Sommerausstellung der Hersbrucker Bücherwerkstätte

Kann Landschaft schnell sein?

Schnelle Landschaft? Eleonora Matoczas „Leuk von oben“. Foto: U. Scharrer2012/07/5_2_3_2_20120801_LAND.jpg

HERSBRUCK – „Schnelle Landschaften“, das Motto der Ausstellung der Bücherwerkstätte und ihrer Gäste, birgt einen Widerspruch in sich. Die Landschaft per se ist ja nicht schnell, auch der Wechsel der Jahreszeiten, die umwälzendste Bewegung in der Landschaft, vollzieht sich fast unmerklich. Doch für Widerborstiges ist die Bücherwerkstätte ja bekannt und sowohl der harte Kern der Bücherwerkstatt-Künstler als auch ihre geladenen Gäste finden ursprüngliche und um die Ecke gedachte Interpretationen für das Ausstellungsthema.

Wird eine Stadt-Landschaft schnell, wenn frau sich eine rotgenoppte Badekappe aufsetzt und von architektonischen Vorsprüngen zum Köpfer wie ins Schwimmerbecken ansetzt? Fotografien von Romina Schenone legen diesen Schluss nahe. Oder wird eine Landschaft schnell, wenn vom Sturm ausgerissene Bäume horizontal durch die Bildfläche segeln oder der Frühlingswind beieinem drallen Mädchen den Blick auf die rotgetupften Spitzenunterhosen freigibt, wie es in den farbigen Holzschnitten von Hartmut Kuhnke der Fall ist?

Wird die Landschaft zumindest schnell durchfahrbar, wenn auf Eleonora Matoczas „Leuk von oben“ die Autobahntraße die Gebirgsansicht wie ein graphisches Kürzel durchschneidet? Legt das Kanalbrackwasser tatsächlich an Tempo zu, wenn Woldemar Fuhrmann seine mit schwarzem Filzstift schraffierten Schattenrisse „Der Alte Kanal etwas schneller“ tauft?

Und wäre die Titanic nicht gesunken, wäre sie etwas weniger schnell durch die eisbergdurchsetzte Meerlandschaft unterwegs gewesen? In einer zugleich stimmigen und witzigen Installation von Gerhard Loos, Fotokünstler Christian Oberlander und Komponist Holmer Becker im Tunnelgewölbe des Kellers kann der Besucher selbst Einfluss auf dieses Geschehen nehmen.

Das alles muss nicht unbedingt Sinn ergeben. Tatsächlich bezeichnet Gründungsmitglied Michael Gölling launig-fränkisch das Treiben in der Bücherwerkstätte als „ausgesprochen sinnlos“. Was nur daran erinnert, dass viele der schönsten Kunstwerke aus sinnlosem, zweckfreien und spielerischen Tun entstanden sind.

Die Leichtigkeit und der subversive Humor, der die Artefakte aus der Bücherwerkstätte schon immer auszeichnet, macht auch die 8. Sommerausstellung zu einer außerordentlich vergnüglichen Kurzweil – und trotz des schnellen Titels zur Slow-Art-Vorzeigeveranstaltung: Schließlich tragen die nachhaltigen und handwerksbetonten Arbeiten, die ganz langsam in der Bücherwerkstätte entstehen – wie etwa der alljährliche Kalender – ganz eindeutig zur Lebensqualität in der Slow City bei.

Ute Scharrer

Die Sommerausstellung „Schnelle Landschaften“ mit Malerei, Grafik und Skulptur ist noch zu sehen am Samstag, 4. und Sonntag, 5. August, jeweils von 11 bis 20 Uhr im Wehrgang über der Werkstatt, im Hopfenhäuschen und im Keller der Werkstatt im Mauerweg 17a.

N-Land Hersbrucker Zeitung
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