Kunstfenster der Raiffeisenbank

Malen mit Nadel und Faden

Die Note reiten? Tanja Gundels Acrylbild „Fly with the sound“ lädt zur Hingabe an die Musik ein. | Foto: privat2019/09/Fly.jpg

HERSBRUCK – Tanja Gundel ist experimentierfreudig im besten Sinne des Wortes und hat sich ihr kindliches Staunen erhalten. Was dabei alles herauskommen kann, lässt sich für die nächsten zwei Monate in den Kunstfenstern der Frankengasse bestaunen.

In ihrer Kindheit „verschönerte“ die Hersbruckerin die Tapeten im heimischen Wohnzimmer, und als Jugendliche ließ sie es nicht bei einer einzigen Ausbildung bewenden. Doch auch als Erwachsene hat sich Tanja Gundel ihre Neugier und Offenheit erhalten, mit der sie verschiedenste Materialien auf ihre Möglichkeiten abklopft und sich auch gerne vom Material leiten lässt.

„Meist habe ich eine Idee im Kopf, und während des Arbeitens entsteht oft etwas völlig anderes. Ich gebe gerne dem Zufall eine Chance. Viele meiner Bilder kann man in allen Richtungen aufhängen und sie sehen immer anders aus, je nach Richtung.“ Tanja Gundel scheut sich weder davor, ihren Arbeiten ein „offenes Ende“ zu gestatten, noch davor, ihrer Intuition beim Gestalten zu folgen. So finden sich in den Fenstern der Raiffeisenbank nicht nur verschiedene Techniken, sondern auch unterschiedliche Themen.

Ripp und Garn

Die Titel geben nur eine Richtung vor, in die der Betrachter denken könnte. „Verlust der Unschuld“ etwa deutet aber auch eine dunklere Seite in den Werken an. Plötzlich wecken die unschuldig von der Decke baumelnden Stoffausschnitte aus Feinripp und rotem Garn dunkle Vermutungen, während „Fly with the sound“ einen feinen, fast karikaturistischen Witz zeigt.

Mit Nadel und Faden Bilder zu gestalten, darauf kam Tanja Gundel, die sich seit 2017 an den Ausstellungsmöglichkeiten der Stadt beteiligt, bereits vor fünf Jahren beim Nähen. Seitdem erschafft sie patchworkähnliche Stickmalereien, die keinem Zweck dienen, aber an der Wand sehr schön wirken.

Am persönlichsten jedoch, so gibt die Künstlerin preis, sind ihre Tonskulpturen, oft beschreiben sie ihre Gefühlswelt. „Bei den Skulpturen lasse ich meine Hände ihre Arbeit machen und bin oft selbst erstaunt, was von tief drinnen an die Oberfläche kommt.“

Dunkle Themen

„Speechless“ (sprachlos) heißt ein kleiner schauriger Kopf mit vergittertem Mund, „Sklave Deiner Gedanken“ ein gequält aussehender Kopf, dem die Glasur aus Augen und Mund rinnt. Tanja Gundel thematisiert auch hier die wenig heiteren Seiten menschlichen Daseins.

In der Balance zwischen heiterer Ästhetik und menschlichen Abgründen, geordneten Ornamenten und frei fließender Malerei scheint die künstlerische Persönlichkeit Gundels auf, die mit ihren Werken lebt und sich mit ihnen verändert – und dann wird auch neu getitelt. Dem Betrachter gibt das die Freiheit, sich von den Arbeiten da abholen zu lassen, wo er gerade steht.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer