Erste Feuchter Kurzfilmnacht

Hommage an ein verkanntes Genre

FEUCHT — Es war nicht ihr erstes gemeinsames Projekt, sicherlich aber ein wegweisendes: Friederike Pöhlmann-Grießinger und Roland Eugen Beiküfner, beide gleichermaßen Kopf und Herz der Nürnberger Theatergruppe „Kunst und Drama“ präsentierten in Zusammenarbeit mit dem Themenkunstverein Feucht die 1. Feuchter Kurzfilmnacht.

Im September 2008 fanden sie zu „Kunst und Drama“ zusammen: Die Nürnberger Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Friederike Pöhlmann-Grießinger und der Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler Roland Eugen Beiküfner, der in Bagdad geboren wurde und 1965 in die fränkische Heimat zurückkehrte. Beiküfners künstlerischer Weg ist so wenig geradlinig wie die Vita vieler Kulturschaffender. Erst nach einer abgeschlossenen Lehre zum Werkzeugmacher ging er zur Schauspielausbildung nach München, sein Ziel, die bildende Kunst, stets vor Augen.

Die Kooperation mit Friederike Pöhlmann-Grießinger wird zur künstlerischen Symbiose des sensiblen Darstellers mit der Autorin und Regisseurin, der es gelingt, die ganze Bandbreite seiner Schauspielkunst sehr gekonnt zu inszenieren.

Kurzfilme von 1995–2007

Zehn Filme erwarten die Gäste beim 1. Kurzfilmfestival im Café Bernstein. Allen gemeinsam ist ein Auftritt Roland Beiküfners. Hans Strauß vom Themenkunstverein Feucht findet herzliche Begrüßungsworte für die Künstler, die zum Auftakt des Abends den Beitrag „The Life of a Weightlifter – Das Leben eines Gewichthebers“ präsentieren. Schon hier wird deutlich, wie nah sich der Kurzfilm und sein literarisches Pendant – die Kurzgeschichte – sind. In einer Minute und dreißig Sekunden spielt sich vor dem Auge des Betrachters ein ganzes Leben von der Kindheit bis zum Tod ab. Vier Wochen habe man diesen Film gedreht, erklärt Roland Beiküfner, nahezu eine Stunde habe er selbst einen Gesichtsausdruck geprobt, der in einer einsekündigen Sequenz zu sehen sei. Noch eine ganze Weile klingt beim Betrachter die Bedeutung der Endlichkeit des Lebens nach.

Auf der Suche nach dem Sinn

In „Peter Lohmeier sein“ stellt sich ein Doppelgänger des Schauspielers Lohmeier in einer Casting-Agentur vor und wird nicht besetzt, da nur der wahre Peter Lohmeier er selbst sei. Was folgt, ist die Sinnsuche des Künstlers, ist ein genüßlich-satirisches Vorführen von Selbstbetrug, Selbstinszenierung und Medienhype bis hin zum großen Showdown, in dem der reale Peter Lohmeier der immerwährenden Suche des Künstlers nach sich selbst ein Gesicht verleiht, sein Gesicht. Lohmeier hat, so erfahren die Zuschauer, gratis in diesem Filmprojekt mitgespielt.

Zutiefst berührend ist der folgende Beitrag „Stillstand“ des erst 21-jährigen Filmemachers Christian Kern. Bewusst sparsam inszeniert, zeichnet sein Kurzfilm das Bild eines treusorgenden Ehemannes, der sich in stiller Verzweiflung an den Routinen und vermeintlichen Banalitäten des Alltages festhält, weil er die Liebe seines Lebens verloren hat, seine Frau, die nach einem Unfall handlungsunfähig im Rollstuhl sitzt. „Ich möchte erleben, wie du wieder zu der Frau wirst, die ich damals verloren habe“, sagt Herr Lehmann, der Protagonist, brillant verkörpert von Beiküfner. Evi, seiner Frau, laufen in diesem Moment Tränen über das Gesicht. Friederike Pöhlmann-Grießinger lebt den Charakter der Evi und erzählt am Rande, wie beklemmend der Realitätsbezug der Szene gewesen sei, habe sie selbst doch in der Vergangenheit einen schweren Unfall erlitten.

Satirischer Blick auf das Gesundheitssystem

Sehr akzentuiert greift der Film „Kein schöner Land“ die Tiefen des Zweiklassen-Gesundheitssystems auf. Wo ein Bildschirmarzt Ferndiagnosen erstellt, da bleibt kein Raum für „Wohlfahrtsleistungen im Rentenalter“. Umso größer ist der Raum für das sehr menschliche Konterkarieren eines perfiden Systems.

Urfränkisch ist das Milieu im nächsten Beitrag „Marries Erbe“, der vom Tod einer alten Dame erzählt. Die Berliner Großnichte der Verstorbenen bricht ein in diese Welt aus starren Regeln, Selbstbetrug und unerträglicher Doppelmoral und auf einmal hat der vertraut-fränkische Dialekt einen unangenehm diabolischen Beigeschmack.

Nach der Pause werden die Kurzfilme surreal: Das wiederkehrende Motiv des Selbstzweifels und Gefangenseins in oktroyierten Konventionen wird aufgegriffen im Beitrag „Der Spion“. Ein Türspion dient hier als Metapher für die Distanz eines fühlenden und denkenden Menschen zur Außenwelt. So entsteht ein physisch greifbar erscheinender, permanenter innerer und äußerer Monolog.

Sehr metaphorisch ist auch „Glaskant“ aus dem Jahr 1993, Roland Beiküfners erste Filmrolle. Ein Spiegel avanciert hier zum omnipräsenten Element. Der Spiegel, den man sich selbst vorhält, der Spiegel, der eine Welt von Egozentrikern abbildet, der Spiegel als „Hüter des Nichts.“ Der Protagonist sucht nach sich und flieht doch vor sich selbst. „Das richtige Bild ist das, was die anderen sehen.“ Ein nicht nur philosophisch anmutendes, sondern hin und wieder auch zutreffendes Statement ist Quintessenz und Finale von „Glaskant“. Die 1. Feuchter Kurzfilmnacht entlässt bewegte und begeisterte Besucher, die Filme mit hohem künstlerischem Anspruch und einen facettenreichen Roland Beiküfner erleben durften. Ein neues Projekt und eine große Bereicherung für den Themenkunstverein Feucht.

Susanne Voss

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