Schnaittacher Harald Kiesl ist seit fast 30 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr

Die Kameradschaft ist das A und O

Mit Schaum löscht Harald Kiesl (Mitte) zusammen mit Kameraden der Schnaittacher Freiwilligen Feuerwehr einen brennenden Lastwagen auf der A 9. Rund 15 Kilogramm schwer ist die komplette Ausrüstung eines Atemschutzgeräteträgers inklusive Sauerstoffflaschen.
Mit Schaum löscht Harald Kiesl (Mitte) zusammen mit Kameraden der Schnaittacher Freiwilligen Feuerwehr einen brennenden Lastwagen auf der A 9. Rund 15 Kilogramm schwer ist die komplette Ausrüstung eines Atemschutzgeräteträgers inklusive Sauerstoffflaschen. | Foto: Privat2016/02/Harald-Kiesl-Feuerwehr-Schnaittach-Einsatz-Lkw-Brand-Foto-Feuer.jpg
Im Ernstfall heißt es Jackett ausziehen, Schutzanzug und Helm anziehen.
Im Ernstfall heißt es Jackett ausziehen, Schutzanzug und Helm anziehen. | Foto: Kirchmayer2016/02/Harald-Kiesl-Feuerwehr-Schnaittach-8.jpg

 

SCHNAITTACH — Mitten in der Nacht aufstehen, zur Feuerwache fahren und sich in den schweren Schutzanzug zwängen, weil es auf der Autobahn gekracht hat? Viele Menschen können sich Schöneres vorstellen. Für Harald Kiesl ist das eine Selbstverständlichkeit. Der 43-Jährige ist mit Leib und Seele bei der Freiwilligen Feuerwehr in Schnaittach. Mit der PZ sprach er über Einsätze, die Vereinbarkeit mit Familie und Beruf und den schlimmsten Tag für die Schnait­tacher Freiwillige Feuerwehr.

Der Dachstuhl des Schnaittacher Einfamilienhauses brennt, dichter schwarzer Rauch steigt auf, Flammen züngeln aus dem Gebäude. Bloß weit genug weg von der Gefahr, wäre für viele Menschen der erste Gedanke.

Für Harald Kiesl gilt das nicht. Der Schnaittacher ist bei der Freiwilligen Feuerwehr der Marktgemeinde und sogenannter Atemschutzgeräteträger. Zusammen mit einem Kameraden wird er in brennende Häuser geschickt, um sie von innen zu löschen. „Man bekämpft Feuer dort am besten, wo sie entstanden sind“, erklärt Kiesl. Wie an jenem Augustmorgen im Jahr 2003. Sieben Uhr, Kiesl wird von seinem Piepser aus dem Schlaf gerissen, kurz darauf steht er vor dem brennenden Haus. Vorsichtig betritt er zusammen mit einem Kameraden das Haus, sie steigen die Treppe herauf, mit einem beherzten Tritt öffnet Kiesl eine Tür und löscht dann das Feuer, das dahinter lodert. Das ist seine Aufgabe, und er macht es freiwillig.

Emotionen wie Angst sind in so einer Situation fehl am Platz. In Übungen wird der Ablauf bei Einsätzen aller Art etliche Male durchgespielt, und im Ernstfall heißt es funktionieren. „Wenn man etwas kann und gelernt hat, traut man sich auch, das umzusetzen. Man lernt, in Notsituationen qualifiziert zu arbeiten.“
Dazu gehöre aber mehr als nur von den eigenen Fähigkeiten überzeugt zu sein. „Wenn ich in ein brennendes Haus gehe, muss ich mich zu 100 Prozent auf meinen Kameraden verlassen können“, sagt Kiesl. Der zweiköpfige Atemschutztrupp „muss eingespielt sein, sich blind verstehen“.

Dabei ist in brennenden Häusern oft die Orientierung trotz tragbarer Lampen das größte Problem. Als in der früheren Produktionshalle der Brauerei Schaffer vor drei Jahren ein Feuer ausbrach, erinnert sich Kiesl, seien die Wände komplett schwarz vor Ruß gewesen. Dann gehe es eben nur sehr langsam vorwärts. Im Ernstfall geht Eigenschutz vor Fremdschutz, stellt Kiesl klar. Wenn ein Haus einsturzgefährdet ist, bleiben er und seine Kameraden draußen. Dass Feuerwehrleute von Flammen eingeschlossen werden, wie in manchem Hollywoodfilm, sei „kein realistisches Szenario“. So eine Bedrohung erkenne man vorher und könne dann darauf reagieren. „Wir sind geschult, den Rückzugsweg zu sichern.“

Kiesl war schon als Bub dafür prädestiniert, später bei der Freiwilligen Feuerwehr in Schnaittach mitzumachen. Sein Vater war dort Kommandant, der Taufpate, der Firmpate, der Onkel, praktisch die ganze Familie waren dabei. Als Kind hat er es oft erlebt, dass mitten in der Nacht die Sirene in Schnaittach heulte: Feueralarm. Die Mutter holte dann hastig den Schutzanzug des Vaters, der zog sich an und eilte zum Einsatz. „Das sind prägende Erinnerungen.“
Zudem war Kiesl bei der katholischen Jugend. Der damalige Schnait­tacher Pfarrer Konrad Ringel hatte das Motto „Feuerwehrdienst ist Gottesdienst“, erinnert sich Kiesl. Viele aus den Reihen der katholischen Jugend seien später zur Feuerwehr gegangen. „Gutes zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen – diese Einstellung haben wir aufgesaugt.“ Kiesl begann also zum frühestmöglichen Zeitpunkt, mit 14, bei der Feuerwehrjugend. „Heuer im September habe ich mein 30-jähriges aktives Dienstjubiläum“, sagt er nicht ohne Stolz. Mit 18 wurde er Feuerwehrmann, dann Ober- und Hauptfeuerwehrmann. Sein Karriereziel war damit erreicht, in die Führung will er aus beruflichen Gründen nicht. Kiesl ist Geschäftsführer der Stadtwerke Hersbruck. Seit er die Stelle hat, rückt er hauptsächlich nachts mit aus, tagsüber sind die Kameraden einfach schneller an den Einsatzorten in der Marktgemeinde.

Für die meisten Chefs, sagt Kiesl, ist es in Ordnung, wenn Arbeitnehmer mitten in der Arbeitszeit zu Einsätzen ausrücken. Zwei seiner Mitarbeiter sind bei der Freiwilligen Feuerwehr Hersbruck. Wenn es allerdings Wichtiges zu erledigen gibt, fährt man eben nicht mit zum Einsatz, erklärt Kiesl. „Die sind selbst schlau genug zu sagen, da geht es, da geht es nicht.“ Das gelte grundsätzlich bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Und was sagt Kiesls Frau dazu, dass er regelmäßig nachts zu Einsätzen muss, außerdem zwölfmal im Jahr zu Übungen? Sie akzeptiert das glücklicherweise, sagt der 43-Jährige, auch ihr Bruder ist bei der Wehr. „Aktiver Feuerwehrdienst geht nur dann, wenn der Partner Verständnis dafür hat und einem den Rücken frei hält,“ stellt Kiesl klar.

In 30 Jahren bekommt man viel mit. Von der einfachen technischen Hilfeleistung über Hausbrände bis zu schweren Verkehrsunfällen. Als im vergangenen Sommer auf der A 9 bei Schnaittach zwei junge Menschen, die auf dem Heimweg von einem Fußballspiel in Österreich waren, tödlich verunglückten, war Kiesl als einer der Ersten an der Unfallstelle. Auch in so einer Situation bleibt für Emotionen zunächst keine Zeit. Die Kameraden müssen die Unfallstelle sichern, das Leben weiterer, schwer verletzter Unfallopfer retten, die womöglich noch in einem Auto eingeklemmt sind. „Das Hilfe-Schema läuft ab, man besinnt sich auf das, was man kann.“

Erst später werden die Erlebnisse verarbeitet. Bestimmte schreckliche Bilder prägten sich zwar ein, doch „man lernt, damit umzugehen“. Dafür seien die Gespräche mit den Kameraden sehr wichtig. Das galt vor allem nach dem schlimmsten Tag in der Geschichte der Schnaittacher Wehr: Am 8. April 2014 sicherten Kiesls Kameraden eine Unfallstelle an der A 9 ab, als ein Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit in ein parkendes Feuerwehrauto raste (die PZ berichtete).

Der Kraftfahrer starb, ein junger Feuerwehrmann aus Schnaittach, erst Anfang 20, kam ebenfalls ums Leben, ein anderer wurde schwer verletzt. „Das war schon eine Zäsur“, sagt Kiesl. Der tote Kamerad wuchs in seiner Nachbarschaft auf, sie kannten sich seit vielen Jahren. „So einen markanten Einschnitt hat es noch nie gegeben.“

Der 43-Jährige war nicht beim Einsatz dabei, aber die Nachricht vom Tod des Feuerwehrmannes erreichte ihn sehr schnell. Noch am gleichen Tag gab es ein Treffen der Schnaittacher Feuerwehr, in dem der tragische Unfall zusammen mit einem Psychologen aufgearbeitet wurde. „Es hätte jeden treffen können“, sagt Kiesl. „Sein Tod hat unsere Wehr noch enger zusammengeschweißt.“

Kameradschaft ist enorm wichtig, findet Kiesl. Für spöttische Sprüche wie den, dass Feuerwehrleute vor allem ihren eigenen Brand löschen, hat er wenig übrig. Wenn man sich im Notfall aufeinander verlassen muss, „gehört es auch dazu, dass man die Kameradschaft pflegt, und dazu gehört auch das gemeinsame Bier.“ Viele Feuerwehrleute seien befreundet, einmal im Jahr gibt es ein großes Fest. Der Großteil der Bevölkerung wisse den Einsatz der Ehrenamtlichen zu schätzen, ist Kiesl überzeugt.

Ob seine drei Söhne, Zwillinge im Alter von zehn Jahren und ein Neunjähriger, später auch einmal zur Freiwilligen Feuerwehr gehen? Die Einsätze des Vaters bekommen sie natürlich ebenso mit wie Kiesl selbst, als er noch ein Kind war. Druck möchte er aber keinen ausüben. „Die haben ja noch vier Jahre Zeit. Wenn sie das möchten, würde es mich freuen. Wenn nicht, ist es halt so.“

Kiesl will, trotz Arbeit und Familie, so lange weitermachen, wie er darf. Aktuell wird im Freistaat eine Erhöhung des möglichen aktiven Dienstes von 63 auf 65 Jahre diskutiert. Kiesl findet, dass nichts dagegen spricht, und wünscht sich, dass es zur Gesetzesänderung kommt. Denn dann steht einem letzten Ziel des 43-Jährigen als Feuerwehrmann nichts entgegen: „Ich habe den Ehrgeiz, mein 50-jähriges aktives Jubiläum zu erreichen.“

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer