Schnaittach gegen Pläne zur 380-kv-Stromtrasse

Widerstand zeigt Erfolg

Schon jetzt spannt sich eine Hochspannungsleitung über Schnaittach – mit „P44mod“ könnten die Masten deutlich höher werden. Dann würde auch mehr Strom transportiert werden.
Schon jetzt spannt sich eine Hochspannungsleitung über Schnaittach – mit „P44mod“ könnten die Masten deutlich höher werden. Dann würde auch mehr Strom transportiert werden. | Foto: Schuster2016/02/strommast-in-schnaittach-wohngebiet.jpg

SCHNAITTACH — In Schnait­tach regt sich erster konkreter Widerstand gegen die Pläne, die mitten durch den Markt führende Hochspannungsleitung für einen höheren Stromtran­s–port auszubauen (380 kV Wechselstrom und höhere Masten). Bei einer Infoveranstaltung der Bunten Liste und der Neunkirchener Initiative Gegenstrom erklärten sich etwa 25 Bürger bereit, in einer neuen Initiative mitzuarbeiten. Eine Gegenwehr, die vielleicht schneller Erfolg zeigt, als man glaubte: Weil Netzbetreiber Tennet mit erheblichem Widerstand beim Netzausbau rechnet, so Unternehmenssprecher Markus Liebermann, seien die 380-kV-Leitungen in Wohngebieten kaum mehr durchzusetzen, sodass an Umgehungen mit neuen Trassen wohl kein Weg vorbeiführe.

Unter dem Namen „P44mod“ firmiert die vorhandene Schnaittacher Wechselstromtrasse mit 220 kV in den Plänen des Netzausbaus. Die Leitung kommt aus Nordwesten über Eckental und Kirchröttenbach nach Schnaittach und führt von hier aus weiter vorbei an Rollhofen, Speikern und Ottensoos nach Altdorf. Wenn dieser Ausbau kommt, so die Befürchtung der Bürgerinitiativen, die sich über das Aus der Gleichstrommonstertrasse in der Region schon gefreut hatten, gerate man in Schnaittach und Neunkirchen durch die Nähe der Leitung zu Wohngebieten regelrecht vom Regen in die Traufe (die Pegnitz-Zeitung berichtete).

Der Bürgerverein Gegenstrom aus Neunkirchen hatte deshalb zur Infoveranstaltung in die Kapuzinerklause am Marktplatz eingeladen. Organisiert hatte die Veranstaltung Thomas Winter von der Bunten Liste. Ziel war es, die Schnaittacher Bevölkerung „wach zu rütteln, damit diese erkennt, was nun von Seiten der Stromnetzbetreiber geplant ist“, so Herbert Reißlein von der Bürgerinitiative Neunkirchen.

Nur wenige Schnaittacher

Allerdings waren erstaunlich wenige Bürger aus dem Kernort Schnait­tach zu dieser gut vorbereiteten Veranstaltung gekommen. Auch Bürgermeister Frank Pitterlein war im Gegensatz zu seiner Neunkirchener Kollegin nicht anwesend. Trotzdem gab es keine freien Plätze mehr in dem Gastraum.

Winter konnte vom Bürgerverein Gegenstrom Neunkirchen dessen Vorsitzende, Antje Rückschloss, Herbert Reißlein und den Mediziner Reinhard Knorr als Redner begrüßen. Winter berichtete, dass mit den neuen Plänen der Stromversorgung nun der Netzbetreiber Tennet betraut wurde und die vorhandenen Strommasten „ertüchtigt“ werden müssten. Dann würden die Starkstrommasten wahrscheinlich deutlich höher werden als die Hochspannungsmasten, die schon direkt neben der Hauptschule und dem neu erbauten Seniorenheim stehen.

Herbert Reißlein, der sich schon mehrere Jahre mit der Thematik der Stromversorgung befasst hat, informierte ausführlich über die Netzentwicklung und deren Kosten. Er fordert mehr Transparenz und ist sicher, dass die vorhandenen Leitungskapazitäten völlig ausreichend seien.

„Kraftwerke, wo keiner wohnt, erfordern lange Übertragungsleitungen“, sagt Reißlein und sieht dabei, dass mit der Inbetriebnahme der Thüringer Strombrücke die Tran­s­portkapazität ausreichend gegeben sei. Inbesondere stellte er auch die Braumkohlekraftwerke als klimaschädlich und giftig an den Pranger. „Die Subventionen zahlen wir alle – den Gewinn schluckt der Konzern, den Dreck schluckt der Bürger.“

Den gesundheitlichen Aspekt zur geplanten „P44mod“-Stromleitung beleuchtete der Speikerner Arzt Dr. Reinhard Knorr anschaulich. „Die gesundheitlichen Folgen wurden bisher viel zu wenig diskutiert“, sagt der engagierte Allgemeinmediziner, der auch im Neunkirchener Bürgerverein aktiv ist. In seinen Ausführungen beschrieb er die Auswirkungen von elektromagnetischen Feldern und deren mögliche Folgen.

„Bei jedem stromführenden Kabel entsteht ein elektromagnetisches Feld. Bei Wechselstrom lösen sich diese Felder von der Leitung und verbreiten sich ähnlich wie bei Radiowellen. Es entsteht damit quasi eine gigantische Antenne mit elektromagnetischer Strahlung.“ Dabei gehörten Schlafstörungen noch zu den geringsten Schädigungen. „Der Mensch und die intakte Umwelt müssen im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen“, so Knorr.

Strom aus der Region

Als Vertreter der Bürgerenergiewerke Schnaittachtal (BEW) referierte Wolfgang Saffer. Die BEW sieht ihr Ziel darin, mit regenerativer Energieerzeugung den Strom dort zu produzieren, wo er gebraut wird. Saffer nannte Beispiele wie den Bau von Photovoltaikanlagen oder zuletzt von Windkrafträdern bei Betzenstein.

Bei allen Sprechern tauchte immer wieder die Stromspeicherfrage auf. Dann wären die Spannungsspitzen im Stromnetz kein Problem und es müsste nicht eine riesige Stromvernetzung für den Handel zwischen Norwegen und Portugal gebaut werden, so die Meinung. Die Industrie forsche an der Speichertechnologie mit Hochdruck und es könnte durch aus sein, dass noch vor einer Inbetriebnahme einer Monstertrasse Stromspeicher zur Verfügung stünden, die dann eine Trasse zusätzlich überflüssig machen könnten.

Antje Rückschloss stellte als letzte geplante Rednerin den Bürgerverein vor und erklärte auch, dass bewusst diese Form des eingetragenen Vereins gewählt wurde, denn ein Verein kann vor Gericht klagen, eine Bürgerinitiative nicht. Sie verwies auf die Möglichkeit eines Zusammenschlusses der bestehenden Initiativen. Am Ende waren 25 Bürger bereit, sich in irgendeiner Form einzubringen, und es wurde beschlossen, sich in genau vier Wochen wieder in der Kapuzinerklause zu treffen, um „Nägel mit Köpfen zu machen“.

Weitere Beiträge in der Diskussion um die Stromtrassen folgten. Stephan Tralau behauptete, dass es spätestens in zehn Jahren keinen Kohlestrom mehr gebe und damit die Leitungen überflüssig werden würden. Olaf Lüttich von der Bürgerinitiative Leinburg wie auch Georg Hofrichter betonten den Klimaschutz und mahnten an, selbst aktiv zu werden.

Dass zum Zeitpunkt der Versammlung in Schnaittach der neue Planer Tennet seine Teilnahme an der Altdorfer Info-Veranstaltung zum Netzausbau abgesagt hatte, war den Rednern dem Anschein nach noch nicht bekannt. Trotzdem findet die Infoveranstaltung am Freitag um 19 Uhr im Sportpark statt.

N-Land Udo Schuster
Udo Schuster