Kunst-Inszenierung von Andrea Thema

Enthüllungsspektakel unterm Kirchendach

Die Künstlerin nach dem Festakt mit ihren Paramenten. | Foto: privat2019/06/Ezelsdorf-Feuerzungen3.jpg

Ezelsdorf/Bad Windsheim. Eine Kunstinszenierung der besonderen Art hat die Ezelsdorfer Künstlerin Andrea Thema über viele Jahre hinweg entwickelt. Am Samstag vor Pfingsten wurde sie im Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim realisiert und stieß bei einer Reihe von Besuchern, Kirchen- und Kunstsachverständigen auf großes Echo. Das Ergebnis ist noch bis zum Sonntag, 23. Juni, dort zu sehen.

Ausgangspunkt für die Installation „Kunst unterm Kirchendach – Feuerzungen“ war die Überlegung, einen alten Brauch wiederzubeleben, der vor Jahrhunderten im kirchlichen Umfeld praktiziert und in jüngerer Zeit vernachlässigt wurde: die Aktivierung des Heilig-Geist-Lochs zu Pfingsten. Im Rahmen eines Festakts wurden die Feuerzungen, zwölf von Thema entworfene knallrote, unterschiedlich lange Stoffbahnen, aus zehn Meter Höhe in der Spitalkirche enthüllt – ein einprägsamer Moment, der auf Youtube nachempfunden werden kann.

Würdigung des Gesamtwerks

Im Zusammenhang mit der Inszenierung, die musikalisch von Luise Limpert an der Steinmeyerorgel untermalt wurde, gab es während des gesamten Pfingstwochenendes ein umfangreiches Begleitprogramm, darunter auch eine Würdigung von Andrea Themas künstlerischem Gesamtwerk durch Professor Klaus Raschzok, Lehrstuhlinhaber für Praktische Theologie an der Augustana Hochschule in Neuendettelsau.

Ein Heiliggeistloch ist eine Öffnung in der Decke eines Kirchengebäudes, das ursprünglich als Lüftungsöffnung diente. Während des Pfingstgottesdienstes wurde die Öffnung aber geistlich-symbolisch genutzt. Seit dem Spätmittelalter hat man zum Beispiel eine weiße Taube durch die Öffnung freigelassen oder brennendes Material zur Versinnbildlichung der biblischen Flammenzungen herabfallen lassen. Unter anderem, weil es bei derlei Aktionen immer wieder zu Unfällen kam, wurden sie verboten.

Tradition wiederbelebt

Seit einigen Jahren allerdings wird dieser Brauch in einigen Kirchen wiederbelebt. Weil die Bad Windsheimer Spitalkirche das Museum Kirche in Franken beheimatet, hat sich dessen Leiterin, Dr. Andrea Thurnwald, gewünscht, auch in ihrer Kirche diesen Brauch in ansprechender, zeitgemäßer Weise wieder zum Leben zu erwecken. Wunschkandidatin für die Umsetzung war Andrea Thema, doch der Plan musste lange Jahre reifen, nicht zuletzt wegen der zunächst ungeklärten Finanzierung.

Als die in trockenen Tüchern war, stellte Thema ihr Konzept vor und stieß auf offene Ohren. Meterlange Paramente (Textilien im sakralen Raum) sollten vom Pfingstloch der Kirche auf den Altar hängen, in der für das Pfingstgeschehen üblichen liturgischen Farbe Rot. Sie sollten nicht einfach aufgehängt werden, sondern im Rahmen einer Inszenierung enthüllt, um den Moment des Ausgießens des Heiligen Geists zu verdeutlichen.

70 Meter gewebte Bahn

Thema entwarf die zwölf Stoffbahnen in verschiedenen Längen. Die längsten umfassen acht Meter und enden genau auf Höhe der zwölf Apostel, die auf einem Altarrelief dargestellt sind und in Richtung der Feuerzungen blicken.

Die Paramente sind ein von ihr erdachtes Doppelgewebe, das über 2000 selbst geschnittene Kunststoffplättchen enthält, die in den drei Farben gelb, orange und rot durch den Stoff glitzern. „Über 70 Meter gewebte Bahn enthält das Kunstwerk“, berichtet sie. „Die Weberin hat über ein Jahr daran gearbeitet.“ Andrea Thema hat als freischaffende Künstlerin und Fachfrau im textilen Bereich große Erfahrung mit dem Entwerfen und Umsetzen von Textilkunstwerken und der Gestaltung von Objekten auch im öffentlichen Raum. Von 2013 bis 2014 war sie Leiterin der Paramentik in Neuendettelsau.

Alles zum rechten Zeitpunkt

Eine große Herausforderung stellte auch die Technik dar, denn die Hülle der Installation sollte mit dem letzten Klang des Orgelstückes von Jaques Berthier, das Luise Limpert interpretierte, fallen und die leuchtenden Zungen offenbaren. Die helle Verkleidung wurde von drei Schnüren gehalten, die Paramente selber hängen an einer eigens konstruierten Vorrichtung, die von der Schlosserei des Museums angefertigt wurde. Nach mehrmaligem Üben klappte es auch im entscheidenden Moment: Ein Arbeiter kappte die Schnüre zum rechten Zeitpunkt und mit lautem Rauschen sank die Verhüllung zu Boden.

Die zwölf Stoffbahnen, die mit den zwölf Aposteln korrespondieren, wurden für alle sichtbar und leuchteten durch den natürlichen Lichteinfall durch die Chorfenster in großer Intensität.

Erläutert wird die Installation in der Begleitpublikation „Feuerzungen“ des Museums, das zum Fränkischen Freilandmuseum gehört, in Beiträgen von Prof. Raschzok und Dr. Thurnwald.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler