Theaterteam von Dieter Schneider aus Altenfurt gewinnt Mosaik-Jugendpreis

Mitten ins Herz getroffen

Szene aus dem Stück, die die trauernde Familie zeigt. | Foto: Klaus Moser2017/03/ins-herz.jpg

ALTENFURT – Mitten „Ins Herz“ von Zuschauern und Jury traf die gleichnamige Inszenierung der jungen Theaterkompagnie „Auf die Zwölf“: Sie gewann den Mosaik-Jugendpreis. Das Theaterstück aus der Feder des Altenfurters Dieter Schneider thematisiert die Verbrechen des NSU. Am 21. März überreicht Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly dem Ensemble den mit 4000 Euro dotierten Preis.

Ein Theaterstück, das „Ins Herz“ heißt, ruft verschiedene Assoziationen hervor: Es könnte die Zuschauer besonders bewegen, könnte die Gefühle der handelnden Personen stark in den Mittelpunkt stellen oder eine ganz wörtliche Bedeutung haben, wenn tödliche Schüsse auf ein Herz abgegeben werden. Jede Interpretation ist korrekt, geht es um das Stück der jugendlichen Theatertruppe „Auf die Zwölf“. Sie thematisiert mit diesem Drama die Verbrechen des sogenannten NSU. Dass nicht nur der Titel goldrichtig gewählt war, beweist die Zuerkennung des Mosaik-Jugendpreises, den die Städte Nürnberg und München für Projekte vergeben, die sich gegen Rassismus wenden. Am 21. März wird die mit 4000 Euro dotierte Auszeichnung im Künstlerhaus übergeben. Der Altenfurter Dieter Schneider ist Autor, Regisseur und Akteur des Spiels.

Bereits im März 2016 fand die Premiere dieses kritischen und aufwühlenden Werks statt (wir berichteten). Damals bildeten die Wochen gegen Rassismus den Rahmen für die Aufführung, und das Nürnberger Menschenrechtsbüro war begeistert, so dass die Jury in diesem Jahr die Produktion zum Sieger kürte. Zwei weitere Einreichungen, die das Thema „Vielfalt gegen Rassismus“ kreativ angingen, kamen auf den zweiten und dritten Platz.

Mordserie des NSU im Fokus

Worum geht es bei diesem Stück, das für mehr Toleranz plädiert? Im Zentrum steht mit der Mordserie der Rechtsextremen das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte, die aus der Sicht der betroffenen fiktiven Familie Ulutürk erzählt wird. Die Zuschauer erleben Ausschnitte aus dem Leben vor und nach dem Anschlag. Der von Schneider selber gespielte Familienvater Cem, der mit seiner Familie in der deutschen Kultur angekommen ist und erfolgreich einen Imbiss betreibt, wird erschossen, und nichts ist für die Familie mehr, wie es war.

Wie es auch bei den tatsächlichen Mordfällen der Fall war, werden die Angehörigen mit Anschuldigungen und Gerüchten konfrontiert, Reporter streuen seltsame Theorien und die Polizei scheint in Cem eher einen Täter als das Opfer zu sehen. Auch als die Familie nach zwei Jahren beginnt, wieder nach vorne zu schauen und einen Neuanfang zu planen, wird sie von der grausamen Realität eingeholt.

Besonderes Kapital

Bei der Ausarbeitung der Szenen konnte Schneider mit einem Kapital arbeiten, das Authentizität garantierte: Sein Ensemble hat Migrationshintergrund aus sieben verschiedenen Nationen (Türkei, Vietnam, Italien, Spanien-Mexiko, Pakistan, Iran, Deutschland). Die Mitglieder haben Erfahrungen, die andere nicht haben, und das kommt bei der Erarbeitung des Stoffes rüber und überzeugt. „Mit einem beliebigen Personal kann man ein solches Stück gar nicht spielen“, findet der 50-Jährige.

Zudem ist dem Pädagogen, der seine Schauspieler vor Jahren aus seiner ehemaligen Klasse an der Städtischen Wirtschaftsschule Nürnberg rekrutierte, das Brückenbauen schon immer wichtig gewesen.

Mehr Toleranz, Respekt vor anderen Kulturen, Ächtung von Rassismus und Diskriminierung – das waren seine Themen seit je, als Lehrer, aber eben auch als Autor. Denn der Autodidakt ist schon seit langen Jahren schriftstellerisch unterwegs, hat Kurzgeschichten, Romane und zunehmend Theaterstücke geschrieben, bei denen es stets darum geht, die unterschiedlichen Kulturen zu verbinden, Menschlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, Vorurteile abzubauen.

Ins Herz“ ist wohl sein bisheriges Meisterwerk, aber bereits 2013 wurde er für sein Bühnenwerk „Schnitzeldöner“ mit dem zweiten Mittelfränkischen Integrationspreis ausgezeichnet. Bei zwei Verlagen wurden insgesamt sechs Stücke aus seiner Feder veröffentlicht, aber „Ins Herz“ will er „nicht hergeben“, also nicht veröffentlichen, zu sehr ist ihm dieses Schauspiel eine Herzensangelegenheit. „Das Stück haben wir alle zusammen entwickelt“, das sollte nie ein anderes Team spielen, so sehr ist es der Theatergruppe „Auf die Zwölf“ sozusagen auf den Leib geschrieben.

Nachdem das Schauspiel im vergangenen Jahr Premiere hatte und auch als Schüleraufführung präsentiert wurde, gab es eine enorme Resonanz, gleich unmittelbar nach dem letzten Vorhang. „Mit der Menge an Fragen, die uns beim Empfang danach gestellt wurden, waren wir tatsächlich überfordert“, erinnert sich Autor Schneider. Besonders berührend: Unter den Zuschauern der Schüleraufführung war auch Abdulkerim Simsek, der Sohn des Blumenhändlers, der als erster in der feigen Anschlagsserie in Nürnberg ermordet wurde.

Am Freitag, 17. März, findet noch einmal eine Aufführung des Bühnenstücks statt, dieses Mal in der Kulturwerkstatt auf AEG, 19.30 Uhr. Gleichzeitig fiebern nun schon die jungen Schauspieltalente zwischen 19 und 24 Jahren der offiziellen Verleihung des Jugendpreises durch Oberbürgermeister Ulrich Maly am 21. März im Künstlerhaus entgegen.

Die kleine Truppe hat auch schon eine Idee, was mit dem Preisgeld geschehen soll: Gemeinsam möchte man das Bühnenwerk auch in allen anderen Städten aufführen, in denen die grausamen NSU-Morde geschehen sind, Anfragen aus München und Dortmund gibt es schon.

Stolz ist Autor und Regisseur Dieter Schneider auf die Auszeichnung, noch stolzer aber auf die jungen Leute, die mit jeder Aufführung etwas mehr über sich hinauswachsen. „Die brauchen sich nicht hinter professionellen Schauspielern zu verstecken“, findet er, und es wundert ihn nicht, dass sich einige mit dem Gedanken tragen, nach der Ausbildung den Versuch einer Profi-Karriere auf den Brettern, die die Welt bedeuten, zu wagen.

Daneben freut er sich auch ganz persönlich über die kleine Erfolgsgeschichte, denn die Würdigung von hoher Stelle kam auch für ihn zur rechten Zeit: Der Altenfurter hat im vergangenen Jahr erfolgreich gegen seine Leukämie-Erkrankung gekämpft, einen Motivationsschub durch die Auszeichnung kann er gut gebrauchen. Denn sein neues Stück ist schon weit gediehen. Es heißt „WG der Ahnungslosen“ und ist eine Persiflage auf populistische Parteien und die Beeinflussbarkeit der Massen.

Aufführung: 17. März, 19.30 Uhr Auf AEG, Nürnberg. Preisverleihung: 21. März, 18 Uhr, Künstlerhaus, Nürnberg, Anmeldung bis 14. März unter menschenrechte@stadt.nuernberg.de

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler