckkästlein des frisch renovierten Langhauses dabei war, ließ die Seitenhiebe des Autors auf „die Obrigkeit“ gutmütig über sich ergehen. Auch in diesem Bereich hatte Walter Lassauer für die Geschichte seiner Familie gründlichst nachgeforscht und konnte aus originalen Gerichtsakten vorlesen, welch harte Strafen über seine Vorfahren verhängt wurden, wegen Unachtsamkeit beim Feuerschüren oder wegen des Tragens von zu kurzen Hosen.

„Annas Schwester“ bündelt die mannigfachen Härten und Demütigungen, die Auswirkungen übler Nachrede und das schiere Elend des kleinbäuerlichen Lebens im ausgehenden 19. Jahrhundert in ein nahezu 600 Seiten langes Opus mit stimmungsvollen Natur- und Wetterschilderungen und fiktiven wie realen Personen und Ereignissen. Die schiere Masse an Details, die Walter Lassauer im Zuge seiner Vorbereitungen auf das Werk angehäuft hat, lassen ihn in dieser „Lesung“ ein wenig ins Trudeln geraten, es wird weit mehr anekdotisch erzählt — wenn auch emphatisch und unterhaltsam — als aus dem Roman gelesen.

Auch das Einspielen eines Radiointerviews des Bayerischen Rundfunks mit Walter Lassauer oder das Auslegen von Pressebesprechungen des Buches hätte dieses gar nicht nötig gehabt: Die Textpassagen, die Lassauer abwechselnd mit seiner Frau Ingrid dann doch vorliest, zeigen eine feine Beobachtungsgabe, eine reiche Sprache und eine fesselnde Familiengeschichte – davon hätte man gern noch ausführlicher gehört.

Denn die Schicksale der „kleinen Leute“, die in der Geschichtsschreibung kaum vorkommen, erlebbar zu machen, ist ein lohnendes Ziel, ganz abgesehen von der Ahnenforschung, die Lassauers Buch ja auch ist. Ob das Elend einer Kerkerstrafe, die krassen Praktiken des „Haberfeldtreibens“ oder die Ungerechtigkeiten, die Frauen zu ertragen hatten — Lassauer kennt sich aus in seinem Sujet.

Und hat die passende Musik dazu eingeladen: Ute Mischke schafft an der Zither kleine Denkpausen fürs Publikum. Den Kreis von Bayern nach Franken schließt die Behringersdorferin mit ihrem Stück „Hohenstein“, das ihr Zitherlehrer einst für den schönen Ort komponiert hat, an dem die Lesung nun stattfand.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer