Erinnerungen an Schulzeit der Autorin Ursula Muhr

Und was blieb wirklich hängen?

Knurrhahn im Thomas Rüger Verlag, Nürnberg, 2017. Ursula Muhr las ihren Aufsatz „Kennst du das Land...“, der in der Benefiz-Anthologie über die Schulzeit erschienen ist. | Foto: Spandler2017/04/muhr.jpg

ALTDORF/NÜRNBERG – Je länger die Schulzeit zurück liegt, desto selektiver erinnert sich unser Gedächtnis an diese für alle prägende Phase unseres Lebens. Aus diesem Grund muss eine Anthologie mit Erinnerungen an die Schule sehr unterschiedliche Geschichten enthalten. Genau das ist der Fall bei dem kürzlich erschienenen Band „Was bei mir wirklich hängen blieb… Erinnerungen an die Schulzeit“, den Thomas Rüger vom Knurrhahn Verlag als Benefiz-Buchprojekt mit Beiträgen von 40 GastautorInnen herausgegeben hat.

Vor kurzem wurde das Buch bei einer Lesung im Nürnberger Caritas Pirckheimer Haus vorgestellt, vier der Autoren haben ihren Schultext vorgetragen, darunter die Altdorferin Ursula Muhr.

Bei der Würdigung der Beiträge ist natürlich der jeweilige historische Kontext zu beachten. „So vereint dieser Band Schulgeschichten aus Ost- und Westdeutschland, aus friedensbewegten und aus nationalsozialistisch geprägten Zeiten“, heißt es im Vorwort. Zudem blickt man auch auf eine ganz besondere Weltregion durch einige afrikanischen Autoren – aus gutem Grund. Der Erlös, der durch den Verkauf der Sammlung zustande kommt, ist als Zuschuss für ein Hilfsprojekt des gemeinnützigen Vereins „Hawelti“ zu sehen: In Axum im Norden Äthiopiens soll mit den Einnahmen des Buchverkaufs eine Schule unterstützt werden. Denn in dieser Einrichtung gibt es Probleme, die man hier nicht kennt: Als der Verein 2007 die Schule das erste Mal besuchte, gab es dort kein Trinkwasser und ein großer Teil der Kinder hatte nicht genug zu essen. Hier konnte mittlerweile schon Abhilfe geschaffen werden. Nun gibt es eine Schulküche, geplant ist jetzt die Einrichtung naturwissenschaftlicher Räume.

Positive und negative Erlebnisse

Zahlreiche bekannte Autoren aus der Region und darüber hinaus haben über ihre positiven und negativen Erfahrungen als Pennäler sinniert und Lustiges, Erschütterndes, Berührendes und nachdenklich Machendes zu Papier gebracht, darunter Rolf-Bernhard Essig, Nora Gomringer, Fitzgerald Kusz, Paul Maar, Oliver Tissot und Michael Zeller. Und eben Ursula Muhr. Sie hat ihre Erinnerungen mit dem Titel „Kennst du das Land…“ überschrieben, und also spielt Goethes Gedicht aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ eine Rolle. Muhr stellt sich nämlich, exakt dem Arbeitsauftrag folgend, die Frage, was ihr denn aus ihrer Schulzeit im Gedächtnis geblieben ist. Nach längerem Grübeln – wirklich bedeutsame Ereignisse drängten sich offensichtlich nicht auf – fällt ihr ein Referat zum Studientag in der zwölften Klasse ein, der unter dem Motto „Tradition“ stand. Mit einer Klassenkameradin beackerte sie „Die Erstarrung der Tradition in der Epigonalität am Beispiel der Lyrik“. Und der Text wäre nicht von Ursula Muhr, wenn sie sich nicht wiederholt mit kräftigem Augenzwinkern der Plagiate angenommen hätte, die nach Goethe zu einem neuen Genre, dem der „Dort-wo-Lyrik“, führten, über das sich Muhr zu Recht herrlich lustig macht, wohl damals als Schülerin schon, wie auch heute als arrivierte Autorin.

Ehrlich geht sie mit sich und ihrer Schulzeit ins Gericht, nicht zu kritisch, aber auch sicher nicht beschönigend: „Das bisschen Schulwissen“, das sie ins Leben danach gerettet hat, sei eher löchrig und „eigentlich nicht der Rede wert“.

Inflation der Nachahmungsliteratur

Mit spitzer Feder erinnert sie sich an die Inflation der entbehrlichen Nachahmungsliteratur und resümiert zurückblickend: „Durch die Übernahme irgendwelcher Versatzstücke, ohne den genauen Sinn zu hinterfragen, kann aus einem zutiefst empfundenen Gedicht mit stimmigen Bildern eine eher sinnfreie Aneinanderreihung von Plattitüden werden.“ In der Tat ein beachtenswerter literaturkritischer Ansatz zur Frage, ob Tradition bedeutsame Auswirkungen auf die Gegenwart hat oder ob deren Negierung auch denkbar und bisweilen sinnvoll wäre.

Durch den für sie typischen ausgeprägten Hang zur Ironie und natürlich den autobiografischen Schlenker wird ihre Rückschau ausgesprochen kurzweilig. Und richtig rund schließlich durch die unterschwellige Kritik an der Bildungseinrichtung von damals („Sehr ungewöhnlich in einer Zeit, als Frontalunterricht noch das einzige Mittel der Wahl war. Eigentlich fast schon sensationell…“).

Eine weitere Lesung aus der Anthologie wird es am Freitag, 30. Juni, geben. An diesem Tag wird das Buch im Rahmen der „Nürnberger Mittagslesungen“ vorgestellt.

Thomas Rüger und Hawelti e.V. (Herausgeber), „Was bei mir wirklich hängen blieb… Erinnerungen an die Schulzeit“, mit Illustrationen von Gerd Bauer, Hanna Lindemayr und des Grafikers Ulrich Matz, Edition Knurrhahn im Thomas Rüger Verlag, Nürnberg, 2017.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler