The Gregorian Voices in Neuhaus

Erhaben und ein bisschen schelmisch

Nachdem die Kirche während des Konzertes abgedunkelt war, ging zu den Zugaben das Licht an: mit „Thank You for the Music“ verabschiedeten sich die Chorsänger vom Publikum. | Foto: U. Scharrer2019/04/The.jpg

NEUHAUS – Apsis frei für „The Gregorian Voices“! Der prächtige Barockaltar der Neuhauser St. Peter und Paul-Kirche ist in ein nicht ganz dem Violett der Passionszeit entsprechendes pinkes Licht getaucht, als acht Männer in den Chorraum schreiten. Sie sind gekleidet in franziskanischen Mönchsgewändern, eine einfache Kordel als Gürtel um die Mitte. Die großen Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, die Hände gefaltet oder in den Kuttenärmeln verborgen.

Ein kleines Raunen geht durch das voll besetzte Kirchenschiff, als die Männer ihre Kapuzen zurückschlagen und die kleinen Lampen anknipsen, die ihre Notenständer beleuchten. Natürlich geht es an diesem Abend in der Katholischen Kirche um das Hören, nicht das Sehen. Dennoch ist es angenehm, nicht einen ganzen Abend lang mit den gesichtslosen, verschatteten Kapuzen konfrontiert zu sein, die die Programme bebildern. Lachezar Aleksandrow, Nikolay Bikov, Dylian Bliznakov, Ivaylo Gerasomov, Boris Kuchkov, Vladimir Manolov, Yuriy Nikolov, Dusan Obenrauch und Mitsänger und Dirigent Asen Gyurov möchte man auch ins Gesicht sehen dürfen.

Große Ehrfurcht

Und dann singen sie, schleichen sich über sanft einsetzende Töne in die jahrhundertealten liturgischen Gesänge. „Ave Maria Virgo serena“ ist das erste Stück und die Ehrfurcht zunächst so groß, dass die Kirche stumm bleibt. Erst nach dem zweiten Stück setzt Beifall ein, den die Sänger mit einem kurzen Lächeln und einer knappen Verneigung quittieren. Als sich die beschwörenden Klänge der religiösen Gesänge entfalten, erscheint die katholische Kirche von Neuhaus nicht nur wegen des wunderbaren Klangraums eine passende Wahl für das Konzert.

Denn Hymnen wie „Adoro te devote“, das schon im 13. Jahrhundert von Thomas von Aquin verfasst wurde, wird als „Gottheit tief verborgen“ heute noch in katholischen Festgottesdiensten gesungen. Die Lautstärke und Intensität schwellen nach und nach an, in einzelnen Soli offenbaren die Sänger ihre hervorragenden Stimmen mit einer fast opernhaft donnernden Klangfülle.

Klangliche Verschlingungen

Regelrecht fetzige Arrangements wie „Gaudete“, zeigt in komplizierten klanglichen Verschlingungen, wie präzise die Sänger agieren. Ab und zu klingen die mehrstimmigen kirchlichen Gesänge, die sich seit dem 4. Jahrhundert immer weiter entwickelt haben, aber auch wie aus einem russischen Kloster importiert.

Die Meditationsstunde in der abgedunkelten Kirche wird von einer kurzen Pause beendet – dann folgen die ins „Gregorianische“ übersetzten Popsongs. Es geht ein kleines Beben durch den im ersten Teil so statisch wirkenden Chor, die Körperhaltungen und Gesichtszüge lockern sich, als die Klassiker des 20. Jahrhunderts angestimmt werden. Zuweilen huscht ein kleines Grinsen über die vorher so andächtigen Gesichter. An Intensität nimmt das Gefühl, das in den Gesang gelegt wird, nicht ab – im Gegenteil.

Fast wie Rod Stewart

Das jüngste Chormitglied singt das „I love You“ in Lionel Richies „Hello“ mit so viel Schmelz ins Kirchengewölbe, dass offen bleibt, ob diese Hingabe einem göttlichen oder menschlichen Wesen gilt – schließlich sind die Mönchsgewänder nur ausgeliehen. Nicht jeder Song verträgt die opernhaften A-cappella-Arrangements gleich gut. „Sailing“ greift erst so richtig, als ein Tenor mit Wuschelbart eine ähnlich schotterige Stimme wie Songwriter Rod Stewart auspackt. „Sound of Silence“ klingt dagegen wie schon seit Urzeiten so konzipiert und „Knockin´ on Heaven´s Door“ entfaltet ungeahnt schelmisches Potential.

Zu den mit stehenden Ovationen erklatschten Zugaben geht das Licht an und mit „Thank You For The Music“ treten die Musiker ohne Notenständer direkt vor ihr Publikum – das gibt den Dank für die Musik gerne zurück.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer