Buchkunst

Altes Papier als Grundlage für neue Kunstwerke

Die bunten Farben im „Danke“ entstehen durch verarbeitete Post-Its. Der aus Zeitungspapierrollen geflochtene Baum wird noch angemalt und mit Lichtern verziert. | Foto: M. Gundel2019/10/DSC_1513.jpg

HOLNSTEIN – Wo bei anderen gelesene Bücher im Regal verstauben, greift Christine Simmel gerne zu. Denn die alten Modelle sind ihre Arbeitsgrundlage: Die Oberpfälzerin haucht ihnen mit viel Fingerspitzengefühl neues Leben ein.

„Ich wollte für die Bastelei kein neues Material bestellen“, erklärt die zweifache Mutter ihren Weg zur „Buchkunst“. Sie suchte nach einer Möglichkeit, wie sich Papier „upcyceln“, also aufwerten oder neu verwenden, lässt – und entdeckte geflochtenes Zeitungspapier und gefaltete Buchseiten. Das war vor sieben Jahren. Seitdem sie auf dem Weihnachtsbasar in Hohenstadt ausstellt, stehen ihre talentierten Finger nicht mehr still. Denn den Leuten scheint die filigrane und persönliche Papieraufwertung zu gefallen – und viel Konkurrenz habe sie auch nicht, sagt Simmel.

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Über eine Facebook-Gruppe fand die 41-Jährige aus Holnstein, einem Ort in der Gemeinde Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg, zur Falttechnik. Mit einem PC-Programm lassen sich Vorlagen für die verschiedensten Motive kreieren und ausdrucken. Diese legt Simmel unter jede einzelne Buchseite an die vorgegebene Stelle und weiß dann, wie sie falten muss. „Ein Buch für ein Hochzeitsmotiv hat 700 Seiten – das heißt 350 Mal falten.“ Gebundene Bücher eignen sich am besten für die filigranen Kunstwerke – einfach, weil sie von selbst stehen, erklärt Simmel.

Für einige Motive kommt auch die Schere zum Einsatz: Simmel schneidet die Seiten an den vorgesehenen Stellen ein und klappt das freigelegte Stück um. So entstehen zum Beispiel verschiedene Ebenen im Motiv. „Aber kein Buch wird zerstört – theoretisch kann man es auseinanderfalten und wieder lesen.“

Heraus kommt fast alles, was man sich vorstellen kann. Ein Notenschlüssel, die Umrisse des Haustiers, eine Dampflok, eine Blume oder der persönliche Lieblingsspruch. Sehr beliebt: zwei verschlungene Herzen mit dem Hochzeitsdatum und den Namen des Brautpaares darin. Auch Porträts sind möglich, an sie hat sich Simmel aber noch nicht herangewagt. Drei Tage bis zwei Wochen brauche sie für die Fertigstellung, je nach Motiv. Zwei Wochen Vorlaufzeit räumt sie sich aber für jedes Buch ein. Materialengpässe habe sie nie – Buchflohmärkte 
gebe es genügend, und ihre 
Bekannten seien froh darüber, alte Bücher nicht wegwerfen zu müssen.

Falten statt Fernsehen

„Ich mache das zur Entspannung. Wo andere abends fernschauen, falte ich Bücher“, erzählt Simmel. Trotz der immer mehr werdenden Aufträge ist es für sie noch immer ein Hobby, ihr Geld verdient sie als Büroangestellte in Förrenbach. Denn leben könne sie von der kreativen Arbeit nicht – dafür bräuchte sie mehr Zeit.

Neben der Buchkunst hat Simmel noch selbst gefertigte Karten und Bäume und Körbe aus Papier in ihrem Bastelrepertoire. Auch für die wird kein neues Material verschwendet: Die Dekoelemente entstehen aus alten Zeitungsseiten. Die schneidet Simmel in Streifen, wickelt diese auf einen schmalen Metallstab und verflicht die so entstandenen Papierröhren miteinander. Mit etwas Acrylfarbe und Lichterketten wird daraus 
zum Beispiel ein Recycling-Weihnachtsbaum.

Einziger „Nachteil“ ihres kreativen Hobbys: „Ich lese nur noch mit dem E-Book. Wenn ich ein richtiges Buch in der Hand habe, überlege ich sofort, was ich reinfalten könnte“, lacht Simmel.

N-Land Marina Gundel
Marina Gundel