Interview mit Johannes Tonio Kreusch

Das Internationale Gitarrenfestival Hersbruck wird 20 Jahre alt

Künstlerischer Leiter Johannes Tonio Kreusch (oben) holt Youtube-Star Alexandr Misko nach Hersbruck. | Foto: Detlef Schneider2019/02/JohannesTonioKreusch_by_Detlef_Schneider.jpeg

HERSBRUCK – Es ist kein Jubiläum, aber ein Geburtstag, von dem anfangs sicher nur wenige dachten, dass er einmal gefeiert wird: Das Internationale Gitarrenfestival Hersbruck wird 20 Jahre alt. Für diese besondere Auflage hat sich künstlerischer Leiter Johannes Tonio Kreusch ein pralles Programm für die Tage von 10. bis 17. August ausgedacht – und sogar darüber hinaus …

20 Jahre Gitarrenfestival Hersbruck. Können Sie das fassen?
Ich wurde im Jahr 2005 das erste Mal als Künstler zum Festival eingeladen. Am Ende fragte mich mein Vorgänger Arnoldo Moreno, ob ich die Leitung übernehmen möchte, da er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen wollte. Ich hatte damals schon Festivals in München und Passau geleitet und meine künstlerischen Aktivitäten und Projekte immer auch mit Tätigkeiten im Kulturmanagement ergänzt. Als mir vor 15 Jahren die künstlerische Leitung angetragen wurde, war es mein Ziel, aus dem damals kleinen Festival ein anerkanntes Musikfest jenseits der großen Metropolen zu etablieren, das ein Begegnungsort international gefeierter Künstler und vielversprechender Newcomer sein sollte. Dass die Hersbrucker Gitarrenwoche zu einem der bekanntesten Festivals ihrer Art gezählt wird, ist eine wunderbare Bestätigung unserer Arbeit.

Was hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Das Internet hat das Musikgeschäft und auch das Kulturleben insgesamt extrem verändert. Die ständige virtuelle Verfügbarkeit von Musik, Konzertmitschnitten oder künstlerischen Aktivitäten – oft fast zum Nulltarif – stellt Kulturschaffende vor neue Herausforderungen. Ein „Weiter so“ mit traditionell, konservativ ausgerichteten Programmen hat einige Festivals oder Kulturveranstaltungen wegen fehlender Zuschauer zum Aufgeben gezwungen. Dass wir mit einem sehr vielseitigen Programm, das auch die aktuellen Strömungen miteinbezieht, ein immer größeres Publikum anziehen können, bestätigt mich in unserem Weg.

Das heißt, die Entwicklung kann auch eine Chance sein.
Ja, denn vor Kurzem hat die Nachrichtenplattform Bloomberg veröffentlicht, dass gerade junge Menschen bis dreißig immer mehr in Erlebnis, unter anderem auch Konzertbesuche, als in klassische Konsumgüter investieren. Ein Festival, das ungewöhnliche Konzert-Erlebnisse durch außergewöhnliche Künstler- und Programmzusammenstellungen ermöglicht, wird sich auch in Zukunft gegenüber virtueller Konkurrenz oder Großveranstaltungen durchsetzen. So werden wir 2019 wieder Künstler präsentieren, die beispielsweise durch ihre Youtube-Präsenz berühmt geworden sind.

Wo sehen Sie noch Entwicklungspotenzial?
Ich denke, wir sind jetzt schon sehr gut aufgestellt. Team und Helfer arbeiten sehr professionell. Wir haben viele Sponsoren. Natürlich sind die Finanzen immer ein Thema. Von Budgets, wie sie manch große Festivals zur Verfügung haben, können wir nur träumen. Aber vielleicht macht es auch den Charme unseres Festivals aus, dass wir alle mit unseren Möglichkeiten Großes leisten wollen.

Was haben Sie sich für das Geburtstagsjahr ausgedacht?
Drei Monate vor Festivalbeginn präsentiert sich das Internationale Gitarrenfestival in Hersbruck zum ersten Mal mit einem Jubiläumsfestival-Wochenende. In Röthenbach, Lauf und Burgthann wird am ersten Mai-Wochenende ein abwechslungsreiches Programm mit Klassik, argentinischem Tango, brasilianischer Musik, Jazz und Fingerstyle zu hören sein. Mit dabei sind der brasilianische Gitarrist Carlos Barbosa-Lima und der New Yorker Fingerstyle-Gitarrist Adam Rafferty, beide echte Publikumslieblinge. Mit dem Trio meines Bruders, dem Pianisten Cornelius Claudio Kreusch, wird der Konzertsaal in die Atmosphäre eines Jazz-Clubs getaucht. Ich werde mit meiner Frau Doris Orsan argentinische und spanische Musik für Violine und Gitarre spielen.

Gibt es in diesem Jahr Künstler, die bei der Premiere oder in der Anfangszeit dabei waren?
Ich wollte das 20-Jährige bewusst mit vielen Künstlern feiern, die zum ersten Mal in Hersbruck erwartet werden. Natürlich sind auch welche dabei, die mit Hersbruck verbunden sind, wie Carlos Barbosa-Lima. Er hat bei uns einen großen Fankreis und hat sich mit seiner Unmittelbarkeit und seiner genialen Musikalität in die Herzen des Publikums gespielt. Aber generell war die Idee, eben kein „Klassentreffen“ zu veranstalten, sondern ein „Auf-zu-neuen-Ufern“ mit neuen Klängen und Gesichtern. Aber wir werden die Anfangszeit würdigen mit einer Veranstaltung und Einladung von Künstlern der ersten Stunde am Tag vor der offiziellen Eröffnung.
Welche Stile und Künstler stellen Sie den „alten Hasen“ gegenüber?
Carlos Barbosa-Lima wird beim Festivalfinale dem nicht minder bekannten und legendären Gypsy Swing-Meister Stochelo Rosenberg gegenübergestellt. Rosenberg wird mit dem grandiosen jungen Gitarristen Gismo Graf und seinem Trio auftreten. Diesen Abend mit diesen beiden Legenden, die noch nie gemeinsam die Bühne geteilt haben, sollte man sich nicht entgehen lassen!

Haben Sie einen Geheimtipp?
Der 20 Jahre junge russische Fingerstyle-Gitarrist Alexandr Misko, der bei uns im Rahmen der Fingerstyle-Night auftreten wird, ist ein absoluter Geheimtipp. Wenn man bei seinen vielen Millionen Klicks auf Youtube überhaupt davon sprechen kann. Er spielt Welt-Hits von George Michael, A-ha oder Michael Jackson mit innovativen selbst entwickelten Gitarren-Spieltechniken auf so unerwartete und erfrischende Art, dass er sicher bald zu den Stars der Szene gehören wird.

Wie sieht es mit der „Hersbruck Musik Akademie“ aus?
Das Unterrichts- und Workshopangebot für Musiklehrer und interessierte Laien im Rahmen unserer „Hersbruck Musik Akademie (HMA)“ ist essenzieller Bestandteil des Festivals und versteht sich als Weiterbildungsprogramm. International bekannte Dozenten beleuchten in Vorträgen, Workshops und Seminaren neueste wissenschaftliche und pädagogische Erkenntnisse im Bereich der Musikwissenschaft, der Musikpsychologie, Musikmedizin oder Musizierpraxis. In diesem Jahr ist unser Akademieprogramm so umfangreich wie nie zu vor. Beispielsweise wird Alfred Eickholt von der Musikhochschule in Wuppertal über „Begabtenförderung“ referieren, Roland Pfeiffer aus Freiburg wird in die Kunst der Improvisation einführen, der argentinische Lautenist Eduardo Egüez wird Anregungen geben, wie historische Musik interpretiert wird und Michael Langer von der Universität in Wien vermittelt seine langjährige Erfahrung im Unterricht von Klassik und Pop.

Was bedeutet das Festival für Sie und was wünschen Sie sich für die nächsten 20 Jahre?
Die Organisation, Durchführung und Leitung von Festivals und Konzertreihen ist mittlerweile ein zentraler Teil meiner künstlerischen Arbeit geworden. Dabei setze ich auf Langfristigkeit. Ich möchte auch in den kommenden Jahren immer wieder mit unserem Festival neue Wege gehen und selbst überrascht werden. Der große Dirigent Sergiu Celibidache hat einmal Routine als Feind der künstlerischen Arbeit kritisiert. In diesem Sinne darf Ablauf und Organisation eines Festivals routiniert realisiert werden, aber die künstlerisch-programmatische Zusammenstellung sollte immer offen und unkonventionell gestaltet sein.

Informationen zu Konzerten, Kartenverkauf und Künstlern unter https://gitarre-hersbruck.de

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch