Nach Anschlag auf deutsche Reisegruppe

Plötzlich will niemand mehr in die Türkei

Hier tummeln sich die Istanbul-Touristen noch auf dem Platz zwischen „Blauer Moschee“ (im Hintergrund) und Hagia Sophia. Nachdem ein Selbstmordattentät er dort am Dienstag zehn deutsche Urlauber getötet hat, ist die Nachfrage nach Reisen an den Bosporus auch im Landkreis gesunken.
Hier tummeln sich die Istanbul-Touristen noch auf dem Platz zwischen „Blauer Moschee“ (im Hintergrund) und Hagia Sophia. Nachdem ein Selbstmordattentät er dort am Dienstag zehn deutsche Urlauber getötet hat, ist die Nachfrage nach Reisen an den Bosporus auch im Landkreis gesunken. | Foto: Thomas Braun2016/01/pz-113279_istanbulblauemoscheetouristhomasbraun.jpg

LAUF/RÖTHENBACH — Der Anschlag in Istanbul am Dienstag lässt auch die Menschen im Nürnberger Land nicht kalt: Viele Touristen wollen jetzt nicht mehr in die Türkei. Auch die Reisebüros im Nürnberger Land bekommen das zu spüren. Eine kostenlose Stornierung bereits gebuchter Reisen klappt aber nur in Ausnahmefällen.

„Wir sind unter Druck“, sagt Stefanie Gröschel-Winkler. Die Geschäftsführerin von Gröschel Reisen in Lauf hat derzeit alle Hände voll zu tun. „Es geht um gebuchte Reisen in die Türkei, die storniert oder umgebucht werden sollen, und um Angebote, die jetzt nicht wahrgenommen werden.“

Es geht um Angst. Nach dem verheerenden Terroranschlag auf eine deutsche Reisegruppe am Dienstag in Istanbul, bei dem zehn deutsche Touristen ums Leben kamen, überlegen sich auch die Menschen im Nürnberger Land zweimal, ob sie wirklich in die Metropole am Bosporus reisen wollen.

Für die kostenlose Stornierung einer bereits gebuchten Reise, klärt Gröschel-Winkler auf, sind die Touristen auf die Kulanz der Reiseveranstalter angewiesen. Denn eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gibt es weder für Istanbul noch für die gesamte Türkei.

Der Hintergrund: „Wenn vom Auswärtigen Amt eine Reisewarnung für das jeweilige Ziel ausgesprochen wird, muss der Veranstalter handeln“, erklärt Dietmar Scherer von HKS Reisen in Röthenbach. Gibt es keine offizielle Warnung, kommen die Reiseveranstalter nach Anschlägen besorgten Kunden meist nur bei unmittelbar bevorstehenden Urlauben entgegen, sagt Gröschel-Winkler. Die Reisebüros erhalten dann eine E-Mail mit den Bedingungen. „Tui zeigt sich in der aktuellen Situation kulant und bietet Istanbul-Reisenden mit Anreisetermin bis zunächst einschließlich 18. Januar an, gebührenfrei auf ein anderes Reiseziel oder einen anderen Reisezeitraum umzubuchen oder zu stornieren“, heißt es etwa im offiziellen Schreiben des Reiseveranstalters, das am Dienstag verschickt wurde. Wer seine gebuchte Reise nach Antalya oder Side nicht mehr antreten will, kann also nicht mit einem Entgegenkommen rechnen.

Auch Scherer hat die Erfahrung gemacht, dass seit Dienstag für viele Kunden die Türkei als Reiseziel nicht mehr in Frage kommt. „Um Gottes willen, bloß nicht“, höre er aktuell häufig in Beratungsgesprächen. Mit Stornierungen ist er aber nicht beschäftigt. Wer bereits bei HKS Reisen gebucht habe, sei in den vergangenen Tagen nicht wieder abgesprungen.

Scherer sieht einen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und den Sorgen der Kunden. Solange ein Anschlag in den Medien sei, hätten die Bürger Angst. „Sobald das aber vom Tisch ist, nach zwei bis drei Wochen, ist es auch beim Kunden vom Tisch.“

Weniger Reisen nach Ägypten

Allerdings machten sich Touristen nach den Anschlägen auch in Tunesien oder Paris im vergangenen Jahr grundsätzlich mehr Sorgen als früher, heißt es von den Mitarbeitern der Reisebüros unisono. „Die Kunden sind sich dessen bewusst, dass es ein Risiko gibt“, hat Holger Crone vom Reise-Center Leikauf in Lauf festgestellt. Bereits seit 2011, also seit dem Beginn des Arabischen Frühlings, gingen vor allem die Reisebuchungen für Nordafrika deutlich zurück. „Viele Hotels in Ägypten sind nur zu 20 Prozent gefüllt“, sagt Crone, der wirtschaftliche Schaden für die Hoteliers und das ganze Land sei immens.

Nur im Winter, wenn Flüge in ähnlich warme Gefilde viel teurer sind, sei das Land der Pyramiden und Pharaonen für Badeurlauber weiterhin das Ziel Nummer eins, ergänzt Scherer. Auch bei Tauchern bleibt Ägypten hoch im Kurs. Die Sommerurlauber aber suchen seit Jahren nach Alternativen.

Davon profitieren natürlich andere Urlaubsländer, vor allem Spanien und bisher auch die Türkei, sagt Gröschel-Winkler. Sie glaubt nicht, dass der Anschlag in Istanbul für das Land langfristige Folgen habe. Andererseits: „Wenn man der Türkei schaden will, ist so ein Attentat ein guter Weg.“

Absolute Sicherheit gebe es heute aber nirgendwo, auch in Deutschland nicht, geben die Reiseprofis zu bedenken. Menschenansammlungen könnten in Istanbul genauso das Ziel von Selbstmordattentätern werden wie in Hamburg, München oder auch Nürnberg. „Es kann jeden überall treffen. So schrecklich das ist, wir müssen uns darauf einstellen. Das sage ich meinen Kunden auch so“, sagt Gröschel-Winkler.

Sowohl sie als auch ihr Kollege Crone wollen dieses Jahr noch privat in die Türkei. „Es gibt für Familien nichts Besseres als die türkische Riviera“, schwärmt Crone, der mit Frau und Kindern jedes Jahr eine neue Hotelanlage ausprobiert. „Bis jetzt war jeder Urlaub wunderschön.“

unwohl fühlt, darf die Reise nicht antreten.“

Ins gleiche Horn stößt auch Crone. Wer mit einem schlechten Gefühl in den Urlaub fahre oder fliege, könne sich nicht erholen.

Auch die Reisebüros könnten von Umsatzeinbußen betroffen sein, sagt Dietmar Scherer. Er bezeichnet sich selbst als „Ägyptenspezialist“.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer
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