Erinnerungen an die Großmutter

Die Zukunft ist vorn

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ALTDORF – Das brandneue Buch der Altdorfer Autorin Ursula Muhr über Erinnerungen an ihre Oma ist seit wenigen Tagen auf dem Markt.

Ein wunderschönes Denkmal hat die Altdorfer Autorin Ursula Muhr ihrer Großmutter gesetzt mit ihren vor wenigen Tagen veröffentlichten Erinnerungen an die alte Dame, deren Leben vor genau 75 Jahren mit der Vertreibung aus dem Sudetenland eine dramatische Wendung erfahren sollte. In Schlaglichtern lässt die Autorin die für sie so wichtige Oma Aurelia in allen Facetten ihrer Persönlichkeit wieder aufleben, was zu einem bewegenden, unterhaltsamen und manchmal auch verstörenden Episodenbüchlein geführt hat.

Wahrnehmung der Enkelin

Im Zentrum des Lebens der Hauptperson stehen zwar die Vertreibung und die Verarbeitung dieses traumatischen Ereignisses, im Mittelpunkt des Buches aber die Wahrnehmungen ihrer Enkelin Ursula zu verschiedenen Abschnitten ihres Lebens. Denn die zweite Hälfte des Lebens dieser bemerkenswerten Frau verbringt sie ja mit ihr, und das, was die Großmutter zuvor erlebt hat und der Enkeltochter in kleinen, dem Alter angemessenen Häppchen erzählt, bewegt die Autorin, regt ihre Fantasie als Kind und junge Frau an, wirft Fragen auf. Wie Mosaiksteinchen fügen sich die Anekdoten, die die Oma aus ihrem ersten Leben erzählt, zusammen und geben doch nie ein ganz stimmiges Bild.

Die volle Härte des Lebens

Doch was war an der Oma so besonders im Vergleich zu anderen Großmüttern? Sie ist die Tochter eines Hopfenbauern und Gastwirts, muss in der Jugend bereits schwer arbeiten, kann keinen Beruf erlernen, die große Liebe kommt aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurück, ebenso wie ihr älterer Bruder, und der Ehemann, ein Müller, ist wohl eine Enttäuschung. In ihrer Generation zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts tatsächlich kein ungewöhnliches Schicksal. Die volle Härte des Lebens trifft sie allerdings am Ende des Zweiten Weltkriegs, als ihr Mann in einem Rache-Massaker getötet wird und wenige Wochen später tschechischen Soldaten sie mit ihren beiden Kindern aus der Mühle verjagen – der jüngere Bruder verschollen, der geliebte Vater todkrank in einem Lager in Prag. Ihr gesamter Besitz wird in wenigen Stunden beschlagnahmt, eine Flucht ins Ungewisse beginnt und damit die Entwurzelung und ganz persönliche Katastrophe der 46-jährigen Aurelia Hochberger.

Nicht chronologisch, aber stimmig

In Momentaufnahmen fügt Ursula Muhr die weitere Biografie ihrer Oma zusammen, nicht chronologisch, aber stimmig. Es ergibt sich zunächst das Bild einer Großmutter, die das alles hinter sich gelassen hat, auch nicht mehr in ihr altes „Daheim“ zurück will, gleichwohl diese Umgebung aber in leuchtenden, romantisierenden, märchenhaften Bildern für die Enkel beschreibt, so dass Muhr sagt: „Ihr Daheim war mein Sehnsuchtsort. Nicht der Ihre.“ Doch je mehr Puzzleteilchen aus dem ersten Leben der Oma zusammengetragen werden, desto mehr erkennen sie und schließlich auch der Leser, dass die tapfere, disziplinierte Frau, die ihr Leben in bewundernswerter Weise nach all den Schicksalsschlägen anscheinend wieder in den Griff bekommen hat, innerlich noch immer und wohl unheilbar verletzt ist.

Nie geklagt, nie gehadert

Dieser Widerspruch macht die Persönlichkeit der alten Frau aus und gleichzeitig den Reiz des Buches. Wie konnte sie nach allem, was sie erlebt hat, eine liebevolle Oma sein, die Enkel mit ihren böhmischen Leibspeisen verwöhnen, den Garten mit Hingabe noch im hohen Alter pflegen? Warum hat sie nie geklagt, sich abgefunden, absolut nicht mit ihrem Schicksal gehadert, obwohl sie doch eine dominante Person war? Ursula Muhr erkennt natürlich nicht erst beim Schreiben, dass es so romantisch im alten Zuhause nicht allezeit gewesen sein konnte und dass die realistische und beherrschte Oma mit ihren trockenen Sprüchen wie „Die Zukunft ist vorn“, „Vorbei ist vorbei“ oder „Soll dir nichts Schlimmeres geschehen“ sie und auch sich selbst vor sentimentalen Anwandlungen bewahren wollte. Was der Autorin aber tatsächlich erst beim Sortieren und Einordnen der Erzählungen der Oma klar wurde, war, dass sich die Großmutter auch im „zweiten Leben“ im Haushalt ihrer Familie im fränkischen Altdorf keine neue eigene Welt mehr schaffen konnte. Diese weitere Dimension der großmütterlichen Persönlichkeit macht das Charakter-Puzzle neben den zeitgeschichtlichen Bezügen interessant, packend und berührend. Und da die Autorin Ursula Muhr heißt und über eine ordentliche Portion Humor beim Schreiben verfügt, verharrt die Familiengeschichte nicht in alten und neuen traurigen Erkenntnissen, sondern lässt auch den Blick auf die Zeiten zu, in denen man gemeinsam über Episoden aus dem Oma-Leben lachte.

Das hochwertig und geschmackvoll aufgemachte Buch entstand wieder in Zusammenarbeit mit der Feuchter Grafikerin und Layouterin Irma Stolz, die den Umschlag gestaltete und die historischen Fotos aufbereitete, die den Marsch nach Franken in einem Album überstanden. Ihr ist auch das ansprechende Booklet zu verdanken, das man mit Glück noch bei der Autorin erwerben kann, in dem Rezepte aus dem Original-Kochbuch der Oma veröffentlicht werden.

Info

Ursula Muhr, Auf dieser Kuhbleek bleib ich nicht. Erinnerungen an meine Großmutter, Spielberg Verlag, Neumarkt, 2020.

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