Doris Dörrie in der Laufer Stadtbücherei

Ein Plädoyer fürs Erzählen

Erfrischender Talk zwischen Literaturliebhaberinnen: Margarethe von Schwarzkopf (links) im Gespräch mit Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie. | Foto: Krieger2017/02/lesung-doris-dorries-ik.jpg

LAUF — Sie nennt es die „Vergewisserung des eigenen Lebens“: Die Regisseurin und Autorin Doris Dörrie sprach bei ihrer Lesung in der Laufer Stadtbücherei darüber, warum das Schreiben für sie bis heute ein existenzielles Bedürfnis ist. Wie und warum sie dazu kam und wie Autobiografisches Eingang findet in ihr schriftstellerisches und filmisches Werk, auch dazu gab die 61-Jährige im Gespräch mit Moderatorin Margarethe von Schwarzkopf sehr offene Antworten.

Für Büchereileiterin Beate Hafer-Drescher war der Abend nicht nur eine große Freude, sondern auch ein persönlicher Erfolg. Seit 1997 währte die Korrespondenz mit dem Diogenes-Verlag, in dem Doris Dörrie ihre Romane und Erzählungen verlegt. 1989 war dort ihr erster Erzählband „Was wollen Sie von mir?“ erschienen. Nach 20 Jahren nun, in dem Jahr, in dem sie in Ruhestand geht, konnte die Büchereileiterin die Ikone des deutschen Filmbusiness endlich in ihren Räumen begrüßen.

Im Atrium-Kino in Nürnberg, erzählt Hafer-Drescher, habe sie 1985 die Premiere des Films „Männer“ gesehen und sei schon damals beeindruckt gewesen von Dörries Präsenz und Leidenschaft. Mit derselben Energie ließ Hafer-Drescher später nicht locker. Viele Briefe und E-Mails über zwei Jahrzehnte hinweg folgten. Nun sitzt Doris Dörrie auf dem Podium, ihr gegenüber die fabelhafte Margarethe von Schwarzkopf, die den Blick im Interview ganz auf den Menschen Dörrie richtet, ihr die Brücken baut, mit der sie ihr Lebenswerk beschreibt. Energie und Leidenschaft für ihre Arbeit, sind bei der 61-Jährigen noch immer in jeder Sekunde spürbar. Doris Dörrie ist eine Erzählerin, nicht nur hinter der Kamera und als Autorin, sondern auch vor Publikum.

„Männer“, der Film, der die gebürtige Hannoveranerin mit einem Schlag international bekannt gemacht hatte, spielt an diesem Abend überhaupt keine Rolle, wie es überhaupt nur am Rande um Doris Dörries Filme geht, von denen einige, wie etwa „Kirschblüten Hanami“, große Erfolge wurden. Auch „Happy Birthday Türke“, der am Tag zuvor im voll besetzten PZ-Kulturraum gezeigt wurde und auf dem gleichnamigen Roman von Jakob Ajourni basiert, gehört dazu.

Doch Dörrie ist als Autorin da. Es sind längst ihre eigenen Geschichten, die sie heute zumeist verfilmt.  Ihre Arbeiten, das ist beneidenswert für jeden Künstler, entstehen mittlerweile frei von Zwang. Erst wenn sie schon so weit gediehen ist, dass sich ihre Kontur deutlich abzeichnet, entscheidet die 61-Jährige, ob aus einer Geschichte ein Buch, ein Film, ein Theaterstück oder eine Oper wird. Auch Bühne kann und macht sie mittlerweile mit Leidenschaft, Kinderbücher und vieles mehr. Der Nachwuchs an der Münchner Filmhochschule, den sie seit Jahren unterrichtet, so viel ist sicher, kann von der Frau mit den vielen Talenten und dem sensiblen Blick fürs Zwischenmenschliche eine Menge lernen.

Schon immer ein „Bücherwurm“

Dabei, erzählt Doris Dörrie, war sie lange Jahre zu schüchtern, um sich den Traum von der Schriftstellerei zu erfüllen, obwohl sie schon als Kind mangels Fernseher im elterlichen Haus die nahe gelegene Bücherei in ihrer Heimatstadt Hannover leer gelesen hatte. Doch sie habe stets Angst vor dem „Sichtbarwerden“ gehabt, denn eines sei klar: „Schreiben ist immer auch autobiografisch, notgedrungen“. Stattdessen führte der Weg zur Filmemacherei. „Ein Drehbuchschreiber oder Regisseur kann sich immer ein bisschen verstecken. Das war mein Trick, um nicht belangt zu werden“. Auf die berühmte einsame Insel würde sie immer ein Buch, und keinen Film mitnehmen.

Doch irgendwann fruchtete das Zureden des Diogenes-Verlages. Erste Erzählungen und Romane erschienen ab Ende der 1980er Jahre. Gute Unterhaltung wolle sie damit liefern, sagt Doris Dörrie und kann gar nicht verstehen, dass das fast schon verpönt sei. „In Deutschland wird das Wort Unterhaltung falsch verstanden“. In Amerika, wo sie lange gelebt hat und immer wieder arbeitet, gebe es die Unterscheidung zwischen ernsthafter und unterhaltender Literatur nicht. „Das ist sehr deutsch“.

Kulturpessimismus kann sie nicht leiden, Kunst und Literatur sind für sie grundsätzlich erstmal positiv zu sehen. Und schon gar nicht, dass irgendjemand einem vorschreiben wolle, was man liest, sagt sie im Hinblick auf die Genres. Algorithmen, wie sie Dienstleister wie Amazon längst verwenden, um Kunden mit den für sie „passenden“ Literaturtipps zu versorgen, findet sie schlicht schrecklich: „Ich möchte nicht nur noch Bücher lesen, die sich um ein Thema drehen“.

Ihre letzte Erzählung, „Diebe und Vampire“ von 2015, die sie an diesem Abend vorstellt – ein neuer Roman erscheint im Frühsommer- richtet den Blick zurück. Dass hier, in der Geschichte einer jungen Frau, die Schriftstellerin werden will und in einer alternden Literaturdiva ihre Meisterin findet, auch Persönliches steckt, verneint sie nicht. „Alles Schreiben ist Erinnerung“. 

Doch was autobiografisch ist und was Fiktion, ist und bleibt das Geheimnis des Schriftstellers. „Die Grenze zwischen beidem ist immer durchlässig“. Erinnerungen an Ereignisse würden ja auch verschwimmen: „Wenn man älter wird, ist nichts mehr sicher“. Generell sei eine zentrale Frage im Leben, wie viel Wahrheit man für sich wolle. „Mich hat die gute Geschichte immer mehr interessiert.“

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger
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