Frank Witzel bei den Laufer Literaturtagen

Das Gefühl einer Generation

Nahbar und unkompliziert trat Buchpreisträger Frank Witzel bei den Literaturtagen auf und machte dem Publikum den zuweilen sperrigen Text seines Romans schmackhaft. | Foto: Scharrer2016/11/Frank-Witzel-2.jpg

LAUF — Mit Buchpreisträger Frank Witzel gastierte ein weiterer großer Name der deutschen Literaturszene bei den 21. Laufer Literaturtagen. Dem Autor gelang eine nahbare und schlüssige Lesung.

Tief blickt Frank Witzel in seinem Opus Magnus in die Befindlichkeiten seiner dreizehneinhalbjährigen Hauptperson und verknüpft diesen inneren Monolog mit der Lage der Nation. So leuchten in die „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ auch die Unsicherheiten und Ängste der damaligen Erwachsenengeneration auf. Für diese Leistung wurde Witzel 2015 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Zuhörer in der Aula der Bertleinschule durften miterleben, wie der Roman durch Witzels emphatische Lesung zu einem Leben voll leichtfüßiger Ironie erwachte.

Entzückt reagierte die Generation der wie Witzel ab 1955 Geborenen auf Schlüsselerinnerungen ihrer Jugend: die Erwähnung der Jugendzeitschrift „Staffette“, die „Bessie“-Heftchen, die Fahndungsplakate der Terroristen in den Postämtern und der Wortwitz in den Namen von Pfarrer Fleischmann und Doktor Märklin sprenkeln den inneren Monolog des jungen Roman-Protagonisten.

Der Autor Frank Witzel bleibt dabei ganz nah bei seinem Dreizehneinhalbjährigen, der sich mit ihm  Alter und den geographischen Ort des Aufwachsens teilt. Ein Verdienst des Romans liegt in der präzisen, glaubwürdigen Sprache, der Stimme eines Jungen am Beginn der Pubertät, die den „diffusen Geruch und Geschmack einer Ära in Sprache und konkreten Bildern“(Witzel) auferstehen lässt.

So verankert der Autor im Kopf-Kosmos seines Helden die Zeitgeschichte der von Ängsten bestimmten und von der Last ihrer jüngsten Geschichte noch längst nicht befreiten Bundesrepublik. Zugleich setzt er dem Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsensein ein zeitloses Denkmal: der permanenten Unsicherheit und Beklemmung, der Suche nach verbindlichen und tragfähigen Konzepten fürs Leben, dem zunächst noch wenig skeptischem Nachsprechen und dann dem Abklopfen elterlicher Glaubenssätze.

Das dürfte in der Fülle, dem nicht enden wollenden Kopf-Kino eines verhaltensauffälligen Jugendlichen und den häufigen Perspektivwechseln nicht immer leicht zu lesen sein.

Wer sich aber zur Autorenlesung aufgemacht hat, dem wird jegliche Schwere durch den Vortrag des Textes durch dessen Schöpfer genommen. Der liest so hemmungslos spekulierend, zweiflerisch und authentisch, verzweifelt sich selbst die Rätsel der Welt zu erklären suchend, dass das Publikum entzückt und staunend lauscht.

Auch im Fragenteil erweist sich Witzel, der unglaubliche 15 Jahre an seinen 800 Seiten geschliffen hat, als nahbar und offen. Die Tiefpunkte eines solchen Großprojektes verschweigt er ebenso wenig wie die Ermutigung durch die Auszeichnung mit dem Robert-Gernhardt-Preis für unveröffentlichte Manuskripte – „dass das tatsächlich jemand lesenswert fand!“.

Schwer fand es der Autor nicht, sich in die Gedankenwelt seines „puer aeternus“, des jungen Mannes, der nicht erwachsen werden will, hineinzuversetzen. „Mein Denken ist immer noch so sprunghaft!“, erklärt Witzel.

Auch könne er sich schlecht beschränken, daher die Dicke des Buches. Gehe der Leser aus dem Roman heraus mit demselben diffusen Gefühl, das für ihn der Anlass zum Schreiben gewesen sei, dann sei er zufrieden, schließt Witzel. Die zufriedenen Gesichter seines Publikums erzählen, dass ihm das gelungen ist.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer