Literarisches Planschvergnügen am Beckenrand

Kurzweilige Beobachtungen in der Bäderlandschaft: Karl-Hans Graf. Foto: Krätzer2013/11/jonny_New_1384785601.jpg

ALTDORF — Man kennt sie, die Nebeneinanderschwimmerinnen – laut schnatternd beanspruchen sie fast das halbe Schwimmbecken für sich. Man kennt den „Kampfschwimmer“, der mit der „Hier-komme-ich-Mentalität“ jeden in seiner Bahn gnadenlos niederschwimmt, kennt den Bad-Casanova, der, wie im Werbespot um gutes Aussehen bemüht, alle Badbesucherinnen abcheckt. Bei Autor Karl-Hans Graf heißt der Freibad-Frauenjäger Egon Meier und sein eindrucksvollstes Imponiergehabe sind 25 Meter im Delphin-Stil.

Wenn einer keine Reise tut, sondern ins Bad geht, dann kann auch er/sie was erleben, zumindest wenn man den Geschichten Grafs aus seinem neuesten Buch „am beckenrand“ folgt. Im Sonderpädagogischen Förderzentrum las der Unterferriedener Autor mit Schwandorfer Wurzeln und frühere Deutschlehrer des Altdorfer Leibniz-Gymnasiums auf Einladung des Freundeskreises. Seine Zuhörer nahm er dabei mit in den Mikrokosmos der Frei- beziehungsweise Hallenbäder, gab dazu Einblicke in seine kreative Schreibwerksatt mit „wiener schule für dichtung“, die gänzlich auf Großschreibung verzichtet. Im Gespräch beantwortete er am Ende Fragen der Zuhörer zu seiner Arbeit und zur Entstehung seines Buches.

Nicht als normaler Schwimmgast durchquert man die Bäder mit ihm, sondern als für die Sicherheit und Schicklichkeit verantwortlicher Bademeister, der, vielleicht durch seinen Beruf ausgelöst, die Menschen und das Leben philosophisch betrachtet. Und schon taucht das erste Problem auf, denn wie sag ich’s den „halbnacktausgelegten“ Frauen, dass sie besser ihr Bikinioberteil wieder anziehen? Schmunzelnd lauscht man Graf, wenn seine Aufsichtsperson im Spannungsfeld zwischen „so schlimm ist das nicht“ und „natürlich reagieren“ auf der einen Seite und der Verärgerung sittenstrenger Frauen auf der anderen versucht, richtig zu handeln. Seine indirekt-dezente Aufforderung mit wiederholtem Räuspern und bedeutungsschwangeren Blicken zeigt jedenfalls die gegenteilige Wirkung – zu den drei Frauen gesellt sich schnell eine vierte.

Kaleidoskopartig schüttelt Graf seine kurzweiligen Badepisoden durcheinander, setzt die Miniaturen wie zu einem Puzzle zusammen. Seine Geschichten sind selbst erlebt, stammen von Beschäftigten in Bädern, andere fabuliert er satirisch. Beispielsweise „noch eine rede“ zur Einweihung der neuen Wellnesslandschaft oder die bürokratischen Irrwege – man hört förmlich Reinhard Mey mit seinem „Antrag auf Erteilung eines Antragformulars“. Präzise und humorvoll Beobachtetem folgen bei Graf herrlich abstruse Geschichten wie „wintermorgen, fahrt zum hallenbad“: Unser Bademeister fährt eine Viertelstunde sinnlos hin- und her, da er sich nicht zwischen Arbeit und Daheim entscheiden kann. Besonders anschaulich Grafs Beschreibung zum Ende der Freibadsaison – mit zarten Farben zeichnet er hier die Gefühle, lässt die melancholische Stimmung des Vergänglichen wirken. Doch bevor es zu gefühlvoll wird ein Rülpser, denn den mag die Melancholie nicht … Viel Beifall für diese amüsante, kurzweilige Lesung, die nicht nur Schwimmbadbesuchern einen großen (Bade)Spiegel vorhält.

„am beckenrand“ von Karl-Hans Graf, erschienen 2012 im Karl Stutz Verlag, Passau, 112 Seiten.

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