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24.09.10 16:56 Uhr

Sissi Perlinger: „Brettlschnepfe“ in der Sinnkrise

Von: Thomas Kohl

Eine – buchstäblich – gute Figur machte Sissi Perlinger nicht nur im Leopardenlook, sondern auch ganz allgemein bei ihrer Vorpremiere. Foto: Kohl

DEHNBERG — „Gönn dir ne Auszeit“ heißt Sissi Perlingers neue Show, die am 9. Oktober im Circus Krone in München Premiere hat. Mit drei Auftritten im Dehnberger Hof Theater bereitet sich die 46-jährige „Brettlschnepfe“ darauf vor. Die erste der drei Vorpremieren meisterte sie am Donnerstag vor einem Sparkassen-Testpublikum. Freitag und Samstag Abend geht’s nochmal in die Vollen – die Künstlerin will bei jedem Auftritt besser werden.

Ehrgeizig war sie schon immer, die Perlinger. Und ein bisschen ausgeflippt. „Es heißt, ich hätte schon in der Wie­ge ununterbrochen vor mich hin ge­sun­gen und nie geweint“, erzählt sie. Ein musikalisches, schauspielerisches und schreibendes Talent, das immer gut drauf ist und sein Publikum zu Beifallsstürmen hinreißt. Immer?

Jeden Menschen packt mal eine Sinnkrise, auch einen Bühnen-Derwisch wie Sissi Perlinger. Spätestens wenn der Tinnitus zuschlägt – ein Zeichen von Überlastung. Da powert man jahrelang, musiziert, singt, tanzt und schreibt, was das Zeug hält. Freut sich über den Erfolg, sonnt sich in der Anerkennung. Und dann rumort es im Ohr, nein in beiden. „Da haben Sie ja gleich zwei Tinnitussis, hat der Arzt gesagt.“ Tolle Diagnose.

Zeit für eine Auszeit. Möglichst kurz und effektiv, denn es soll ja bald ohne Ohrenpfeifen im Turbo-Tempo weitergehen. „Ich weiß, eigentlich sollte ich runterschalten. Aber ich will den Anschluss an die Spitze halten!“ Stress-Syndrom? Burnout? Das muss sich doch überwinden lassen. Aber wie?

„Als Erstes buchte ich ein Wochenende in einer niederbayerischen Wellness- und Beauty-Hühnerfarm“, gesteht die ausgepowerte Powerfrau. Oh je, wie es da zuging! Sissi Perlinger wird philosophisch, warum die Evolution Menschen in unseren Kulturkreisen Körperformen verleiht, die dem lange Zeit gültigen Schönheitsideal eindeutig widersprechen. Nun, an der Völlerei haben einige Nahrungsmittelproduzenten gut verdient, und den Schönheitschirurgen bringt’s fetten Lohn.

Der Schönheitswahn und die Medien! „Wir Frauen kaufen keine Wichsheftchen. Wir geilen uns dran auf, wenn wieder mal ein Paparazzi einen Weltstar mit Zellulitis erwischt hat!“ Schönheits-OPs? Teuer, manchmal schmerzhaft, gelegentlich verunstaltend. Aber im Grunde völlig normal: „Jede Frau muss sich ab einem gewissen Alter entscheiden, was sie werden möchte: Kuh oder Ziege“, meint die Kabarettistin.

Ihre ersten Versuche, mit einer kurzen, aber intensiven Auszeit wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen, haben wenig gebracht, gesteht sie. „Das Pfeifen wurde lauter. Das war der Freizeitstress. Was ich jetzt brauchte, war eine Auszeit von der Auszeit.“

Den Verlockungen der Werbung konnte sie – als kritisch denkender Mensch – halbwegs widerstehen. Freilich probierte sie verschiedenste, auch sehr teure Entspannungstherapien aus. Sie holte sich Rat bei Fachleuten, die zumindest durch ihre Selbstdarstellung als solche wirkten. „Ein Tinnitus-Experte erklärte mir:  Es pfeift, weil die Luft im Hohlraum zwischen Ihren Ohren auf keinerlei Widerstand trifft.“ Ein Therapeut befahl: „Sie setzen sich jetzt vier Wochen lang in einen Schaukelstuhl und hören in sich hinein – und in der fünften Wochen fangen Sie ganz langsam an zu schaukeln.“ Gut, Kabarett lebt von der Übertreibung.
Der weltweite Markt offeriert viele Entspannungs- und Therapieangebote, aber keines habe sich bei ihr wirklich bewährt, sagt die gestresste Künstlerin. Da erschien ihr plötzlich Prinzessin Lilienfee mit dem entscheidenden Tipp: „Flieg nach Indien, dort wirst das Glück du findien!“ Eine Selbstfindungsreise voller intensiver Eindrücke, die sie zunächst gar nicht einordnen konnte: Nahtod-Erlebnisse bei halsbrecherischen Rikscha-Transfers, Dauerdurchfall wegen verseuchtem Leitungswasser, Meditationen, die durch ein Hautjucken gestört wurden, dessen Ursache sie gar nicht wissen möchte.

Wieder zu Hause erkannte sie das echte Glück: saubere Umgebung, nette Menschen, ein lieber Hund, der sie herzlich begrüßt. Es war ihr schon immer nah gewesen, sie hatte es nur nicht wahrgenommen. Erst die teure, unkomfortable, gefährliche Expedition hatte ihr die Augen geöffnet. Jetzt will sie runterschalten und dieses neue Bewusstsein genießen – zumal der Tinnitus weg ist. Ein schönes Märchen, von einem Wirbelwind unterhaltsam in Szene gesetzt.

Vier Jahre lang will Sissi Perlinger mit dieser Show durch die Lande ziehen. Die Vorpremieren im Dehnberger Hof Theater sind als Probelauf zu verstehen. Sie erkundet, was ankommt und an was sie noch feilen muss. „Die Premiere am 9. Oktober in München wird sicher schon anders aussehen“, sagte sie nach der ersten Aufführung im kleinen Dehnberger Hof Theater. Die nächsten Spielorte in Süddeutschland und der Schweiz werden viel größer sein.




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