Funkige Leidenschaft und Exoten-Jazz

Altmeister Laco Deczi an der Trompete und sein cooler Basser Michael Krásný.2012/07/laco_New_1341321902.jpg

BURGTHANN – Als der slowakische Trompeter Laco Deczi 1981 zum ersten Mal in der Burgthanner Burg aufspielte, lauschte ihm im kleinen Keller nur eine eingeschworene Jazzer-Gemeinde – die dafür aber umso begeisterter: „Bis fünf Uhr morgens hat die Band gespielt“, erinnert sich Helmuth Steinmetz begeistert, mindestens sechsmal habe der Saxophonist der Band damals sein Instrument ein- und wieder ausgepackt. Der Unterferriedener Helmuth Steinmetz ist Vorstand des Jazz- und Kulturverein, seit dessen Gründung im Jahr 1985. Laco Deczi ist ihm ein treuer Weggefährte. Fast jedes Jahr schaut der in New York lebende Musiker auf ein Konzert in der Burg vorbei.

So auch beim traditionellen Jazz-Burgfest. Diesmal quetschte sich seine vierköpfige Band „Celula New York“ aber nicht in den kleinen Keller, sondern spielte im fast voll besetzten Burghof. Als Deczi mit seiner neuen Telly-Savalas-Gedächtnis-Glatze die Bühne betrat, verwandelte er im Handumdrehen die letzte laue Sommernacht vor dem großen Sturm in reinste Jazz-Ekstase.

Wenn der Altmeister mit geschlossenen Augen voller Inbrust in seine Trompete bläst, die wohlig-warme Klangfarbe die Zuhörer umschmeichelt und sich die zarten, gefühlvollen Töne in funkige Leidenschaft verwandeln, werden die Besucher in eine andere Welt entführt. Während Deczis Sohn Vaico für ein solides Fundament sorgt, legt Michael Krásný Bass-Läufe in wahnwitziger Geschwindigkeit hin. Der zunächst arrogant-coole Jungspund taut zunehmend auf, legt nicht nur seine Sonnenbrille, sondern auch seine verbissene Miene nieder und spuckt förmlich ins Mikrophon, wenn er die gespielten Melodien auch mit dem Mund nachahmt.

Tastendompteur Brian Charette ist ohnehin tiefenentspannt, spielt mit unglaublich lockerem Händchen beeindruckende Soli und wirkt dabei doch wie ein Lebenskünstler, der sorglos mit einem Strohhalm im Mundwinkel an einer Scheune lehnt. Bis fünf Uhr morgens spielten „Celula New York“ diesmal dennoch nicht. Nach zwei Zugaben-Blöcken musste Schluss sein. Dann kam ohnehin der große Regen.

Meditative arabische Melodien

Manch einem mag das Konzert von Laco Deczis Musikern trotz aller Klasse doch zu solofixiert gewesen sein. Wer so dachte, wurde allerdings schon zuvor bei „Universal Ensemble & Sounds Of The Orient“ vollauf befriedigt. Die sechs Musiker um den Erlanger Bassisten Rainer Glas entführten die Zuhörer im Burghof in einen arabischen Basar, beschwörten mit hypnotischen, meditativen arabischen Melodien exotische Phantasien herauf und inspirierten gar manche Besucher zu Bauchtanz-Variationen. Taktgeber dieses Märchentraums war der Libanese Gilbert Yammine mit seinem filigranen Spiel auf dem Kanun, der orientalischen Version der Zither. Während seine flinken Finger über die Saiten flitzten, spielte die Band das Publikum langsam in eine Art Trance, einen Traum aus 1001 Nacht.

Der ungarische Saxophonist Tony Lakatos gab den Schlangenbeschwörer, flötete seine verträumten Töne virtuos aus dem Sopransaxophon, während der iranische Perkussionist Hadi Alizadeh zärtlich die Flachtrommel Daf bearbeitete. Manch einer im Publikum war erstaunt, welche Klänge er dem unscheinbaren „Holzdeckel“ entlocken konnte – und ließ sich zunehmend in Ekstase versetzen.

Angefangen hatte alles unter der brüllend heißen Nachmittagssonne und bei noch locker besetzten Sitzreihen mit den Lokalmatadoren vom Sound Orchester und „Mr. Flix“, die mit Stefan Püntzner sogar einen waschechten Burgthanner hinter den Tasten sitzen hatten. Dessen Keyboard starb zwar gleich für mehrere Minuten den Hitzetod, konnte aber reanimiert werden. Der funkige Jazz der sechs Musiker war genau das Richtige für einen entspannten Nachmittag auf Bierbänken. Luftig-leicht groovten die Songs dahin, beschwingt flirrten die Klänge durch den Burghof und ließen von einer Cabrio-Fahrt in frischer Sommerluft träumen. Wolfgang Wiech spielte mit seinem Tenorsaxophon zu bekannten Songs wie „Pick Up The Pieces“ der Average White Band und vielen Eigenkompositionen den lockeren Zeremonienmeister und sorgte dafür, dass sich in der Hitze zumindest die Ohren wohl fühlten.

Bei all den hochkarätigen Musikern, die das Jazz-Burgfest jährlich anlockt, ist der Jazz natürlich schon lange herausgewachsen aus dem kleinen Burgkeller, in dem 1981 erstmals Laco Deczis Trompetenkünste in Burgthann bewundert werden konnten. Doch für Nachwuchs im Keller ist immerhin gesorgt. Am Samstag, 7. Juli, versammelt sich beim Burgfest wieder eine eingeschworene Gemeinde im Keller: Kasperltheater ist angesagt.

MARTIN MÜLLER

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