Doris Cramer veröffentlicht neues Nordafrika-Buch.

Neustart im Morgenland

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Doris Cramer alias Thea C. Grefe bringt ihren fünften Nordafrika-Roman auf den Markt.

In schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre veröffentlicht die Schwarzenbrucker Autorin und Nordafrika-Spezialistin Doris Cramer brisante und spannende Romane, die von der Gegensätzlichkeit leben. Und dem Versuch, diese verschiedenen Pole, zwischen denen sich die Personen in ihren Geschichten bewegen, auf spannende und authentische Art literarisch zu verbinden. Das hat sie in ihrer dreibändigen Marokko-Saga auf beeindruckende Weise geschafft, in ihrem vierten Roman „Die Wolkenfrauen“ ebenso und in ihrem jüngsten Werk, „Eine Prise Marrakesch“, das unter dem Pseudonym Thea C. Grefe im vergangenen Monat auf den Markt gekommen ist, erst recht.

Unabdingbare Konstanten

Vieles haben ihre Werke gemeinsam, doch legt jedes einen anderen Schwerpunkt ins Zentrum des Geschehens. Dass alle bisherigen Bücher als gelungen empfunden und vom interessierten Lese-Publikum verschlungen werden, hat sie mehreren Zutaten zu verdanken, die beim Schreiben feste und unabdingbare Konstanten zu sein scheinen. Zu gleichen Teilen sind da einerseits ihr ansprechender, lebendiger Schreibstil und auf der anderen Seite ihre profunden Kenntnisse der Maghrebstaaten, insbesondere Marokko, beteiligt.
Dazu kommen noch ein untrügliches Gespür für Beziehungsproblematiken, eine beinahe fotografische Beobachtungsgabe, historische Kenntnisse, die sie nachvollziehbar darzustellen beherrscht und deren Bedeutung für aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse sie in klaren Worten aufzudröseln versteht. Und nicht zuletzt das dramaturgische Geschick, Spannung aufzubauen und am Kochen zu halten, ohne zu langweilen.

Bewährte literarische Kniffe

Dass sie daneben über bewährte literarische Kniffe verfügt, die einen Handlungsbogen ein bisschen ausdehnen, gleichzeitig aber auch zusätzliche Informationen an den Leser bringen, ist ihrer langjährigen Erfahrung nicht nur als Autorin, sondern auch als ehemalige Leiterin der Schwarzenbrucker Gemeindebücherei geschuldet.
So hat sie in ihrem Plot einen traditionellen Geschichtenerzähler etabliert, der den familiären Hintergrund einer der Hauptfiguren ausleuchtet und in Etappen erzählt, bis sich die Entwicklung der aktuellen Ereignisse mit dem Rückblick des originellen Halaiqi trifft. Daneben greift Cramer zu einem weiteren bewährten Rezept – im wahrsten Sinn des Wortes -, in dem sie auf die alte „Es muss nicht immer Kaviar sein“-Tradition des Johannes Mario Simmel zurückgreift, die vermutlich noch viel älter ist und nun nahezu jeden Regionalkrimi bereichert: Ausgewählte Rezepte, die am Rande der Action eine Rolle spielen, werden zum Nachkochen eingestreut. Nicht vergessen wurde auch dieses Mal ein Glossar häufig gebrauchter marokkanischer Ausdrücke, die über das allgegenwärtige „al hamdullillah“ (Gott sei Dank) hinausgehen.

Häufiger Perspektivwechsel

Die Geschichte, die sich auf über 440 Seiten erstreckt, umreißt den Zeitraum von kaum mehr als einer Woche. Entwickelt wird die Handlung aus der wechselnden Sicht der Protagonisten und einiger weiterer beteiligter Personen, wobei man sich an den häufigen Perspektivwechsel erst gewöhnen muss. Zwei Frauen aus Deutschland, die quirlige Klara und die introvertierte Charlotte, sitzen im gleichen Flieger nach Marrakesch und werden vom Schicksal ins gleiche Hotel gebucht. Beide fliehen in gewisser Weise vor komplizierten Situationen zu Hause und stehen an einem Scheideweg.
Dies gilt auch für ihre männlichen Pendants, den betuchten marokkanischen Geschäftsmann Kamir aus gutem Hause und den Spitzenkoch Alain aus Deutschland, eigentlich Chef von Klara, auf absehbare und lange Sicht aber ihr Lebensgefährte. Banal könnte man ihre Situation jeweils als Ausdruck einer Midlife Crisis bezeichnen, womit aber nur sehr unzureichend beschrieben wäre.

Aus der Zeit gefallen

Da geht es um ein Kind, das es offiziell nicht geben darf, um zwei alte in den Traditionen verhaftete Marokkaner, herzensgut, aber total aus der Zeit gefallen, eine typische orientalische Großfamilie, die auch dem modernen und weltoffenen Karim zu schaffen macht, und – soll man sie erwähnen? – die Djinn, traditionell nicht gerade freundliche Geister, die die Menschen des Nachts in ihren Träumen quälen, aber den Verlauf der Handlung unterstützen und erklären.

Viel Empathie

Neben dem mit viel Empathie entwickelten Personal beschäftigt sich die Schriftstellerin aber auch ausführlich mit der gesellschaftlichen Situation und den Verwicklungen und Widersprüchlichkeiten des Landes an der Schwelle zwischen Tradition und Moderne am Beispiel Marrakeschs. Die Darstellung dieses Umbruchs und der damit verbundenen Hürden verdient besondere Aufmerksamkeit, denn er erklärt die Verhältnisse und warum Personen handeln wie sie handeln.

Info

Thea C. Grefe, Eine Prise Marrakesch, München: Blanvalet, 2020.

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