Matthias Egersdörfer im Eckentaler Jugendzentrum

Ein Weltpessimist mit Hang zur Poesie

Wie erwartet schlecht gelaunt: Matthias Egersdörfer auf der Bühne des Eckentaler Jugendzentrums. Foto: Krieger2013/03/59849_egersdoerferjuzeckental_New_1363362664.jpg

ECKENTAL — Er ist eine Ausnahmefigur im fränkischen Kabarett, ein Kultur- und Weltpessimist mit Hang zur Poesie, der die Tücken des Alltags und der eigenen Sozialisation mit schwarzem Humor niederzuringen versucht – und dabei meist verliert: Matthias Egersdörfer. Der gebürtige Laufer und Wahl-Fürther machte jetzt mit seinem aktuellen Programm „Ich mein‘s doch nur gut“ Station im Eckentaler Jugendzentrum und verausgabte sich dort in einer dreieinhalbstündigen Session.

Die Location passt wie die Faust aufs Auge. Wo seit den siebziger Jahren alternativ gedacht und gefeiert wird, der Mief des Kleinbürgerlichen stets draußen bleiben musste, ist ein Egersdörfer gut aufgehoben. Im schummrigen Licht der Holzbalken, im knallengen, stickigen Veranstaltungsraum, der bis auf die letzten Quadratzentimeter bestuhlt ist, wartet die Zielgruppe 40 plus auf den ewigen Grantler, der das Jugendzentrum wieder einmal beehrt, wohlwissend, dass er hier die Temperaturkurve des Publikums mit hundertprozentiger Sicherheit trifft.

Und dann ist er da. Und er hat wie erwartet schlechte Laune. Das ist das Markenzeichen seiner Bühnenfigur, jenes verquasten, zur absurd-verzehrten Wahrnehmung neigenden Nymphomanen, der sich an diesem Abend mit vollem Genuss kindlichen Traumata wie dem Martyrium der Einschulung, dem Malunterricht oder dem ersten Zirkusbesuch auf der Laufer Heldenwiese hingibt. Und dabei das Publikum mit seinen sich wie ein Drama aufbauenden Geschichten und Anekdoten fesselt, die selten in einem Showdown enden und dennoch am Ende stets eine knallharte Analyse liefern. Er scheut sich nicht, reale Klassenkameraden von früher und Freunde von heute in nicht immer schmeichelhaften Rollen zum Teil seines Programm zu machen, mit deren Zustimmung, wie er in der Pause versichert.

So geht das weiter durch die Pubertät, wo ihn christliche Jugendgruppen und die Kirche erst prägen und dann innerlich abstoßen, bis heute, wo ihn im Schwimmbad reife Damen anbaggern und mit Kamillentee und Wodka betäuben – die Welt des Matthias Egersdörfer ist, so scheint‘s, ein Perpetuum mobile der Erniedrigungen, die Analyse eine Form der Therapie. Himmel gleich Hölle lautet die Botschaft. Ein Ausweg ist nicht in Sicht.

Haarscharfe Analysen

Doch dann gibt es da noch diese Momente im vordergründig oft hart mit dem Vorschlaghammer ausgearbeiteten Programm, in denen die Bühnenfigur – jener permanent vor sich hin brüllende und pöbelnde, unter Dauerstrom stehende Straßenschreck, der verbal auch gerne mal Selbstbeschau betreibt – haarscharf und fein die Tendenzen des Zeitgeistes analysiert und dabei dem Publikum den Spiegel seiner (spieß-)bürgerlichen Existenz vorhält. Etwa wenn es um das Thema Partnerwahl geht oder um die Mückenhorden und Spinnennetze entlang einem Radweg, die dem Fürther regelmäßig die schönen Sommerausflüge verderben.

Egersdörfer wäre nicht Egersdörfer, würde er nicht noch auf dem Abstellgleis eines Bahnhofs am Ende der Welt philosophische Betrachtungen über Gruppendynamik anstellen und zwischen all dem überhöhten Krakele mit einem wunderbaren literarischen Essay überraschen. Das sind Momente voller Sprachkraft, die zeigen, was dieser Kopf noch alles kann.

Alles in allem ein pralles Programm mit Lachen und Weinen, Anspruch und Blödelei, mit Längen und Hängen, mit schönen und nervigen Momenten, das Egersdörfers Freund Philipp Moll an diesem Abend noch um eine kritische Note ergänzt. Der Nürnberger Künstler liest aus seinen Briefen an sich selbst Erinnerungen an seine Kindheit vor, auch er, genauso wie Egersdörfer, einst christlich geprägt und heute klar auf Abstand zur Kirche.

Moll ist in Sachen Wortgewalt auf Augenhöhe mit Egersdörfer, das Thema aktuell und knallhart zu Papier gebracht, trotzdem unterbricht der Auftritt irgendwie den Abend und so breitet sich in der zweiten Hälfte, trotz des gestiegenen Tempos, eine gewisse Lähmung im Publikum aus, das am Ende begeistert, aber nicht frenetisch klatscht.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger