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23.11.11 17:16 Uhr

Bildung darf nicht nur der Wirtschaft dienen

Von: Isabel Krieger

Ein eingespieltes Paar: Petra Gerster und Christian Nürnberger in der Bertleinaula. Nürnberger stammt aus der Region, aus Schönberg.Foto: Krieger
Ein eingespieltes Paar: Petra Gerster und Christian Nürnberger in der Bertleinaula. Nürnberger stammt aus der Region, aus Schönberg.Foto: Krieger

LAUF — Zehn Jahre ist es her, dass das Autorenpaar Petra Gerster und Christian Nürnberger in Lauf sein erstes gemeinsames Buch „Der Erziehungsnotstand“ vorgestellt hat. Nun sind die beiden in die fränkische Heimat Nürnbergers zurückgekehrt, im Gepäck das mittlerweile dritte gemeinsame Werk zum Thema. Bei den Zuhörern in der voll besetzten Bertleinaula stieß es auf genauso viel Interesse wie das prominente Paar selbst.

„Die hat sich aber gut gehalten“, raunt eine ältere Dame ihrer Nachbarin zu, als Petra Gerster und Christian Nürnberger auf dem Podium Platz nehmen und von Inge Offenhammer vom Familienhaus begrüßt werden. Ein ganzer Fanclub aus Schönberg ist angereist, um Christian Nürnberger zu sehen, der in dem Laufer Ortsteil geboren und aufgewachsen ist. Der nutzt den Heimvorteil gleich für die Aufwärmphase mit dem Publikum und betont charmant, wie sehr er sich freut, mal wieder in Lauf zu sein. 

Das kommt natürlich gut an, genauso wie die zahlreichen Anekdoten aus seiner Kindheit und Jugend, die Nürnberger im Laufe des Abends immer wieder erzählen wird und dabei sympathisch punktet, als der bodenständige Bauernbub, der aus Schönberg in die Welt hinauszog, diese zu verstehen.

Sie sind ein eingespieltes Paar, die groß gewachsene, attraktive, scheinbar alterslose Nachrichtenfrau und der intellektuelle Autor und Journalist – und genauso moderieren und lesen sie sich durch den Abend. Locker, aber professionell die Bälle hin und her spielend, immer wieder ein bisschen Schlüssellochperspektive ins eigene Familienleben bietend, schlagen sie den Bogen vom Privaten zum Beruflichen und kommen dabei sympathisch und integer rüber. 

„Charakter. Worauf es bei Bildung wirklich ankommt“, heißt ihr neues Buch. Doch es ist nicht die x-te Handlungsanleitung zum Umgang mit dem Nachwuchs, die Gerster und Nürnberger da vorgelegt haben, sondern mehr ein philosophischer Versuch, aus der Geschichte die Frage zu beantworten, wie Charakterbildung gelingen kann. Es sind scharfe Analysen, die die beiden da liefern, wenn sie beispielsweise darauf hinweisen, dass die derzeitige Bildungsdebatte eigentlich nur einem Ziel hinterherlaufe, nämlich das Bruttosozialprodukt zu steigern. „Vorne Schüler rein, hinten Diplom-Ingenieur oder Betriebswirt raus“, sei das Ziel der OECD, sagt Nürnberger, doch das könne nicht der Sinn sein, „Bildung gleich Euro, das ist eine fatale Ideologie“.

Vielmehr kommt es dem studierten Theologen und seiner Frau auf Herzens- und Charakterbildung an und diese umfasst weit mehr als den Erwerb von Kompetenzen. Den Ausschlag für ihr neues Buch hat die Finanzkrise gegeben. Hier habe sich gezeigt, dass Charakter in der Wirtschaft keine Rolle mehr spiele, sagt Nürnberger, „und man hat versäumt, danach eine Charakterdebatte anzustoßen“. 

In ihrem Buch zeigen die beiden anhand der jüngeren Geschichte und vieler literarischer Beispiele, dass Bildung nicht unbedingt vor Irrtümern und Unheil schützt. Das habe sich im Dritten Reich gezeigt, wo Verbrechen von gebildeten Leuten gesteuert und begangen wurden. Auch heute, konstatieren sie, habe sich die Professionalität in einigen Branchen komplett von der Ethik abgekoppelt, „das muss rückgängig gemacht werden“, fordert Nürnberger.

Zudem kritisieren Gerster und Nürnberger die Entwicklung neuer „Massencharaktere“ wie den gedankenlosen „Schnäppchenjäger“, der genauso wie der „Profi“ stets nur seinen Vorteil und Gewinn sucht. Das ist einerseits treffend formuliert, wirkt andererseits aber auch etwas eindimensional, denn die Schnäppchenjäger sind nicht nur in heruntergekommenen Dreizimmerwohnungen in Problemvierteln zu finden, sondern auch in überdurchschnittlich gut verdienenden Akademikerexklaven. 

Die anregende Lesung, in der sie neben einigen Vorschlägen zu einer besseren Bildung (Ganztagsschulen, etc.)auch noch zehn Thesen des Philosophen Robert Spaemann zur Charakterbildung formulieren, bleibt nicht ohne Wirkung. Nach der Pause, in der das druckfrische neue Buch weggeht wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln und gleich noch von den Autoren signiert wird, kommen etliche Fragen aus dem Publikum. Auch zur eigentlich weithin bekannten Liebesgeschichte – Bekanntschaft durch Zeitungsannonce –, die Petra Gerster gerne noch einmal zum Besten gibt. Aber auch zur Einschätzung, wie sich die Bildung künftig entwickeln wird. Da sind sich die beiden einig, dass bessere Bildung langfristig nur in einem europaweiten Prozess stattfinden kann, in dem gemeinsame Werte entwickelt werden. Dabei müsse es wieder ein Primat der Politik über die Wirtschaft geben.

Ach ja, eines dürfte die Laufer noch freuen: Künftig will Christian Nürnberger nicht mehr alle zehn Jahre in seine Heimat kommen, sondern alle zwei Jahre. Ob 2013 schon ein neues Buch fertig ist? 




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